Ein flächendeckender Stundentakt

Ergebnisse des Nahverkehrsplans für das Ostallgäu und Kaufbeuren im Kreisausschuss vorgestellt 

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Das Liniennetz in Kaufbeuren ist gut aufgestellt. Allerdings gibt es auch hier, wie auch im gesamten Ostallgäu, deutliches Verbesserungspotenzial bei der Umsteigequalität. Die Optik von Haltestellen und Knotenpunkten wie dem Plärrer sollen auch abgestimmt werden.

Marktoberdorf – Es ist ein Thema, das den Landkreis Ostallgäu schon viele Jahre beschäftigt und auch im Wahlkampf dieses Jahres aktuell war: Die Entwicklung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) für den Landkreis sowie die kreisfreie Stadt Kaufbeuren.

In Marktoberdorf begrüßte Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) am vergangenen Montag den neu besetzten Ausschuss für Kreisentwicklung und Umwelt zur ersten Sitzung.

Mit der Vorstellung der Bausteine des endgültigen Nahverkehrsplans (NVP) durch Diplom-Geograph Erik Meder des beratenden Ingenieurbüros für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik, gevas –humberg & partner, begann die Sitzung.

Das Gesetz über den öffentlichen Personennahverkehr in Bayern (BayÖPNVG) bestimmt die Landkreise und kreisfreien Städte als freiwillige Aufgabenträger für die Planung, Organisation und Durchführung des ÖPNV. Bereits 2008 begannen die Arbeiten an einem NVP für den Landkreis und Kaufbeuren. 2019 war der Plan fortgeschrieben und die Firma gevas damit betraut worden. Nun bekamen die Kreisräte einen „Kompakt­überblick über die Arbeit der letzten Jahre und Monate“ von Meder. Der Rahmenplan diene der Entwicklung des regionalen ÖPNV in den kommenden fünf bis zehn Jahren. Die Mindeststandards für die Qualität werden auf EU- sowie Bundes- und Länderebene vorgegeben. Die Gesetze seien jedoch nur die Grundlage, so Meder. „Des Weiteren gilt es, diese Inhalte mit Leben zu füllen“.

Bestand und Schwächen

Die Arbeit der Experten begann mit einer Bestandsaufnahme sowie einer Schwachstellen-Analyse. Anhand von Grenz- und Richtwerten von Leitlinien der bayerischen Nahverkehrsplanung ergab sich, dass es zwar kaum Handlungsbedarf bei den Haltestelleneinzugsbereichen gibt, die Erreichbarkeit der Gemeindezentren und zentralen Orte aber Verbesserungspotenzial aufweisen. Eine Verbesserung könnte hier bereits durch eine Steigerung der Fahrtenhäufigkeit erreicht werden. Auch die Umsteigequalität, insbesondere zwischen Bus und Bahn, sei verbesserungswürdig, berichtete Meder.

Unterschiede gibt es auch zwischen Städten und dem ländlichen Raum. So zeige die Fahrtenhäufigkeit im Zentrum Kaufbeurens geringen Handlungsbedarf. Mehr sei im ländlichen Raum und an den sogenannten Verkehrsachsen der Bahn zu tun. Letztere liegen jedoch nicht im Verantwortungsbereich des Landkreises und der Stadt Kaufbeuren, berichtete der Diplom-Geograf.

Nicht in den Kommunen selbst

Auf Basis der Analyse definiert ein Rahmenkonzept die Zielvorstellungen für die kommenden sechs Jahre. Eine konkrete Umsetzung könne anhand eines Maßnahmen-Konzeptes folgen. „Erstmal gilt es für das Ostallgäu, den Nahverkehr auszuformulieren. Das ist der Kernpunkt für ein vollständiges Konzept“, sagte Meder. Ein Kernthema sei dabei die Weiterentwicklung des Fahrtenangebots. „Mit einem flächendeckenden Stundentakt wären fast alle Schwachstellen abgedeckt.“ Diese Taktung beziehe sich auf das Hauptliniennetz, perspektivisch auch auf die Regionalbuslinien. Wichtig ist dabei zu berücksichtigen, sagte Christian Lenz, der für Busverkehr zuständige Spezialist des Landratsamts Ostallgäu, dass der NVP nicht die innerkommunalen Verbindungen betrachtet. Individuelle Lösungen, wie zum Beispiel der Ortsbus in Pfronten, seien von den Gemeinden selbst zu entwickeln. Weshalb Kreisrat Robert Pöschl (CSU) es für wichtig empfindet, dass der Landkreis den Kommunen gegenüber partnerschaftlich auftreten solle. „Zum Beispiel mit einer Zuwendungslinie, wenn die Gemeinden die Qualitätsstandards freiwillig weiterverfolgen.“ Wolfgang Eurisch (CSU) stimmte zu, dass eine Finanzierung für die eignen Maßnahmen der Kommunen geklärt werden müsse. Auch, was die angrenzenden Landkreise und die Schnittstellen dorthin betreffe.

Die Landrätin sagte deutlich, dass aus den Kommunen in der Vergangenheit keine Signale kamen. „Da ist kein Grundsatzbeschluss möglich“, so Zinnecker. „Erst muss der Auftrag her und ein Plan auf den Weg gebracht werden. Dann können Fördermittel mit dem Freistaat und Zuständigkeitsbereiche geklärt werden“, so Zinnecker. Klar sei, dass die Gemeinden Initiative ergreifen werden müssen.

Barrierefreiheit bis 1. Januar 2022

Eine Anpassung des Personenbeförderungsgesetzes schreibt vor, dass vollständige Barrierefreiheit (lässt auch Ausnahmen zu, wo keine sinnvolle Barrierefreiheit hergestellt werden kann) bis zum 1. Januar 2022 gegeben sein muss. Eine Anforderung, die nicht nur in baulicher Hinsicht gilt. Infrastrukturelle und informative Bereiche des ÖPNV-Angebots zählen ebenfalls dazu.

Im Rahmen des NVP sei festzulegen, welche Mindestkriterien dabei einzuhalten seien, erläuterte Meder. Die absolute Barrierefreiheit sei nicht zu erreichen. Es gebe zu viele verschiedene Formen von Behinderungen und Ansprüchen. Jedoch gelte es, den Idealfall für den regionalen ÖPNV „systematisch herzustellen“, sagte der Experte. „Wir müssen dort ansetzen, wo es am meisten drückt, diese Funktion übernimmt der Verkehrsplan.“

Mindestkriterien festlegen 

Es müssen Mindestkriterien festgelegt werden. Diese haben die Fahrzeuge, die Haltestellen, Zu- und Abwege sowie die Fahrgast­informationen und betriebliche Organisation zu beinhalten. Dabei werden Ausnahmefälle definiert und die Umsetzung nach Wichtigkeit in ihrer zeitlichen Umsetzung eingeordnet. Die Eckpunkte zur Barrierefreiheit, so Meder, wurden in Absprache mit den Behindertenbeauftragten des Landkreises abgestimmt und einvernehmlich beschlossen.

Das Maßnahmenkonzept beinhaltet mehrere Begleitmaßnahmen zur Infrastruktur und baulichen Verbesserungen von Schnittstellen wie Zentrale Omnibusbahnhöfe oder Park & ­Ride-Anlagen. Eine einheitliche Haltestellenkennzeichnung und -ausstattung gehört dabei zu den Qualitätsstandards. Auch die tarifliche Entwicklung und eine Verbesserung des Informationsangebots mit Anzeigen an den Haltestellen und online abrufbaren Echtzeitinformationen gehören dazu, erklärte Meder. Ein wichtiger Faktor spiele dabei das Marketing. „Das habe ich immer wieder thematisiert“, sagte Zinnecker. „Da gibt es einiges zu tun und man muss sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen.“ Sie könne sich eine Informations-App vorstellen.

Keine falsche Bescheidenheit

In die Planung wurde die Deutsche Bahn AG mit einbezogen. Eine wichtige Maßnahme sei laut NVP die Elektrifizierung der Bahnstrecke Buchloe-Marktoberdorf bis zu einer Elektrifizierung der Allgäu-Strecken. Hier meldete sich Dr. Paul Wengert (SPD) zu Wort. „Warum gehen wir hier nicht weiter und sagen bis nach Füssen?“ Seiner Meinung nach müsse das Allgäu da nicht bescheiden sein. „Das Ziel muss die komplette Elektrifizierung des Allgäus sein“, forderte er. Damit war er nicht alleine. Zinnecker pflichtete ihm bei: „Wir werden deshalb auch diese Forderung an die Bayerische Eisenbahngesellschaft aufnehmen und somit das Maximale in den Plan schreiben.“

Erste Priorität habe nun die konsequente Vertaktung der Linien und Abstimmung auf Züge. Am Marketing, sagte Lenz, „sind wir aktiv“. Auch die Tarifharmonisierung liege der Projektgruppe um den NVP sehr am Herzen, sagte der Experte des Landratsamts. Die Optik der Haltestellen solle im Verbund ebenfalls abgestimmt werden. Im Zusammenhang mit der bereits vom Kreisausschuss beschlossene Verbundstudie Allgäu (wir berichteten) erfolge eine Fahrgasterhebung, deren Ergebnis in der nächsten Ausschusssitzung im September vorgetragen werde, so Meder. „Wichtig ist es, die Zielsetzung jetzt ins Auge zu fassen“, sagte der Diplom-Geograf. Über die Verbundstudie wurden die Räte anschließend genauer informiert. Auch wenn dafür Geld in die Hand genommen werden muss: Zukünftige Fördermittel, verdeutlichte Zinnecker, hängen von dieser Studie ab.

„ÖPNV ist eine Herausforderung“

„Wir haben jetzt wegen der Coronakrise wieder einen verstärkten Individualverkehr“, bemerkte Ostallgäus Landrätin Zinnecker. Busunternehmen kämen dadurch teilweise auch finanziell an ihre Grenzen. Insgesamt sei der ÖPNV eine Herausforderung, sagte die Landrätin. „Wir erwähnen Corona im Bericht“, erklärte Meder. „An der grundsätzlichen Fragestellung für die Zukunft ändert sich dadurch jedoch nichts.“ Für die Planung spiele die Corona-Pandemie keine Rolle, auch wenn sie den Landkreis noch länger beschäftigen werde. „Es gilt jetzt die Zeit zu überstehen und einen Plan auf den Weg zu bringen“, betonte der Experte.

Selma Höfer

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