Jugend in Corona-Zeiten

Digitale Diskussion: Jugendliche im Allgäu und ihre Situation in der Pandemie

Online-Diskussion Jugend während Corona Grüne Allgäu
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Gemeinsam mit Jugendvertretern (im Foto Lukas Nanos vom Jugendbeirat Buchloe) sprachen junge Menschen bei der Online-Diskussion, zu der die Grünen aufgerufen hatten, über ihren Corona-Alltag.

Kaufbeuren/Landkreis – Wie fühlen sich Jugendliche in der aktuellen Situation zwischen Lockdown-Frust und Homeschooling-Stress? Die Politik habe in der Coronakrise Jugendliche und ihre Lebenswirklichkeit vollständig ignoriert, beklagen der Bayerische Jugendring und die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Bayern. Um den jungen Menschen und ihren Belangen Gehör zu verschaffen, luden die Grünen Ostallgäu und Unterallgäu kürzlich zu einer Online-Podiumsdiskussion unter dem Titel „Uns gibt’s auch noch!“ ein.

Dazu kamen Jugendliche und Vertreter der Jugendarbeit und -Politik im virtuellen Raum zusammen. „Die Krise macht mich einfach nur fertig momentan“ – so oder so ähnlich lauteten die Aussagen von Jugendlichen in einem Video des Kreisjugend­ring Unterallgäu, das zur Einstimmung auf die Diskussion gezeigt wurde. Sie vermittelten ein klares Stimmungsbild, geprägt von Ungewissheit, Sorge und Trauer. Vielen fehlt der zwischenmenschliche Kontakt. „Sich einfach mal mit dem Sitznachbarn in der Schule unterhalten zu können“, vermisst Abiturientin Johanna Hölzle von der Grünen Jugend Schwaben. Was sie außerdem schade findet, ist, dass „Jugendliche oft angeprangert werden“. Statt „an einem Strang zu ziehen“ sei der Zeigefinger nur auf die jungen Menschen gerichtet, dabei würden sich viele Jugendliche um die Einhaltung der Maßnahmen bemühen, so Hölzle.

Dem stimmte Holger Jankovsky als Jugendbeauftragter des Kaufbeurer Stadtrates zu. „Jugendarbeit lebt vom Austausch, vom Miteinander“, bekräftigte er. Man könne nicht ein verallgemeinerndes Bild von allen Jugendlichen zeichnen. Es gebe bei den Jugendlichen eine hohe Zustimmungsquote für die Maßnahmen. „Wir müssen Verständnis wecken und den Dialog mit den jungen Menschen suchen, statt mit dem Dampfhammer draufzuhauen“, so der Appell Jankovskys. Auch, dass man die Jugendlichen auf ihre Rolle als Schüler reduziere, werde ihnen nicht gerecht. Auf diese Weise übergehe man ihre Bedürfnisse, die „so wichtigen persönlichen Kontakte, die schmerzhaft fehlen“.

„Überstürztes Konzept“

Für Hölzle, ihre Mitschüler und Lehrer sei das Homeschooling „eine unglaubliche Herausforderung“. Auch wenn Schüler und Lehrer einiges an Kreativität bewiesen, um die Situation zu meistern, mache der Wechsel­unterricht und die Prüfungsvorbereitung vielen zu schaffen. Aus ihrer Sicht ist es ein „überstürztes Konzept, das auf die Schulen geschmissen wurde“. Sie hätte sich vom Ministerium eine „viel bessere Kommunikation und mehr Vorlaufzeit“ gewünscht. „Die Planungsunsicherheit macht den Verbänden zu schaffen“, berichtete auch Alexander Spitschan, Vorsitzender vom Kreisjugendring Ostallgäu. So richtiges Hörsaal-Feeling will auch bei Lukas Nanos vom Jugendbeirat Buchloe nicht aufkommen. Der digitale Austausch könne die reale Erfahrung einfach nicht ersetzen, findet der Student. „Das persönliche Zusammensitzen macht viel aus“, sagte Nanos. Das wirke sich auch auf die Motivation junger Menschen aus, sich in Vereinen und Verbänden einzubringen. „Weniger Leute wollen sich engagieren, weil der zwischenmenschliche Kontakt fehlt“, bedauerte Nanos.

„Müssen lauter werden“

Der Jugendring sei „ungeheuer kreativ und aktiv“, um inmitten der Pandemie den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen aufrechterhalten zu können, und bemühe sich, unter schwierigsten Umständen Angebote zu schaffen, wo es nur geht. Umso mehr wünschten sich die Vertreter der Kreisjugendringe eine Öffnung der Jugendzentren, um wieder eine Anlaufstelle bieten zu können. „Jugendarbeit hat keine Lobby“, so Jankovsky. „Wir müssen daher viel lauter werden und auf unsere Bedürfnisse hinweisen“, fand der Jugendbeauftragte klare Worte. Auch die Bedeutung politischer Partizipation von jungen Menschen kam in diesem Zusammenhang zur Sprache. Nur indem die Jugendlichen aktiv werden, könne ihre Sicht wahrgenommen werden, so Spitschan. „Um alle Jugendlichen zu erreichen, müssen wir sie aber dort abholen, wo sie gerade stehen“, gab Jankovsky zu Bedenken. „Dazu müssen wir niederschwellig angreifen, einander auf Augenhöhe begegnen, präsent sein.“

Positive Vibes trotz Krise

Trotz allem konnten die Beteiligten der Krise aber auch Positives abgewinnen. #positivevibes war entsprechend als ein Beitrag im Chatverlauf zu lesen. So fiel dann auch der Corona-Ausblick aus, nach dem der Moderator der Veranstaltung, der Bezirkssprecher Schwaben und stellvertretende Landrat des Unterallgäus, Daniel Pflügl, die Teilnehmer fragte. „Wir können noch stärker zusammenwachsen, etwas auf die Beine stellen, um auch über die Pandemie hinaus gesehen und gehört zu werden“, so Sandra Müller vom KJR Unterallgäu. Optimistisch zeigte sich auch Jankovsky: „Die Jugend ist aktiv und heiß darauf, etwas zu machen. Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig zwischenmenschliche Begegnungen sind.“ Ähnlich zuversichtlich fiel das Fazit von Spitschan aus: „Bei allem Schlechten sehe ich eine Chance, in vielen Bereichen Dinge besser zu machen, wach zu bleiben, und aus der Krise zu lernen“. Auch aus Sicht von Nanos stelle sich durch die Krise die Frage, „wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen, und was unsere Jugend mit vereinten Kräften bewegen kann“.

von Mahi Kola

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