Kaufbeurer Stadträte fürchten Erschütterungen und Verunreinigungen des Trinkwassers durch Geothermie-Versuchsprojekt

"Wenn es rumpelt, dann auch hier"

+
Hier soll das Versuchsprojekt starten: das Bohrfeld bei Mauerstetten.

Kaufbeuren – Zwar soll beim Geothermie-Versuchsprojekt bei Mauerstetten laut dem Unternehmen Exorka auf den Einsatz giftiger Stoffe verzichtet werden – dies kann jedoch die Kritiker des Verfahrens nicht beruhigen. Nun hat auch der Kaufbeurer Stadtrat ernste Bedenken geäußert.

„Eine einst harmlose Geothermie-Bohrung soll zweckentfremdet werden und das bei nicht einkalkulierbaren Risiken“ – Mit diesen Worten faste Grünen-Stadtrat Wolfgang Hawel das geplante Forschungsprojekt auf dem Geothermie-Bohrfeld bei Mauer-stetten zusammen. Damit traf er den Nerv vieler seiner Ratskollegen, die auf der jüngsten Stadtratssitzung über das Vorhaben informiert wurden. Vor allem chemische Verunreinigungen des Trinkwassers, aber auch Erschütterungen mit hohen Folgeschäden werden befürchtet. Verhindern kann die Stadt das Vorhaben im derzeitigen Planungsstand zwar nicht – vielmehr wurde sie im Hauptbetriebsplanverfahren vom Bergamt Südbayern aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben. Wie berichtet, will das Unternehmen Exorka im Rahmen eines Forschungsprojektes die 2008 gesetzte Bohrung zu einem fündigen und wirtschaftlichen Geothermieprojekt entwickeln. Das Vorhaben wird durch das Bundesumweltministerium gefördert. Um nun doch noch heißes Tiefenwasser zu fördern, will Exorka mittels hydraulischem Druck das in 4000 Meter tiefe Grundgestein durchlässiger machen. Das Verfahren ähnelt der umstrittenen Fracking-Methode, die vor allem bei der Erdgasförderung zum Einsatz kommt und bei der giftige Zusätze verwendet werden. Laut Exorka soll in Mauerstetten aber auf den Einsatz giftiger Stoffe verzichtet werden. Stattdessen sollen verdünnte Salzsäure und Kohlensäure zum Einsatz kommen. Speziell bei Injektionen mit Säuren kann es laut Michael Morhardt von der Bauverwaltung aber zu chemischen Reaktionen kommen, bei denen „geruchsintensive eventuell auch giftige Gase freigesetzt werden können“. So traten beispielsweise 2008 bei Spülarbeiten am Bohrloch in Mauerstetten erhebliche Mengen an Schwefelwasserstoff aus. „Zahlreiche Beschwerden von Anwohnern aus Kaufbeuren gingen bei der Polizei ein. Vereinzelt wurden Augenreizungen von Anrufern beklagt. Eine Gefährdung der Anwohner in Kaufbeuren konnte damals nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden“, so Morhardt. Damit solch ein Szenario ausfällt, fordert die Stadt entsprechende Maßnahmen. Damit einher geht der Hinweis, dass sich im unmittelbaren Umfeld des Bohrfeldes Immobilien- und Anlagenwerte im Bereich von mehreren 100 Millionen Euro befinden, die insbesondere nicht durch Erschütterungen gefährdet werden dürfen. Vor allen die aktuell im Bau befindliche neue Produktionsanlage der Firma Hawe stehe hier im Fokus. Eine Meßstelle im Fundamentbereich des Hawe-Neubaus wurde gefordert, findet aber bisher noch keine Berücksichtigung im Hauptbetriebplan. Dass die Stadt das Projekt nicht stoppen kann, sahen einige Stadträte gar nicht gerne. Zumal mögliche Erschütterungen nicht an den Stadtgrenzen halten machen würden. „Wenns rumpelt, dann rumpelt es im Radius von zehn Kilometern“, erklärte Baureferatsleiter Ralf Baur. Hawel mahnte dazu, die Ängste der Bürger ernst zu nehmen. Helga Ilgenfritz (SPD) verwies ihrerseits auf zahlreiche Risiken und forderte, dass Exorka bei Schäden mit dem eigenen Betriebsvermögen haften müsse. Bernhard Pohl (FW) wollte zudem sichergestellt wissen, dass das Trinkwasser nicht gefährdet sei. OB Stefan Bosse appellierte an die Stadträte, „rational und nicht emotional“ zu agieren. Derzeit könne man nur eigene Bedenken und Forderungen bezüglich des Versuchsprojekts artikulieren. Eine Klage gegen das Vorhaben sei erst möglich, wenn der Genehmigungsbescheid des Bergamtes Südbayern vorliegt. Letztlich stimmte der Stadtrat der Stellungnahme der Verwaltung zu und ergänzte diese noch um die Punkte Grundwasserschutz und eine entsprechenden Haftpflichtversicherung. von Kai Lorenz

Info: Aktuelle Entwicklung

Die Bundesregierung will die umstrittene Gas- und Ölförderung aus tiefen Gesteinsschichten (Fracking) nur unter strengen Auflagen in Deutschland zulassen. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) haben sich am Montag auf einen entsprechenden Verordnungsentwurf geeinigt. Viele Bürger befürchten durch den Einsatz von Chemikalien beim Aufbrechen des Gesteins eine Verseuchung des Trinkwassers. Die Regeln für Wasserschutzgebiete gehen deshalb noch wesentlich weiter: Dort sollen Tiefbohrungen, bei denen Gestein auf der Suche nach fossilen Energien aufgebrochen wird, komplett verboten werden.

Auch interessant

Meistgelesen

Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Neuer Lebensabschnitt wartet
Neuer Lebensabschnitt wartet
"Von Bürgern für Bürger"
"Von Bürgern für Bürger"
Mehr Platz für Motorräder
Mehr Platz für Motorräder

Kommentare