100. Geburtstag eines Neugablonzer Urgesteins

Erinnerungen an den „Zasche-Doktor“

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Dr. med. Richard Zasche (1918-1990), der seinerzeit im Umfeld von Erich Huschka, Dr. Köhler, Heinz Kleinert, Susanne Rößler, Prof. Rudolf Tamm und anderen intensiv am Aufbau von Neugablonz mitgewirkt hat.

Kaufbeuren-Neugablonz – Am 3. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden: Dr. med. Richard Eduard Zasche, einer von denen, die – ohne groß Aufhebens darum zu machen – im Umfeld von Erich Huschka, Heinz Kleinert, Prof. Rudolf Tamm, Susanne Rößler und anderen Neugablonz aufbauen halfen.

Nach dem Krieg hatte „Richard III.“ mit Hilfe seines Vaters „Richard II.“ ein von der ECA gefördertes, kostengünstiges Einfamilienhaus erwerben können, eines aus der so genannten Papageiensiedlung. ECA-Siedlungen wurden in Deutschland Anfang der 1950er Jahre zur Behebung der großen Wohnungsnot in Folge des Zweiten Weltkriegs von der US-amerika­nischen Economic Cooperation Administration im Rahmen und mit Mitteln des Marshallplanes gebaut. 

Richard Zasche sen. (mit dem Spitznamen „Steinlzosche“) hatte damals mit seiner Vertretung von Swarovski-Steinen in der wieder aufblühenden Gablonzer Schmuckindustrie bereits gut Fuß gefasst. Sein einziger Sohn Richard Eduard wurde 1918 in Gablonz a. d. Neiße geboren. Er schloss die Schulzeit am Realgymnasium in Gablonz 1937 mit der Matura ab und begann sein Medizinstudium an der Deutschen Karlsuniversität in Prag. Durch die Kriegswirren zog sich das Studium in die Länge und konnte erst 1944 mit der Promotion abgeschlossen werden: Richard Zasche war als Sanitäter im Russlandfeldzug und als Arzt an der Westfront eingesetzt. 1943 heiratete er Dr. phil. Gertrud Henlein. Gegen Kriegsende wurde er verwundet und verbrachte die Jahre von 1945 bis 1947 in Kriegsgefangenschaft in Göppingen. 1948 folgten für ihn noch einmal fünf Monate politische Gefangenschaft in Amberg. Danach fand er eine Anstellung als Assistenzarzt im Kreiskrankenhaus Lauf an der Pegnitz. 1952 zog Zasche nach Neugablonz und eröffnete eine eigene Praxis. Die Kassenzulassung und damit endlich eine solide Existenzgrundlage für seine inzwischen sechsköpfige Familie erhielt er 1953. Seine wachsende Patientenschar schätzte ihn trotz seiner oft unverblümten Art und mancher weiß noch heute originelle Anekdoten von ihm zu erzählen.

Die Eheleute Zasche engagierten sich im langsam entstehenden Neugablonz von Anfang an sowohl sozial und kommunal als auch kulturell. Obwohl er, wie Richard Zasche selbst sagte, kein „Vereinsmeier“ war, landete er über kurz oder lang in der Spitze der meisten Organisationen, deren Arbeit er für wichtig hielt. Er war im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, Mitbegründer und Schulungsleiter des DRK-Sanitätszugs Neugablonz, Gründungsmitglied im Ortsbildungsausschuss Neugablonz und Vorstandsmitglied in mehreren landsmannschaftlichen Vereinigungen wie Heimatkreis, Leutelt-Gesellschaft und Archiv-Verein. Von 1978 bis 1984 wirkte Richard Zasche als Freier Wähler auch im Kaufbeurer Stadtrat. Er war Gründungsmitglied des Rotary-Clubs Kaufbeuren sowie dessen zweiter Präsident und wurde später als Paul-Harris-Fellow geehrt. Nicht immer fanden seine Aktionen bei allen Zustimmung. Im Volksmund hieß es, „das Böse“, das in dem ursprünglich am Kirchturm angebrachten Mosaik von einer Schlange verschlungen wird, sei der „Zasche-Doktor“ – wegen seines federführenden Einsatzes für religiöse Co-Edukation in einer Gemeinschaftsschule. Zasche nahm’s mit Humor, der ohnehin nie zu kurz kam, was seine Funktion als langjähriger „Stabsarzt“ der Saskaler Armee bewies.

In jeder freien Minute schrieb er. Poetische Gedichte stammen ebenso von ihm wie Schriften zur Geschichte der Sudetendeutschen, zum Beispiel über Konrad Henlein oder Erinnerungen an Gablonz. Ende der 70er Jahre übersetzte er den Briefwechsel zwischen dem Kaufbeurer Arzt Johann Georg Brengger und Johannes Kepler aus dem Lateinischen, welcher zum Teil im „Allgäuer Geschichtsfreund“ erschien. Auch an den Jugendrotkreuzheften des BRK arbeitete er intensiv mit. Die Pflege der paurischen Mundart lag den Zasches besonders am Herzen. Unter anderem initiierte Dr. Zasche bereits 1953 die bis heute 14-tägig in der Tageszeitung erscheinende Mundartglosse „Nej su wos“ und verfasste zahlreiche Beiträge.

Am 13. Februar 1990 erlag Richard Zasche den Spätfolgen seiner ererbten Diabetes. Sein Lebenswerk im Bucharchiv des Isergebirgs-Museums wurde nach seinem Tod von seiner Frau weitergeführt und ausgebaut.

von Ingrid Zasche

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