Erschöpft von der Flucht

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Beim Suchdienst des Roten Kreuzes werden erste Angaben zur Person erfasst. Bevor die ankommenden Flüchtlinge registriert werden, bekommen sie zunächst einmal etwas zu essen und zu trinken.

Marktoberdorf – Am vergangenen Samstag trafen in dem erst vor wenigen Tagen eingerichteten Not-Erstaufnahmelager die ersten Flüchtlinge ein. Von dort aus werden die Asylbewerber nach erfolgter Registrierung innerhalb des Bundeslandes oder sogar deutschlandweit auf Asylbewerber-Unterkünfte verteilt. Die Unterbringung der Flüchtlinge in der Turnhalle des Peter-Dörfler-Gymnasiums soll allerdings nur vorübergehend sein.

Es ist Sonntag-Nachmittag. Vor wenigen Minuten ist hier in Marktoberdorf ein weiterer Bus mit Flüchtlingen eingetroffen. Es ist bereits der vierte Bus innerhalb von zwei Tagen. Das Rote Kreuz versorgt die Ankommenden vor allem anderen mit Nahrung und Getränken. „Die Menschen brauchen zunächst ein bisschen Zeit um anzukommen und zur Ruhe zu kommen“ berichtet Ralf Kinkel vom Landratsamt Ostallgäu. 

Erst dann folgt die erste Aufnahme der Daten, eine Erstuntersuchung und die offizielle Registrierung für das weitere Asylverfahren. Alles ist provisorisch eingerichtet. 

Erst Anfang vergangener Woche wurde das Landratsamt darüber informiert, dass in wenigen Tagen mehrere Busse mit Flüchtlingen ankommen sollen. Seit einiger Zeit war der Landkreis allerdings in ständiger Bereitschaft. „Wir wussten, dass jede Kreisverwaltungsbehörde in Schwaben einmal an der Reihe ist“, so Kinkel. 

Nachdem Neu-Ulm kürzlich Flüchtlinge zur Erstaufnahme erhalten hatte, war klar, dass in Kürze in Marktoberdorf ein Not-Erstaufnahmelager eingerichtet werden würde. In dieser Zeit wurden bereits erste Vorbereitungen getroffen. 

Mehr Personen als gedacht 

In diesen Tagen wird allerdings klar, dass das einzig Planbare die Unvorhersehbarkeit ist. Es kamen mehr Flüchtlinge als erwartet. „Wir haben mit ungefähr 200 Personen gerechnet“, so Kinkel. 275 waren es Sonntag-Nachmittag, wie Kinkel auf Anfrage mitteilte. Die Stadt Kaufbeuren hat bereits 105 der angekommenen Flüchtlinge, ebenfalls in einer Turnhalle, aufgenommen. 

Die restlichen Personen sind derzeit in der Turnhalle des Peter-Dörfler-Gymnasiums in Marktoberdorf untergebracht. Trotz allem läuft alles ruhig und koordiniert ab. Ein Banner heißt die Neuankömmlinge in verschieden Sprachen Willkommen; eine Landkarte dient der ersten Orientierung um den Flüchtlingen zu zeigen, wo sie überhaupt gelandet sind. 

Ehrenamtliche Helfer, unter anderem vom Roten Kreuz, der Bergwacht und der Wasserwacht, versorgen die Flüchtlinge mit dem Nötigsten, zeigen die Räume und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Asylbewerber, die schon länger hier sind, helfen bei Verständigungsschwierigkeiten und beantworten die Fragen der Neuankömmlinge. 

Der vertraute Klang der eigenen Sprache, ein bekanntes Wort in diesem fremden Land, aber auch ein freundliches Lächeln, ein beruhigender Händedruck, eine Umarmung durch die Helfer werden im Moment fast noch nötiger gebraucht als Nahrung und saubere Kleidung. 

Die Flüchtlinge sind traumatisiert von Erlebnissen in ihrem Heimatland, erschöpft von der langen und gefährlichen Flucht. Erst vor wenigen Tagen sind sie in Niederbayern von der Polizei aufgegriffen worden. 

Vom Erstaufnahmelager in Marktoberdorf aus werden sie nun auf die Asylbewerberunterkünfte in Bayern, teilweise sogar deutschlandweit verteilt. Kinkel versicherte, dass es sich bei dem Not-Erstaufnahmelager in Marktoberdorf um eine vorübergehende Situation handle. Das Landratsamt rechne damit, „dass die Turnhalle zum Schulstart wieder genutzt werden kann.“ 

Eine größere Herausforderung als das vorüber eingerichtete Erstaufnahmelager stelle für den Landkreis – wie derzeit allerorts – allerdings die weitere Unterbringung der Asylbewerber dar. „Landkreisweit müssen wir rund 50 Personen pro Woche langfristig unterbringen. Die schiere Zahl überfordert uns“, so Kinkel. Der Landkreis richte daher den Appell an die Bundesebene, mehr Unterkünfte zu schaffen und die Asylverfahren zu beschleunigen. 

Doch auch Kommunen und die Bevölkerung seien gefordert. Der Landkreis ruft so nochmals dazu auf, „kurzfristig beziehbaren Wohnraum dem Landratsamt mitzuteilen und die notwendige Toleranz aufzubringen“. 

Kinkel dankte im Namen des Landratsamts „allen Helferinnen und Helfern, die die Turnhalle in kürzester Zeit für die Aufnahme der Flüchtlinge vorbereitet haben“.

von Sabrina Hartmann

Reaktionen und Meinungen vom Wochenende

• Selah Okul, Integrationsbeauftragter der Stadt Marktoberdorf und Vorsitzender des Arbeitskreises Asyl: „Bis jetzt ist alles ohne Probleme abgelaufen. Alles ist super organisiert und es sind sehr viele Helfer da. Die Asylbewerber aus Marktoberdorf sind sehr hilfsbereit und helfen beim Dolmetschen.“ 

• Wolfgang Hannig, Zweiter Bürgermeister der Stadt Marktoberdorf: „Die ständigen Bedenkenträger sollten sich das einfach mal ansehen, welches Leid diese Menschen erfahren haben und wie es hier im Erstaufnahmelager abläuft. Die Leute fühlen sich von den Helfern angenommen. Auch in der Bevölkerung brauchen wir eine gewisse Willkommenskultur.“ 

• Ralf Kinkel, Abteilungsleiter beim Landratsamt Ostallgäu: „Dass wir das hier am Wochenende leisten können, haben wir vor allem den Ehrenamtlichen zu verdanken. Ein ganz großer Dank an alle Helfer. Das ist wirklich großartig.“ 

• Peter Pohl, Kreisbereitschaftsleiter Deutsches Rotes Kreuz: „Diese Dankbarkeit der Flüchtlinge, das geht einem so unter die Haut.“

Verfahren der Erstaufnahme

Das Land Bayern verteilt die ihm gemäß eines Schlüssels auf Bundesebene zugewiesenen Flüchtlinge auf seine sieben Regierungsbezirke mit ihren Landkreisen und kreisfreien Städten. Doch die bestehenden Erstaufnahmeeinrichtungen im Regierungsbezirk Schwaben reichen derzeit nicht aus. Demnach hätte der Landkreis zunächst alleine eine Lösung finden müssen, da er in der Rangliste der Verteilung vor Kaufbeuren steht. Doch die Stadt Kaufbeuren löste in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Ostallgäu dieses Problem. Wenn Kaufbeuren von einer Zuweisung betroffen ist, übernimmt wiederum der Landkreis ebenfalls die entsprechende Anzahl an Flüchtlingen. 

Erste Anlaufstelle Peter-Dörfler-Turnhalle 

Die Turnhalle des Peter-Dörfler-Gymnasiums in Marktoberdorf diente am Samstag als erste Anlaufstelle für Flüchtlinge, die in Niederbayern von der Polizei aufgegriffen worden waren und mit Bussen aus Passau nach Schwaben kamen. Dort erfolgten die gesundheitliche Untersuchung (Screening) und die Registrierung für das weitere Asylverfahren. Die Unterbringung in Marktoberdorf und Kaufbeuren (siehe gesonderten Artikel auf Seite 3) ist vorübergehend, da die Regierung von Schwaben diese Flüchtlinge innerhalb weniger Tage in Bayern oder auf andere Bundesländer verteilt.

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