Prozess gegen den ehemaligen Leiter der Kemptener Drogenfahndung läuft

Ex-Drogenfahnder in Handschellen

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Groß war das Medieninteresse auch gegenüber Strafverteidiger Wilhelm Seitz, der den Angeklagten Armin N. verteidigt.

Kempten – Armin N. hat in seinem Leben schon eine ganze Menge Geständnisse gehört. Er ist seit 36 Jahren Polizist, die letzten 15 Jahre davon Leiter bei der Drogenfahndung der Kripo Kempten. Jahrelang hatte er es tagtäglich mit Menschen zu tun, die abgerutscht sind, als sie anfingen, Drogen zu nehmen. Und dann ist Armin N. selbst abgerutscht.

Am Dienstag war er es, der ein Geständnis ablegte. Es ist lückenhaft – aber hat es in sich. Der ehemalige Kemptener Chef-Ermittler muss sich für eine ganze Reihe von Verbrechen vor dem Landgericht Kempten verantworten. Drogenmissbrauch, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Vergewaltigung, Trunkenheit im Straßenverkehr. Nach außen hin war er jahrelang ein Top-Polizist – doch in Wirklichkeit entgleiste sein Leben immer stärker. 

Die Tage, an denen Armin N. völlig die Kontrolle über sich selbst verlor, häuften sich. Im Januar vergangenen Jahres rastete N. in seinem Haus im Allgäu aus, als er erfuhr, dass seine Frau Gertrud befördert worden war. Er schlug und würgte sie, drückte ihr immer wieder ein Kissen ins Gesicht, drohte ihr, sie umzubringen. Die damals 48-Jährige flüchtete auf den Balkon im ersten Stock, rutschte aus und stürzte nach unten. 

Ihre schweren Verletzungen waren noch nicht einmal richtig verheilt, als Armin N. das nächste Mal die Kontrolle verlor. Wieder verprügelte er sie mit Fäusten, würgte sie, vergewaltigte sie und drohte, sie umzubringen. Wieder konnte Gertrud N. vor ihrem Mann flüchten und die Polizei alarmieren. Der 53-jährige Chef-Ermittler raste damals betrunken in seinem Auto davon und wurde kurz darauf von seinen Kollegen aufgehalten. Er hatte 1,49 Promille – und stand unter Drogeneinfluss. Als die Kripobeamten später am Abend das Dienstzimmer ihres Vorgesetzten durchsuchten, fanden sie in seinem Schrank 1,8 Kilogramm Kokain. 

Armin N. beobachtet den Staatsanwalt regungslos, während der die mehrere Seiten lange Anklageschrift vorliest. Der Gerichtssaal ist voll – der Fall hatte letztes Jahr monatelang für Aufsehen gesorgt. Zahlreiche Menschen wollen den Mann sehen, der, während er Karriere bei der Kripo machte, immer tiefer in die Drogensucht rutschte. N. ist ein großer, stämmiger Mann. Er trägt einen grauen Anzug, eine akkurat gebundene Krawatte. Er sieht nicht aus wie ein Mann mit Drogenproblemen. 

„Bevor ich 1993 zur Drogenfahndung kam, hatte ich nie mit Drogen zu tun“, sagt er. Es ging langsam los. Erst probierte er die Party-Pille Ecstasy, dann Cannabis. Später Kokain. Bis vor acht Jahren nur gelegentlich, sagt er mit lauter, fester Stimme. Als seine persönlichen Probleme größer wurden, begann er regelmäßig zu koksen. „Die Drogen waren ständig greifbar“, sagt er. „Ich konnte immer seltener widerstehen.“ 

In seinem Geständnis, das Armin N. schriftlich verfasst hatte und am Montagmorgen vorlas, beteuerte er noch einmal das, was er bereits bei seiner Vernehmung gesagt hatte. „Alle aufgefundenen Drogen wurden vor mehreren Jahren mir, beziehungsweise der Kripo, zu dienstlichen und Schulungszwecken überlassen.“ Woher das Kokain stammte, sagte er allerdings nicht. Sein Erinnerungsvermögen sei durch den Konsum von Drogen, Alkohol und Medikamenten stark beeinträchtigt. Er habe aber weder mit Drogen gehandelt, noch Kontakt zur Mafia – über beides war in den vergangenen Monaten spekuliert worden. 

Auch an die körperlichen Angriffe auf seine Ehefrau könne er sich nicht mehr erinnern, sagte N. Es könnte alles so gewesen sein, wie seine Frau es gegenüber der Polizei geschildert hatte. Gertrud N. tritt im Prozess gegen ihren Mann als Nebenklägerin auf, verzichtete aber gestern darauf, im Gerichtssaal zu erscheinen. Bereits vor Prozessauftakt hatte Armin N. ihr 35.000 Euro Schmerzensgeld überwiesen und ihr einen Entschuldigungsbrief geschrieben. „Es hätte nie zu diesen Übergriffen kommen dürfen“, sagte er. „Ich schäme mich zutiefst.“ 

Dank des Täter-Opfer-Ausgleichs und seines Geständnisses kann Armin N. mit einer Haftstrafe von nur sechseinhalb bis sieben Jahren rechnen. Alle Prozessbeteiligten hatten sich nach Verlesung der Anklageschrift auf eine entsprechende Absprache geeinigt. Das Urteil könnte schon am dritten Verhandlungstag Anfang Februar fallen. In U-Haft sitzt der 53-Jährige bereits seit seiner Verhaftung im Februar. Aus dem Polizeidienst ist er suspendiert. 

Doch Armin N. hat durch die Drogen mehr als nur seinen Beruf verloren. Er habe seine Kollegen und seine beiden Kinder aus erster Ehe schwer enttäuscht und den Ruf der Polizei geschädigt, sagte er. „Das tut mir von ganzem Herzen leid.“ Als er damals an jenem Februar-Abend betrunken von seinen Kollegen aufgehalten wurde, sei er auf dem Weg in die Dienststelle gewesen, sagt er. „Ich wollte mich dort erschießen.“ Die Zeit in der U-Haft habe er genutzt, um sich über einiges klar zu werden. „Ich weiß, dass ich ein Suchtproblem habe. Ich möchte eine Therapie machen“, kündigte er an. „Und ich möchte für meine schweren, nicht zu rechtfertigenden Fehler gerade stehen.“ von Katrin Woitsch

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