Drei erfolgreiche Jahre Kolping Wohngruppe in Kaufbeuren für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Sich selbst überflüssig machen

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Junge Bewohner und eine junggebliebene alte und neue Leitung (Anja Nojka, Gerhard Scholze) zeigen sich sichtlich zufrieden.

Kaufbeuren – Gerhard Scholze ist 65 Jahre alt. Seit 37 Jahren arbeitet er als Sozialpädagoge bei Kolping in der Jugendberufshilfe. Jetzt geht er, wie er vor dem Jugendhilfeausschuss kürzlich berichtete, in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Kommen hatte aber einen anderen Grund: Unter seiner Leitung waren seit Anfang 2015 in Kaufbeuren Wohngruppen für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge auf- und ausgebaut worden.

Dem Gremium stellte Scholze seine anforderungsvolle Arbeit mit jungen Männern vor. Grund genug für den Kreisbote im Nachgang, ihn und seine beiden Nachfolgerinnen in der Wohngruppe zu besuchen. Ab sofort übernimmt Anja Nojka als bereits erfahrene Sozialpädagogin in der Gruppe die pädagogische Leitung, während Daniela Straub sich schwerpunktmäßig den verwaltungstechnischen Aufgaben widmen wird.

Anfang 2015 waren es nur zehn jugendliche Flüchtlinge, für die ­Scholze eine angemessene Wohngruppe anbieten sollte. Aber innerhalb nur eines halben Jahres war der Bedarf auf 55 Jugendliche angewachsen. Gut, dass man auf die langjährige Erfahrung Scholzes bauen konnte. „Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ist und war immer 1 A“, erklärte er zufrieden. Er braucht nicht ausdrücklich zu betonen, dass ohne dieses Vertrauensverhältnis der rasche Auf- und Ausbau dieses Systems nicht möglich gewesen wäre. Dies stellt nicht nur administrativ eine Mammutauf­gabe dar.

Eine pädagogische Herausforderung

Die schwierige Situation stellt sich in der Realität so da: Da kommen, über Hilfsorganisationen vermittelt, minderjährige Jugendliche aus dem Kriegsgebiet in Syrien, da suchen Heranwachsende vor dem Diktator in Eritrea Schutz. Andere haben bis zu fünf Jahre gebraucht, bis sie in Deutschland angekommen sind. Entbehrung unterwegs, Hunger und Not ständiger Begleiter. „Gefängnis und körperliche Erniedrigung keine Ausnahmen auf dem Weg zu uns“, so Scholze.

Hinsichtlich Überlebensstrategien sind also die meisten erfahren, gut vorbereitet auf das Gastgeberland sind jedoch die wenigsten. Mathematische Glanzleistungen und literarische Hochsprünge sind von den wenigsten zu erwarten. Einige können nicht einmal schreiben oder nur in einer Schrift, die wir in unserem Land nicht lesen können. Keine besonders guten Voraussetzungen also, um in Deutschland gleich im Berufsleben durchzustarten.

Zwei Aufgabenfelder sind also neben einer geregelten Unterbringung erforderlich, so Scholze: Eine lebenspraktische Vorbereitung für den Alltag in Deutschland und eine möglichst rasche Integration in das Arbeitsleben. Dies bedeutet in der Regel eine Hinführung zu einer fachspezifischen Ausbildung. Die erste Phase beginnt notwendigerweise schwerpunktmäßig mit intensiven Sprachkursen und – wo zusätzlich erforderlich – mit einer Alphabetisierungsmaßnahme. Das Kolpingsbildungswerk bietet an fünf, bisweilen auch an sechs Tagen entsprechende Unterrichtseinheiten an. Soll die Integration rasch gelingen, müssen sowohl die Werte und Normen als auch die notwendigen Kulturtechniken wie schreiben und rechnen beherrscht werden.

Wohngruppe als Übungsfeld

Die pädagogische Marschrichtung für das fachlich qualifizierte Personal in der Wohngruppe ist durch die Zielsetzung fest vorgegeben: Praktische Selbständigkeit ist oberstes Gebot, schließlich ist die Unterbringung nur vorübergehend. Das Personal zeigt, regt an, kontrolliert, aber die tagtäglich anfallenden Arbeiten wie Kochen, Spülen, Aufräumen, Ordnung schaffen und sauber machen, Wäsche waschen sind lebenspraktische Kompetenzen, die sich die Flüchtlinge selbst aneignen müssen. Alles steht im Dienst der Selbständigkeit, oder in ­Scholzes eigenen Worten: „Das Personal muss sich auf Dauer überflüssig machen.“

Auch bei der sinnvollen Gestaltung der Freizeit wird geholfen, soweit bei dem dicht gepackten Programm überhaupt noch Zeit dazu verbleibt. Begriff und Idee ist vielen betroffenen Jugendlichen neu, denn Freizeitgestaltung war weder bei ihnen zuhause noch auf der mehrjährigen Flucht ein Thema. Hier hilft das Personal bei der Vermittlung an deutsche Freizeiteinrichtungen und bietet selbst ein kleines Programm. Eine Verpflichtung der Jugendlichen gibt es nicht, denn im Alltag haben die Jugendlichen mit einem stark strukturierten Alltag schon Pflichten genug.

Der bisherige Erfolg spricht eindeutig für dieses Konzept, bei dem nichts dem Zufall überlassen bleibt. So konnten viele der Jugendlichen in der Vergangenheit in die Selbstständigkeit entlassen werden. Die meisten haben einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeit gefunden. Bei der Sitzung des Jugendhilfeausschusses zeigte Scholze Bilder von Jugendlichen, erklärte Hintergründe. Viele der gezeigten Jugendlichen leben inzwischen außerhalb der Wohngruppen. Knapp dreißig Jugendliche werden derzeit in unterschiedlichen Kolping-Wohngruppen betreut. Es ist dankenswert, dass Scholze auch in seinem (Un-)Ruhestand in verschiedenen Bereichen weiter seine fast vierzigjährige pädagogische Erfahrung einbringen wird.

von Peter Suska-Zerbes

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