Emotionen, Pfiffe, deutliche Worte

Bürgermeister Werner Himmer spricht zu den Zuhörern. Sogar das Foyer des Modeon musste geöffnet werden, um dem Andrang interessierter Bürger Herr zu werden. Foto: Bauer

Tumultartige Zustände herrschten phasenweise im Modeon, als Landrat Johann Fleschhut (FW) versuchte, den mehr als 1000 Bürgern zu erklären, wie der Schließungsbeschluss für das Krankenhaus Marktoberdorf im Verwaltungsrat zustande gekommen war. Aber auch Bürgermeister Werner Himmer (FW) und die Landtagsabgeordnete Angelika Schorer (CSU) mussten sich harte Worte gefallen lassen. Es sei doch alles vorhersehbar gewesen und die Politik habe viel zu spät oder nicht entschieden genug reagiert, waren dabei die Hauptkritikpunkte in einer auch sehr emotional geführten Diskussion.

Als er das Wort „Fairness“ gebrauchte – diese forderte Fleschhut im gegenseitigen Umgang von politischen Entscheidungsträgeren – folgte ein minutenlanges Pfeifkonzert. Er sei seit 25 Jahren in der Kommunalpolitik tätig, aber einen solches Verhalten habe er noch nicht erlebt, gleichwohl sei die Schließungsentscheidung rechtlich einwandfrei zu Stande gekommen, erklärte der Landrat. Es wurde im Vorfeld alles getan, was möglich gewesen sei, aber es ist trotz Einigkeit im Kreistag und auf Bürgermeisterebene nicht gelungen, die Reihen geschlossen zu halten. Dabei richtete sich seine Kritik in erster Linie an den Verwaltungsratsvorsitzenden Stefan Bosse (CSU) und dessen Verhalten im Zuge der geheimen Abstimmung, die letztlich im sechsten Anlauf mit einer 12:6-Mehrheit zu dem umstrittenen Schließungsbeschluss geführt hatte. Dieser Kritik schloss sich Brigitte Schröder (FW) an, die beklagte, dass einer mit falschen Karten gespielt habe und sie nun nicht mehr wisse, wem sie trauen könne. Wie Bürgermeister Werner Himmer (FW) und Wolfgang Hannig (SPD) auch, erklärte sie, dass Fleschhut unrecht getan werde, wenn er die Schuld für die Schließung übernehmen solle. Niemand habe, so Schröder, damit gerechnet, dass B1 (Schließung MOD) nochmals zur Abstimmung gebracht werde. „Ein untragbares Verhalten“ so bezeichnete Himmer die Geheimniskrämerei rund um die Untersuchung durch die Beraterfirma Kienbaum, die es trotz mehrfachen Nachfragens nicht für nötig gehalten hatte, belastbare Zahlen zu den einzelnen Häusern zu liefern, vielmehr habe man auf die „geostrategischen Gesichtpunkte“ in Zusammenhang mit Marktoberdorf hingewiesen. Allerdings bezweifle er, dass viele Patienten aus der Kreisstadt das Klinikangebot aus Kaufbeuren wahrnehmen würden. Trotz der durch den Landrat betonten Rechtmäßigkeit der Entscheidung des Verwaltungsrates, werde die Stadt, so Himmer, das Verfahren einer juristischen Prüfung unterziehen. Gemeinsam mit dem Freundeskreis Krankenhaus Marktoberdorf habe man außerdem eine Petition an den Bayerischen Landtag verfasst, der, wie die Vorsitzende Ulrike Propach hoffnungsvoll erklärte, seine Arbeit sehr ordentlich mache. Ein Konzept für die Nachnutzung könne nicht vom Himmel fallen, sie bat deshalb das Plenum hier am Ball zu bleiben. Frenetischen Beifall erntete Dr. Wolfgang Hell (Vorsitzender von Mitten in Marktoberdorf) für seine Forderung an die Mandatsträger, den Austritt aus dem Kommunalunternehmen zu prüfen. Mit den Worten „Wenn schon Schließung, dann konsequent“ setze er sich für eine offensive Diskussion über die Schließung von Buchloe und Obergünzburg ein. Viele Wortmeldungen aus dem Publikum zeigten, wie groß die Enttäuschung und auch die Wut über den Schließungsbeschluss ist. Etwas Licht ins Dunkel brachte die Frage eines Bürgers an den Landrat, ob er denn „die Zahlen“ – gemeint war die Höhe an Defizit, die das Marktoberdorfer Krankenhaus einfährt – kenne. Zunächst wich Fleschhut der Frage mit dem Hinweis auf die bessere finanzielle Prognose von B1 (Schließung), gegenüber C (Erhalt der Fünfhäusigkeit) aus, nach massiver erneuter Forderung aus dem Publikum nannte er schließlich das auf Marktoberdorf bezogene Defizit der letzten beiden Jahre. So habe laut Fleschhut der Verlust 2009 172.000 Euro und im vergangenen Jahr ca. 400.000 Euro betragen. Dass er sich über den Tisch habe ziehen lassen, diese Aussage aus dem Publikum akzeptiere er zu 100 Prozent, allerdings sei er es bisher nicht gewohnt gewesen, dass man mit Blick auf Absprachen und Zusagen so miteinander umgehe.

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