Emotionaler Kommandowechsel

Oberst Niedermeier übergibt am Fliegerhorst Kaufbeuren an Oberstleutnant Langer

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Abgabe des Kommandos: Oberst Niedermeier (3. v. li.) übergibt die Truppenfahne an Oberst von Harling (2. v. li.), der diese danach an Oberstleutnant Langer (li.) übergibt. Rechts ist die Fahnenabordnung und im Hintergrund sind Teile des Ehrenzuges mit dem Gebirgsmusikkorps zu sehen.

Kaufbeuren – „Ich nehme Abschied von einer Wunschverwendung, Abschied von dem schönsten Standort der Luftwaffe und Abschied von vielen wunderbaren Menschen, die mich in den letzten zwei Jahren als Kommandeur und Standortältester begleitet haben und die mir sehr ans Herz gewachsen sind.“ Mit diesen einleitenden Worten begann Oberst Dirk Niedermeier als scheidender Kommandeur der Abteilung Süd des Technischen Ausbildungszentrums der Luftwaffe (TAZ) seine Rede im Rahmen der Übergabe der Kommandogewalt an seinen Nachfolger, Oberstleutnant Martin Langer.

Es waren nicht die einzigen Worte der starken Verbundenheit. Oberst Georg A. von Harling als Vorgesetzter bekundete, dass er sich „eine deutlich längere Dienstzeit“ für Niedermeier gewünscht hätte, dieser aber in seiner neuen Funktion der Ausbildungseinrichtung verbunden bleibe.

Kommandowechsel gehören zum militärischen Alltag und werden grundsätzlich mit formaler Routine abgewickelt. Doch es gibt Veranstaltungen, die abseits üblicher Formalismen auch emotionale Momente erzeugen. Der anfangs der Woche vollzogene Führungswechsel der Abteilung Süd des TAZ gehört definitiv dazu. Das lag im Wesentlichen an Oberst Dirk Niedermeier als dem scheidenden Kommandeur, der mit seiner Ansprache in der Halle 127 am Fliegerhorst sicherlich bei vielen Menschen Spuren hinterließ. Zahlreiche Gäste aus dem militärischen Bereich, aber auch aus Politik, Wirtschaft und Bürgergesellschaft nahmen an der Übergabe teil. Weit angereist waren die Eltern des scheidenden Kommandeurs sowie dessen Zwillingsbruder Oberst i. G. Holger Niedermeier, der in früheren Jahren als Inspektionschef in Kaufbeuren tätig war.

„Seltenes Privileg“

In seiner Ansprache vor den Angehörigen der Schule und den Gästen ging Niedermeier auf die wesentlichen Stationen in der nur zwei Jahre währenden Dienstzeit am Standort ein. „Der Besuch des Generalinspekteurs der Bundeswehr am 12. Juli des letzten Jahres war der Höhepunkt meiner Zeit in Kaufbeuren“, sagte der Kommandeur. Die große Freude und Dankbarkeit, die er nach der Verkündung des Standorterhalts im Rathaus der Stadt Kaufbeuren von allen Seiten habe verspüren können, sei etwas ganz Besonderes gewesen. „Das Privileg, so etwas zu erleben, hat man nur ganz selten im Leben“, sagte er. „Ich werde immer wieder darauf angesprochen, wie gut es für Kaufbeuren und die Menschen vor Ort ist, dass der Standort erhalten bleibt.“ Damit verbleibt die Ausbildung am Tornado bis mindestens 2028. Dies sei mit ein Verdienst aller Angehörigen, die durch Leistung überzeugt hätten, den Standort zu erhalten.

Ein Dank ging ebenso an alle Mandatsträger, die sich für den Standorterhalt in den letzten Jahren eingesetzt hätten. Auch die Entscheidung, dass die luftfahrzeugtechnische Ausbildung am Eurofighter (EF) in einem Eigenmodell in Verantwortung der Luftwaffe bleibt und durch militärisches Personal durchgeführt wird, sei nur die logische Konsequenz gewesen. Denn bei der qualitativ hochwertigen und modernen Ausbildung gehe es auch darum, Werte und Einstellungen zu vermitteln, was hier besonders gut gelinge. Bei einer Standortsuche für den Verbleib der EF-Ausbildung müsse Kaufbeuren mit betrachtet werden, da eine unterbrechungsfreie Ausbildung trotz erforderlicher Investitionen im laufenden Betrieb sichergestellt sei. Und solange Entscheidungen noch nicht getroffen seien, könne man versuchen, diese zu beeinflussen.

Ein weiterer Schwerpunkt war nach Niedermeiers Worten die „sehr umfangreiche und arbeitsintensive Umstellung“ der luftfahrzeugtechnischen Grundlagenausbildung bis Mitte 2019 nach neuem Standard, der durch das Luftfahrtamt der Bundeswehr lizenziert wurde. Nun werde gemäß nationalem Recht der harmonisierten europäischen Regularien zum Betrieb/Zulassung von militärischen Luftfahrzeugen ausgebildet.

„Kaufbeuren Teil meiner Heimat“

Besonders hob der Oberst auch die gute Zusammenarbeit mit der Stadtspitze heraus: „Nirgends war eine so enge Verbundenheit zwischen Standort und Bundeswehr zu spüren, wie hier in Kaufbeuren“. Deshalb freue er sich, dass Ende letzten Jahres mit einer Patenschaftsurkunde die Partnerschaft zwischen der Stadt und der Abteilung Süd noch weiter vertieft werden konnte. Er bedankte sich bei den Angehörigen der Schule für die „konstruktive Zusammenarbeit, hervorragende Unterstützung und die gelebte Kameradschaft“ und schloss mit bewegenden Worten: „Es war mir eine Ehre, Ihr Kommandeur gewesen zu sein. Im Herzen werde ich immer Teil der Abteilung Süd bleiben und betrachte Kaufbeuren als Teil meiner Heimat.“ Dazu passte das gewünschte und in hervorragender Weise vom Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr unter Oberstleutnant Karl Kriener intonierte Abschiedslied „Amazing Grace“.

„Besonnene Art und Weise“

Oberst Georg A. von Harling als Vorgesetzter hatte nach seinen Worten „zunächst gemeinsam mit Niedermeier bei der Ankündigung zur Versetzung gehadert“. Doch die Versetzung zum Kommando Luftwaffe stelle sowohl für Niedermeier als auch für das TAZ eine große Chance dar. In seinem Rückblick skizzierte von Harling, dass beim Dienstantritt Niedermeiers vor zwei Jahren durch den Schließungsbeschluss bereits sehr lange dunkle Wolken am Horizont Kaufbeurens gestanden hätten. Doch nun sei „der Himmel über Kaufbeuren deutlich aufgeklart“ und die mehr als 80-jährige Geschichte als Garnisonsstadt könne fortgeführt werden. Für die luftfahrzeugtechnische Ausbildung am Tornado und am Eurofighter gebe es in Teilen Entscheidungen. Er bescheinigte dem scheidenden Kommandeur, „das Schiff der Abteilung Süd mit besonnener, weitblickender Art und Weise und strategischem Geschick ein Stück weit durch die herannahenden Unwetter manövriert“ zu haben. „Die Abteilung Süd verliert einen Vorgesetzten, einen Kameraden, der nah an seinen Untergebenen war“, so von Harling. „Kameradschaft ist ein essenzieller Bestandteil Deiner Führungsphilosophie gewesen.“

Dem Nachfolger, Oberstleutnant Martin Langer, wünschte von Harling das „sprichwörtliche glückliche Händchen für eine erfolgreiche Zeit als Kommandeur der Abteilung Süd“. „Angesichts der noch bevorstehenden Herausforderungen wird es Ihnen nicht langweilig werden“, sagte er.

Kommentar

Mit Kopf, Herz und Hand

Mit diesem Zitat ging es bei dem Pädagogen und Philosophen Johann Heinrich Pestalozzi zwar um das Lernen und die Bildung von Kindern. Doch dieses Zitat lässt sich in geradezu klassischer Form auch auf den scheidenden Kommandeur Dirk Niedermeier anwenden. Dieser Soldat war trotz seiner kurzen Verwendungszeit ein Glücksfall für die Abteilung Süd und die Stadt Kaufbeuren!

Er war kein Freund der lauten Töne und wollte nicht unbedingt in der ersten Reihe stehen. Dafür brillierte er wesentlich stärker im Hintergrund. Nur wer zwischen den Zeilen oder seinen Worten zu lesen wusste, bekam eine Ahnung davon. Mit seiner Fachkompetenz erkannte er nicht nur das in der Ausbildungseinrichtung steckende menschliche Potenzial. Für ihn war neben der Vermittlung hochkomplexer Ausbildungsinhalte etwas ganz Wesentliches – gerade für Soldaten – wichtig: die Vermittlung von Werten und Einstellungen! Und damit die Ausbildung an Waffensystemen durch militärisches Personal. All dies mündete in zielgerichtetes Handeln auf allen ihm zur Verfügung stehenden Kanälen. Das galt nicht nur für die militärische, sondern auch für die politische Schiene, die ihm aus früherer Tätigkeit sehr wohl vertraut war. Und setzte damit – in Anlehnung an ein Sprichwort – die Segel des Schiffes Fliegerhorst mit „strategischem Geschick“ – wie es von Harling formulierte – richtig in den Wind! Ein weiterer Glücksfall ist es, dass Niedermeier auch in seiner zukünftigen Verwendung die gemachten Erfahrungen und damit seine in bewegten Worten zum Ausdruck gebrachte Verbundenheit zu Kaufbeuren weiter einbringen kann.

Unter diesem „Kapitän“ wäre das Schiff vielleicht 2011 gar nicht in eine derart stürmische See geraten und ein „Schiffbruch“ mit jahrelangem Darben auf einem Eiland erspart geblieben! Viele ehemalige Angehörige unter den Gästen hätten sicherlich gerne unter diesem Kommandeur gedient – einem Mann mit Kopf, Herz und Hand!

von Wolfgang Becker

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