Falsche Polizisten verunsichern Senioren

Die Kriminalpolizei klärt auf über Telefonbetrug im großen Stil

Florian Wallner von der Presseabteilung der PI Kaufbeuren und Holger Stabik, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West
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Florian Wallner von der Presseabteilung der PI Kaufbeuren und Holger Stabik, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West beim Pressegespräch zum Telefonbetrug an Senioren.

Kaufbeuren – Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Das Telefon klingelt und es meldet sich die Polizei. Im Hintergrund ist Sirenengeheul und Polizeifunk zu hören. „Wir haben erfahren, dass eine rumänische Diebesbande bei Ihnen einbrechen will. Wenn Sie allein leben und Geld und Wertgegenstände im Haus haben, wäre es am besten für Sie, diese einem unserer Kollegen zu übergeben, damit die Polizei sie für Sie sicher aufbewahren kann.“ Wie würden Sie reagieren?

Eine 90-jährige Kaufbeurer Bürgerin hat etwas Ähnliches erlebt. Bei ihr riefen die „Polizisten“ abends um 22 Uhr an, um sie mit Information über einen angeblich geplanten Einbruch in Angst zu versetzen. Als sie angab, dass ihr Geld auf der Bank liege, erfolgten die ganze Nacht lang Anrufe in kurzen Abständen, um sie unter Druck zu setzen und sie zu überzeugen, dass auch die Bankbeamten nicht vertrauenswürdig und mit in dem Komplott seien, mit dem sie um ihre Ersparnisse gebracht werden sollte. Gegen Morgen, als die Banken wieder öffneten, war die alte Dame zermürbt genug, um mit einem „Polizisten“ im Taxi zur Bank zu fahren, einen beträchtlichen Betrag abzuheben und dem vermeintlichen Polizisten „zur sicheren Verwahrung“ zu übergeben. Dann wurde die gehbehinderte Seniorin in Wind und Wetter einfach vor der Bank stehen gelassen.

Psychische und physische Folgeschäden

Daraufhin kontaktierte das Opfer die richtige Polizei und meldete den Vorfall. Betroffen berichtete der für diese Art von Delikten zuständige Sachbearbeiter bei der Polizei-Inspektion (PI) Kaufbeuren, Kriminalhauptkommissar Rainer Stuhlmiller, wie sich dieses Erlebnis auf die Frau psychisch und physisch ausgewirkt hat. Bei der Erstattung der Anzeige war sie noch energisch und selbstbestimmt, hatte die Ausstrahlung eines regen Menschen und war in der Lage, an einem Phantombild des bei der Polizei so genannten Abholers mitzuarbeiten. Bei einem späteren Besuch fand Stuhlmiller ein zusammengesunkenes, zitterndes Häufchen Elend vor. Die Lebenskraft der Frau war untergraben und ihr Vertrauen in die Obrigkeit verloren. Sie litt unter Schlaflosigkeit und Ängsten, wogegen sie starke Medikamente benötigte. Dabei war der materielle Verlust zwar schlimm genug, aber fast ein sekundäres Problem. Vielmehr hatte der Ärger über den Betrug ein unüberwindliches Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlusts der Kontrollmöglichkeit erzeugt und das Opfer in nur zwei Jahren völlig antriebslos werden lassen. Sie hatte ihr Leben aufgegeben.

Kein Einzelfall – Zahl der Betrugsanrufe steigend

Bedauerlicherweise ist die Geschichte dieses Opfers kein Einzelfall. In den letzten Jahren haben laut Auskunft von Holger Stabik, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West, derartige Vorgehensweisen von professionell agierenden Callcentern im gesamten Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums stark zugenommen. Von acht Anrufen im Jahr 2016 steigerte sich die Anzahl kontinuierlich auf 1952 Anrufe im Jahr 2019. Zum Glück waren die wenigsten davon (etwa ein Prozent) erfolgreich. Dennoch gehen die so erbeuteten Werte insgesamt in die Millionen. Die massiven seelischen und körperlichen Folgeschäden der Opfer werden dabei von den skrupellosen Banden, die mit der Masche „Falsche Polizeibeamte“ (oder Gerichtsvollzieher, Staatsanwälte, Gesundheitsamtmitarbeiter) arbeiten, billigend in Kauf genommen. Florian Wallner von der Presseabteilung der PI Kaufbeuren ergänzt: „Obwohl der Polizei einige der Banden tatsächlich bekannt sind, ist eine Strafverfolgung oft unmöglich, zumindest jedoch äußerst schwierig, weil die gut organisierten Callcenter meist im Ausland sitzen“.

Präventivmaßnahmen

Gerade ältere alleinstehende Menschen, eventuell mit altersbedingten Krankheiten, im sozialen Bereich eingeschränkt und zunehmend vereinsamt, somit die schwächsten Glieder der Gesellschaft, gehören zur Hauptzielgruppe der Betrüger. Da in der Stadt eine höhere Anonymität gewährleistet ist, erfolgen die Anrufe im städtischen Bereich rund sechsmal öfter als in Landgemeinden. Stabik und Wallner halten es für wichtig, dass das Thema in den Medien präsent bleibt und die Zielgruppe so gut wie möglich informiert ist. Wenn dadurch auch nur ein oder zwei solcher Betrüge verhindert würden, sei das schon ein Gewinn, so Stabik. Zu diesem Zwecke wurde unter anderem ein zweiseitiger Comic erstellt, der die Betrugsmasche beschreibt und Verhaltensweisen empfiehlt. Auf der Webseite der Polizeiberatung kann man diesen Info-Comic „Der falsche Polizist“ herunterladen. Die Präventivmaßnahmen der Polizei stoßen jedoch an Grenzen: Wenn im Alter die soziale Teilhabe immer geringer wird, kein Zugang zu Kommunikationsmedien wie Smartphone oder Internet besteht, wenn jemand keine Zeitung mehr lesen kann oder im Fernsehen nur Unterhaltungssendungen sieht, dann kommt diese Information nicht an.

Die Polizei ließ einen zweiseitigen Comic erstellen, der die Betrugsmasche beschreibt und Verhaltensweisen empfiehlt. Auf der Webseite der Polizeiberatung kann man diesen Info-Comic „Der falsche Polizist“ herunterladen.

Die Hände reichen

Hier ist nun das Umfeld der Zielgruppe gefordert, in erster Linie Verwandte, aber auch Bekannte und Nachbarn sind aufgerufen, den älteren Menschen die Hände zu reichen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind, dass sie im Bedarfsfall immer Rat und Hilfe bekommen.

Ingrid Zasche

  • Echte Polizeibeamte...
  • ...rufen niemals unter der Notrufnummer 110 an. Legen Sie auf und rufen Sie am besten von einem anderen Apparat aus die Nummer ihrer örtlichen Polizeidienststelle an.
  • ...fragen niemals nach Bargeld oder Schmuck. Geben Sie am Telefon keine Details zu Ihren finanziellen Verhältnissen oder andere sensible Daten preis
  • ...verwahren niemals Geld oder Wertgegenstände. Übergeben Sie diese nicht an unbekannte Personen.
  • Geben Sie diese Informationen auch an Ihre Verwandten und Bekannten weiter! Sensibilisieren Sie Nachbarn und andere Personen in Ihrem Umfeld!

Kommentar von Ingrid Zasche

Einander die Hände reichen

„Einander die Hände reichen“ ist gerade jetzt in Corona-Zeiten ein oft benutzter Appell. „Einander die Hände reichen“ bedeutet, auf einander zu achten und Menschen in der Nachbarschaft, die aufgrund ihrer persönlichen Umstände weniger gut mit der aktuellen Situation umgehen können als andere, aktiv zu unterstützen.

Das gilt nicht weniger für das zunehmende Unwesen der Telefonbetrüger, die ihre Masche raffiniert dem Verhalten der jeweiligen Opfer anpassen. Sie benutzen entweder das bei der älteren Generation oft tief verwurzelte Vertrauen in die Obrigkeit und fordern „zur Unterstützung der Polizei“ auf. Oder sie verbreiten Angst und Schrecken und üben Druck aus mit Telefonterror bis hin zur Gehirnwäsche. So versuchen sie, den Betrogenen auch den letzten Cent abzuknöpfen.

Wenn diesen empfindungslosen, nur auf den schnellen Profit bedachten Verbrechern das Handwerk gelegt werden soll, müssen wir alle dafür sorgen, dass unsere Eltern und Großeltern oder unsere älteren Nachbarn so umfassend wie möglich informiert sind, auch wenn sie keine Zeitung oder keinen Zugang zum Internet haben. „Einander die Hände reichen“ kann bedeuten, den kleinen Polizei-Comic auszudrucken und ihn bei den Großeltern neben das Telefon zu hängen oder in einem Mietshaus ans Schwarze Brett. Es kann bedeuten, einem Nachbarn, der Probleme mit den Augen hat, die relevanten Informationen vorzulesen. Es kann bedeuten, einem Angerufenen die Angst vor dem angedrohten Einbruch zu nehmen oder ihn im Vertrauen zur richtigen Polizei oder zu den Mitarbeitern seiner Bank zu bestärken.

Sensibilisierte Bankmitarbeiter können die Abhebung von ungewohnt hohen Beträgen hinterfragen und gegebenenfalls hinauszögern, bis Rücksprache mit der Polizei genommen wurde. Es gibt viele Möglichkeiten (siehe auch www.polizei-beratung.de). Lasst uns also einander die Hände reichen!

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