Dr. Markus Koller und Dr. Sascha Chmiel im Interview

Ein Jahr Corona in Kaufbeuren und im Ostallgäu: Klinikchefs über Corona-Mutanten, Impfen und Politik

Ärzte Dr. Koller und Dr. Chmiel
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PD Dr. Marcus Koller (li.), Chefarzt, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Leiter des Herzzentrums Ostallgäu-Kaufbeuren und Ärztlicher Direktor des Klinikums Kaufbeuren sowie Dr. Sascha Chmiel (re.), Chefarzt, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, zertifizierter Interventionskardiologe und Ärztlicher Direktor der Klinik St. Josef Buchloe.

Kaufbeuren/Buchloe – Am 29. Februar 2020 traf das SARS-CoV-2 mit voller Wucht auf das Ostallgäu. An jenem Sonntag bestätigte das Landratsamt Ostallgäu offiziell den ersten Corona-Fall im Landkreis. Getroffen hat es einen Füssener, der positiv auf das Virus getestet wurde. Jetzt, ein Jahr später, befindet sich Deutschland noch im zweiten Lockdown. Der Kreisbote hat sich mit Dr. Markus Koller und Dr. Sascha Chmiel, beides Chefärzte und Ärztliche Direktoren der Kliniken Kaufbeuren und Buchloe, unterhalten.

Wie haben Sie damals diese Nachricht aufgenommen oder wahrgenommen?

Koller: Nach den Informationen und Bildern, die ich in Italien und Spanien gesehen habe, war es für uns auch nicht überraschend, dass die ersten Fälle dann auch im Ostallgäu und Kaufbeuren auftraten. Wir hatten einen Zeitvorsprung von etwa zwei Wochen, den wir als Klinikum hatten, um uns in gewisser Weise darauf einzustellen.

Chmiel: Völlig entspannt. Ich habe das zunächst als grippeähnlichen Virus wahrgenommen, ohne mir damals vorzustellen, was sich dann alles für uns ändern wird: gesellschaftlich, politisch und auch im Gesundheitswesen.

Wie war es, gegen einen unsichtbaren Feind zu kämpfen?

Koller: Es war schon eine sehr unangenehme Situation. Wir wussten nicht, in welchem Ausmaß es auf uns zukommt. In der ersten Welle war es so, dass wir nie annähernd an irgendwelche Kapazitätsgrenzen in den Krankenhäusern in der Region gekommen sind. Wir hatten genug freie Betten, allerdings gab es die Anordnung, entsprechende Kapazitäten auf Intensiv- und Normalstation freizuhalten. Die Zahl der ersten Patienten war bei uns noch relativ gering.

Krankenhäuser wurden zu Festungen, Mitarbeiter und Patienten sind abgeschirmt. Läuft das Personal auf Anschlag?

Chmiel: Nein, das kann ich so nicht bestätigen. Was ich merke: Alle sind natürlich mehr angespannt und konzentrierter. Die Maske ist zum Alltag geworden, sie ist schon ein ganz selbstverständlicher Gegenstand. Dass die Mitarbeiter schon jetzt an die Grenzen gekommen sind, nehme ich so nicht wahr. Wir sind etwas dünnhäutiger geworden, weil wir uns in einer Daueranspannung befinden und auch etwas mehr Druck haben.

Koller: Jetzt schon. Nach einem Jahr ist eine allgemeine Erschöpfung bei den Pflegekräften und Ärzten, die in den Covid-Isolierstationen im Einsatz sind, festzustellen. Es betrifft natürlich auch die Gesellschaft insgesamt. Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, dass durch die Impfung und die Abnahme von Covid-Fallzahlen die Infektionszahlen weiter sinken. Die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte und Ärzte haben sich deutlich erschwert: Komplette Montur mit Schutzausrüstung, Kittel, Handschuhe, Maske, Haube, Schutzvisier.

Ist denn genügend Personal vorhanden?

Koller: Wir hatten immer wieder einmal Engpässe. Mitarbeiter hatten sich im Klinikum infiziert, eine Reihe von ihnen mussten wir auch in Quarantäne schicken. Durch Umstrukturierungen haben wir aus anderen Stationen Pflegekräfte in Covid-Stationen eingesetzt. Wir haben intern versucht, die Kräfte zu bündeln. Besonders in der Hochphase der zweiten Welle gab es erhebliche Personalengpässe.

Chmiel: Wir haben genügend Personal.

Sind unsere Krankenhäuser künftig für neue Szenarien dieser Art gerüstet?

Chmiel: Ich halte uns für gut gerüstet. Wir haben schon sehr früh, also zu Beginn der Corona-Zeit eine normale Station in eine Infektionsstation mit Schleusenfunktion umfunktioniert. Mitarbeiter wurden geschult. Dieses Konzept wird weiterhin Bestand haben, auch wenn Corona – das hoffe ich – beherrschbar sein wird. Ich denke, höhere Kosten werden im Bereich der Schutzausrüstung auf uns zukommen. Da hoffe ich auf dem Markt auf Angebot und Nachfrage. Ein generelles Umdenken in den Krankenhäusern, dass man sich anders aufstellen muss, wird aus meiner Sicht nicht vonnöten sein.

Koller: Ja, absolut. Wir müssen unsere Lehren daraus ziehen und Bereiche schaffen, die die Möglichkeit geben, Mitarbeiter und Patienten vor potentiellen Infektionen zu schützen. Wir haben es auch immer wieder mit anderen Infektionserkrankungen zu tun, wie Grippe- und Norovirus-Epidemien. Das können wir nur verhindern, wenn in die Infrastruktur von Krankenhäusern investiert wird. Sechs- bis Achtbettzimmer gehören Gott sei Dank der Vergangenheit an. Der Standard ist Zwei- bis maximal Dreibettzimmer. Dieser Weg muss unbedingt fortgesetzt werden. Das Krankenhaus der Zukunft sollte einen Einbettzimmer-Standard haben. Es ist eine untragbare Situation, wenn es zu Ansteckungen innerhalb eines Krankenhauses kommt.

Haben wir durch Corona ein gesundheitliches oder politisches Problem?

Koller: Es ist in erster Linie ein medizinisch-gesundheitliches Problem. Der Wunsch nach Lockerungen ist natürlich da. Der Lockdown an sich ist nicht das Problem, sondern das Virus. Das Virus macht krank und ist gefährlich. Wir sehen schon erkrankte Patienten aus der ersten Welle, die selbst nach einem Jahr noch über Leistungsminderung klagen, auch über Atemnot bei Belastung.

Chmiel: In erster Linie haben wir ein medizinisches Problem, weil es die Wahrnehmung bei den Patienten ändert. Wann traue ich mich in ein Krankenhaus? Patienten sind zudem viel zögerlicher, sagen auch Termine ab. Sie warten, weil sie die Entwicklung von Corona abwarten möchten. Das verändert schon das Gesundheitssystem, was ich nicht für positiv betrachte.

Was die Politik angeht, müssen wir hinterfragen, was ist denn mit den vielen anderen Themen, die es ja sonst täglich gibt? Kommen sie gar zu kurz? Muss alles nur Corona untergeordnet werden? Gesellschaftlich sind die Auswirkungen mit dem fehlenden Umgang am allergrößten. Ein sehr unangenehmes Niveau hat dagegen die Diskussionskultur in den sozialen Medien erreicht. Dass die Gesellschaft in dieser Krise näher zusammenrückt, empfinde ich nicht so. Ich sehe eher eine Spaltung.

Werden die Coronavirus-Mutanten schlimmer und hartnäckiger eingeschätzt als sie es wirklich sind? Oder ist es doch nur Panikmache?

Koller: Die Infektiosität dieser Virusmutanten ist höher als bei der ursprünglichen Variante, also von Mensch zu Mensch leichter übertragbar. Die spannende Frage ist, ob die krankmachende Wirkung der neuen Virusmutationen höher ist als bei der ursprünglichen Variante. Es gibt noch keine eindeutigen Hinweise, dass die neuen Mutationen gefährlicher sind. Das ist wissenschaftlich noch nicht belegt.

Chmiel: Das kann ich Ihnen seriös gar nicht beantworten. Wir hatten einen Fall, den die Medien aufgegriffen haben. Das war ein junger Patient, der nach wenigen Tagen wieder entlassen wurde. Es reicht also nicht, um sich hier einen Erfahrungsschatz aufbauen zu können. Virus-Mutanten gehören zu der Gattung Virus. Für die Experten und Virologen ist es nicht überraschend, dass Mutanten auftreten und sich verbreiten.

Macht die Politik Ihrer Meinung nach gerade alles richtig?

Koller: Wer macht schon alles richtig in einer Situation, in der wir alle noch nie waren? Es gab von Anfang an viele Probleme, die wir uns in der Politik und in der Medizin nie hätten erträumen lassen. Als Klinikum insgesamt hätte man sich gewünscht, dass die Politik auch einmal direkt im Krankenhaus mehr nachfragt, wie die Situation vor Ort ist. Aus meiner Sicht gab es überraschend wenig Austausch und Nachfragen, geschweige denn echtes Interesse. Wir haben die Situation aber im Vergleich zu anderen Ländern relativ gut gemanagt. Unser Hauptziel als Schwerpunktversorger für die Region ist es, dass wir arbeits- und aufnahmefähig bleiben. Viele andere akute Notfälle wurden behandelt. Wir können aber noch längst nicht von einer kompletten Entwarnung sprechen.

Chmiel: Sie können nicht alles richtigmachen. In fünf bis zehn Jahren werden wir in einer Rückschau beurteilen können und feststellen: Was war gut, was war weniger gut? Ich glaube aber schon, dass das alles sehr ernst genommen wird. Wir reden von einem hochkomplexen System mit allen Auswirkungen. Der Wille, es gut zu machen, ist vorhanden.

Wie gehen Sie mit Corona um? Gibt es Momente, bei denen Sie persönlich sagen: Jetzt reicht’s?

Chmiel: Da würde jeder lügen, der nicht so empfindet. Ich habe Familie – da spürst du alle Einschränkungen, die so ein Lockdown hat. Nach rund einem Jahr sehne ich mich vor allem nach gesellschaftlichem Austausch, sozialen Kontakten. Dinge, die man ganz selbstverständlich gemacht hat, fehlen einem schon.

Koller: Natürlich, es hilft ja nicht, das Thema wegzudiskutieren. Mediziner und Pflegekräfte, die tagtäglich diese Fälle sehen, haben von Haus aus eine andere Einstellung. Da steigt bei ihnen der Respekt vor dieser Infektionserkrankung. Das hat mit einer normalen Influenza nichts zu tun. Es ist eine echte Seuche. Wir tun uns da leichter, die Gefährlichkeit einzuschätzen. Eine gewisse Erschöpfung kommt da trotzdem auf.

Ist denn absehbar, wann es wieder Normalbetrieb in unseren Kliniken in Kaufbeuren und Buchloe gibt?

Chmiel: Normalbetrieb bedeutet für mich, dass wir Corona als einen Virus akzeptieren und wenn wir eine breite Durchimpfung in der Bevölkerung haben werden. Ich denke, dass wir vor 2022 oder 2023 diesen Normalzustand nicht haben, zumindest nicht in einem Krankenhaus. Solange die Unsicherheiten da sind, kann man auch nicht in den Normalzustand in einem Gesundheitssystem zurück.

Koller: Meine persönliche Hoffnung ist das Frühjahr. Das zeigen uns die Erfahrungen aus der ersten Welle. Meine Hoffnung ist, dass wir im Sommer weitgehend in einem Normalbetrieb sind. Wir haben in Kaufbeuren insgesamt 390 Betten, davon sind im Moment 100 nicht belegbar. Wir arbeiten gerade mit 290 belegbaren Betten, das ist der Corona-Situation geschuldet. Wenn tatsächlich noch eine dritte Welle mit den Virus-Mutanten in erheblichem Maße in den Kliniken ankäme, wäre das keine positive Entwicklung. Aber die Hoffnung bleibt.

Auszuschließen ist es aber nicht, dass wir mit einer weiteren Welle im Herbst rechnen müssen.

Koller: Deshalb müssen wir so viele Menschen wie möglich impfen. Das Risiko besteht gerade, da wir einen gewissen Wettlauf mit der Zeit haben. Ein Großteil der Bevölkerung muss bis dahin durchgeimpft werden.

Die Menschen sind hin- und hergerissen. Es wird viel über unterschiedliche Varianten des Impfstoffs diskutiert. Sorgt das nicht für eine extreme Unsicherheit?

Koller: Ich gebe Ihnen recht, da schaden die Diskussionen über Impfstoffe. Jetzt ist auch AstraZeneca wegen Impfreaktionen und vermeintlich geringerer Wirksamkeit in die Kritik geraten. Das trägt natürlich zur Verunsicherung bei. Ich rate jedem, der ein Impfangebot bekommt, es wahrzunehmen. Dass Reaktionen auftreten können, ist nichts Ungewöhnliches. Es zeigt, dass der Impfstoff wirkt.

Chmiel: Ich habe mich schnellstmöglich impfen lassen, da ich zur Risikogruppe gehöre. Ich habe keine Verunsicherung. In der Impfstoffindustrie soll Geld verdient werden, es wird viel Know-How reingepackt. Wir reden von deutschen Vorzeigeunternehmen. Da habe ich ein gewisses Grundvertrauen. Was den Impfstoff AstraZeneca angeht, kann ich die Verunsicherung bei den Menschen durch die initiale Berichterstattung schon verstehen. Die aktuellen Daten zeigen aber eine gute Wirksamkeit des Impfstoffes. Impfen muss aber freiwillig bleiben, das ist meine persönliche Meinung. Ein Impfzwang darf nicht entstehen, auch wenn es bedeutet, dass diejenigen, die geimpft sind, mehr Dinge machen dürfen. Das kann eine Konsequenz sein.

Haben wir dann nicht eine Zweiklassen-Gesellschaft?

Chmiel: Jeder entscheidet doch selbst für sich, ob er sich impfen lassen möchte oder nicht. Wir haben aber verschiedene Hersteller, verschiedene Impfprinzipien. Momentan werden die Impfstoffe zugeteilt. Es ist kein Problem noch zu warten, bis ich mir selbst den Impfstoff aussuchen kann. Bis dahin muss ich aber damit leben, dass es gewisse Einschränkungen geben kann. Das sehe ich nicht als Zweiklassen-Gesellschaft. Das haben wir in ganz anderen Bereichen.

Werden wir aus der Coronakrise irgendetwas Positives lernen?

Koller: Also wenn ich nochmals auf die Krankenhäuser zurückkomme, ist das natürlich ein von mir angesprochener Punkt, der leider Gottes auch mit Mehrkosten und finanziellem Mehraufwand verbunden ist. Wir haben in den vergangenen Monaten wenig Diskussionen über Krankenhausschließungen gehört. Wir haben in Deutschland ein Gesundheitssystem auf einem qualitativ sehr hohen Niveau. In Deutschland ist das Krankenhaussystem dezentral aufgestellt. Das hat sich als Vorteil in der Pandemie erwiesen. Wir sind bislang nicht wie andere Länder an die Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Chmiel: Was mich beschäftigt, ist, dass wir die Digitalisierung endlich anders angehen müssen. Besonders in den Schulen hat uns Corona schnell die Grenzen gezeigt. Am Arbeitsplatz habe ich schon ein Gefühl von einer deutlich stärkeren Solidarität untereinander. Wir können mit Sicherheit viel aus der Krise lernen.

Das Interview führte Stefan Günter

Lesen Sie hier, warum die Füssener Internistin und Lungenfachärztin sagt, dass die Politik bei der Bekämpfung des Virus mittlerweile „jedes Maß und Mitte“ verloren habe.

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