Mutmaßlicher Mörder in Kaufbeuren

Mord verjährt nicht

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Paola und Lorenza Mazzetti am Grab von Robert Einstein und seiner Familie in Rignano sull‘Arno, Toskana.

Kaufbeuren – Ein verurteilter noch lebender „Nazimörder“ mitten unter uns? Das klingt doch eher nach einem Politik-Thriller „Made in Hollywood“. Doch es scheint Realität, und die spielt sich seit Jahrzehnten hier direkt in Kaufbeuren vor unseren Haustüren ab. Doch es kommt noch dicker. Dieser ehemalige aktiv beteiligte Kriegsveteran soll an der Ermordung von Angehörigen der Familie Albert Einsteins in Italien beteiligt gewesen sein.

Das berichtete zumindest der Bayerische Rundfunk (BR) in einem Beitrag des Magazins „Kontrovers“. Dieser thematisiert die Suche der adoptierten Großnichten Einsteins nach den Mördern. Der Stoff ist letztlich die Grundlage des Dokumentarfilms „Einsteins Nichten – eine Geschichte von Verlust und Überleben“, der am 24. August dieses Jahres in die Deutschen Kinos kommt. Der BR ist an der Produktion des Dokumentarfilms beteiligt.

Die Kinoproduktion beschreibt die Erlebnisse der adoptierten Großnichten von Einstein, Lorenza und Paola Mazzetti. Nach über 70 Jahren kehrten sie im Rahmen der Dreh­arbeiten zum ersten Mal an den Ort des Geschehens in der Toskana zurück und erzählen in der Dokumentation ihre bewegende Geschichte.

Worum geht es?

Wie „Die Welt“ in ihrem Artikel vom Februar 2011 berichtete, rückten im Sommer 1944 aus dem Süden britische Soldaten der 15. Alliierten Heeresgruppe unaufhaltsam vor, um Italien von deutscher Besatzung zu befreien. Seit im Jahr zuvor Hitlers Verbündeter Mussolini gestürzt worden war, hatte die Wehrmacht ein brutales Regime errichtet, das die Truppen der Anti-Hitler-Koalition unter großen Verlusten nach Norden zurückdrängen mussten. Anfang August 1944 stand der Rückzug der deutschen Truppen aus dem Arnotal unmittelbar bevor. Knapp 20 Kilometer südöstlich von Florenz hoffte die Familie Einstein auf die Ankunft der Briten. Erst dann würden sie in Sicherheit sein. Robert Einstein, der Bruder von Albert Einstein, der seit Jahrzehnten in Italien lebte, wusste, wie gefährdet er war. Deutsche Soldaten, sowohl Einheiten der SS als auch der Wehrmacht, hatten schon in den vorangegangenen Wochen Zivilisten getötet. Sein prominenter Name und die Tatsache, dass er aus einer jüdischen Familie stammte, machten ihn zum potenziellen Ziel. Also verließ Robert Einstein das Landgut Tenuta dell Focardo, wo er mit seiner Familie lebte. Er hatte gute Kontakte zu einigen italienischen Partisanen, die sich in der Nähe versteckt hielten. Hier wollte Robert Einstein abwarten, bis die alliierten Soldaten die deutschen Besatzer vertrieben hätten.

Der Mord an den Einsteins

Dass auch seiner Familie Gefahr drohen könnte, glaubte Robert Einstein nicht. Doch es kam anders. Am 3. August 1944 erschienen auf einmal uniformierte Deutsche auf dem Landgut. Sie hielten ein kurzes Standgericht ab, dann wurden Roberts Frau Caesarina Einstein und ihre beiden 18 und 27 Jahre alten Töchter im Garten erschossen. Einige weitere Bewohner des Hauses, darunter Lorenza Mazzetti, die Großnichte der Einsteins, und ihre Schwester Paola, mussten die Hinrichtung mit ansehen, dann wurden sie in einem Schuppen am Rande des Grundstücks eingesperrt. Schließlich steckten die Soldaten das Haus in Brand. Robert Einstein sah die Flammen und machte sich sofort auf, nach seiner Familie zu sehen. Er fand sie tot vor.

Die Augenzeugin Lorenza Mazzetti schilderte ihrem Onkel den Mord genau, wie sie in der Dokumentation berichtet. Der Schmerz war so unerträglich, dass sich Robert Einstein das Leben nehmen wollte – es gelang ihm nicht. Inzwischen waren auch die alliierten Truppen eingetroffen. Robert Einstein setzte nun seinen prominenten Namen ein, um schnellstmöglich Ermittlungen einzuleiten und die Mörder seiner Familie zu verfolgen. Einen Tag nach dem Mord war ein Papierfetzen aufgetaucht, auf dem stand, die drei Einsteins seien „wegen Spionage hingerichtet“ worden – und weil sie „Juden“ seien. In Wirklichkeit war Caesarina Einstein die Tochter eines protestantischen Pfarrers.

Der Fall wird neu aufgerollt

Das LKA Baden-Württemberg rollte 2007 den Mordfall an Einstein-Angehörigen aus dem Jahr 1944 wieder auf und suchte mit der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ 2011 nach einem möglichen Zeugen, der selbst nicht unmittelbar an der Tat beteiligt war, sondern sie verhindern wollte. Leider blieb der Aufruf ohne Erfolg.

Spur des mutmaßlichen Mörders führt nach Kaufbeuren

Die Großnichten sind demnach die einzigen Zeitzeugen, die das schreckliche Verbrechen in einer Villa in der Toskana miterleben mussten. Auf eigene Faust stellten sie weitere Ermittlungen an. In der Kontrovers-Sendung wird dargestellt, dass die Spuren des mutmaßlichen Täters nach Kaufbeuren führen. Die beiden Frauen als Augenzeugen behaupten, in einem dort wohnhaften, heute 96-Jährigen, den Mann erkannt zu haben, der ihre Adoptivtante und deren Kinder am 3. August 1944 in der Villa ermordet hätte. Sie wollen ihn anhand von Fotos aus jener Zeit erkannt haben. In den Augen von Lorenza Mazzetti handelte es sich um einen politischen Mord und sie berichtete 2016 den Ermittlern im Landeskriminalamt in Kempten dazu ausführlich. Dieses gab den Fall an die Staatsanwaltschaft in München ab, welche die weiteren Ermittlungen aufnahm. Laut Staatsanwaltschaft sind diese aber eingestellt worden, „weil man davon ausgeht, dass der Betroffene aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr verhandlungsfähig ist“.

In Italien verurteilt

Eindeutigere Hinweise hinsichtlich des beschuldigten Kaufbeurers – er stand 2015 auf Rang vier der Liste der meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher im Simon Wiesenthal Center – gibt es jedoch bezüglich einer anderen Straftat. Mehrere nationale und internationale Medien (u. a. „Augsburger Allgemeine“, „Time“, „Telegraph“) berichteten 2011 über ein Massaker durch Wehrmachtkräfte während des 2. Weltkrieges. Sie sollen am 23. August 1944 im Dorf Padule di Fucecchio in der Toskana – knapp 70 Kilometer von der Einstein-Villa entfernt – 184 Zivilisten (94 Männer, 63 Frauen, 27 Kinder) umgebracht haben. Drei namentlich bekannte Personen wurden in diesem Zusammenhang 2012 als „Nazimörder“ in Abwesenheit durch ein italienisches Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Darunter auch der in Kaufbeuren wohnhafte Mann. Ein Nichtauslieferungsabkommen zwischen Deutschland und Italien aus den Jahren 1949 und 1961 verhindert jedoch, dass Kriegsverbrecher ausgeliefert werden. Eine Strafe musste der in Italien Verurteilte aus Kaufbeuren damit nie antreten.

Heute Pflegefall

Dies stellt sich aus Sicht der Ehefrau des Betroffenen anders dar. Sie schilderte gegenüber dem Kreisbote, dass die Anschuldigungen durch die Staatsanwaltschaft Kempten geprüft und abgeschlossen worden seien. Ihr Mann sei nicht in die durch Zeugenaussagen erhobenen Vorwürfe verwickelt, da es nicht belegt werden konnte. Die Staatsanwaltschaft habe bei einer Durchsuchung Bilder ihres Mannes mitgenommen und Zeugen vorgelegt. Diese hätten dann bestätigt, dass sie sich getäuscht hätten und er nicht zu den Beteiligten an Verbrechen gehört hätte. Dies habe man ihnen 2016 durch das Landgericht Kempten schriftlich mitgeteilt. Zudem habe ihr Mann nun Pflegestufe vier, sei nahezu völlig dement und werde voll von ihr betreut. Dieser Eindruck wurde durch einen persönlichen Kontakt bestätigt.

„Mein Mann hat der Polizei damals schon erzählt, dass er nach einem Lazarettaufenthalt zu einer neuen Einheit nach Italien versetzt worden ist, wo er vorher noch nicht war. Er war ja einfacher Soldat“, so die Ehefrau. Ihr Mann habe in seinen Erzählungen ihr gegenüber schon früher nicht verstanden, dass Zeugen ihn beschuldigt hätten. „Wir haben damals bei den Familien gewohnt, gegessen und geschlafen. Wir waren freundlich miteinander“, erinnert sich die 88-jährige Ehefrau an die Worte ihres Mannes. Da hätte man doch nicht auf irgendeinen Befehl von oben solche Menschen getötet. „Das geht nicht“, habe ihr Mann gesagt. Man habe, ganz im Gegenteil, den Menschen geraten, sich zu verstecken.

Ungeklärt

Die Staatsanwaltschaft Kempten bestätigte die Darstellungen der Ehefrau mit Blick auf den Vorfall Einsteins nicht. Sie hatte den Fall im August 2016 an die Staatsanwaltschaft München I weitergeleitet, wie dessen Pressesprecher Bernhard Menzel auf Anfrage erklärte. Dort habe man den Fall inzwischen zu den Akten gelegt, berichtete Florian Weinzierl als Pressesprecher der Staatsanwaltschaft München I auf Nachfrage. So habe man das Verfahren gegen den Kaufbeurer eingestellt, weil ärztliche Atteste glaubhaft versichert hätten, dass dieser nicht mehr verhandlungsfähig sei. Eine Bewertung der Unterlagen sei daher nicht mehr nötig gewesen. Entlastet werde der Kaufbeurer durch diesen Vorgang jedoch nicht, aber eben auch nicht belastet, an den schrecklichen Ereignissen des 3. Augustes 1944 in Italien beteiligt zu sein. Ob die in dem Film neuerlich erhobenen Vorwürfe durch die Großnichten Einsteins jemals endgültig geklärt werden können, bleibt wohl offen.

von Wolfgang Becker und Kai Lorenz

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