Beruf und Berufung in der "VUCA"-Welt

Erkenntnisse bei einem Unternehmer-Abend zu „New Work“

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Arbeitsplatz zu Zeiten der Digitalen Transformation beim Gastgeber Linara Baufachhandel: Marketing-Leiter Marc Pohl demonstriert Kundenberatung mit Unterstützung der virtuellen Realität.

Kaufbeuren – New Work ist das Versprechen einer neuen Art von Arbeit in einer globalen und digitalen Gesellschaft mit hoher zeitlicher, räumlicher und organisatorischer Flexibilität. Beim Unternehmerabend der Stadt Kaufbeuren.

Mit dem Landkreis Ostallgäu in Kooperation mit den Wirtschaftsjunioren und Allgäu Digital sowie INNOVA Allgäu und der Firma Linara in der vergangenen Woche stellten drei Vorträge verschiedene Aspekte der „New Work“ vor. Den Abend eröffnete ein, wie er sich vorstellte „Chef von etwa 1000 Mitarbeitern in vielen Bereichen, darunter Experten für Bau, Verwaltung, Kulturmanagement, Hausmeister, Eismeister und Kindergärtnerinnen“. Und er entschuldigte sich dann, dass er wegen anderer Verpflichtungen nicht bis zum Ende bleiben könne. Sein Name: Stefan Bosse. Sein Job: Oberbürgermeister von Kaufbeuren. 

Dabei dachte anfangs wahrscheinlich niemand genauer darüber nach, welche Abend-Termine der OB wohl noch wahrnehmen muss. Nach drei Stunden kamen jedoch ganz sicher viele der anwesenden Unternehmer aus dem Ostallgäu zu der Überzeugung, dass er hoffentlich familiäre Verabredungen gemeint hatte. Denn, das zeigten die Vorträge klar: New Work setzt neue Prioritäten – und da stehen Freunde und Familie, die Balance zwischen Job und Leben ganz oben. Auch für Chefs und Unternehmer – und das ist gut so. 

„Unsere Welt ist heute VUCA“

„Dieser Trend“, so erläuterte der erste Vortragende, Erno-Marius Obogeanu-Hempel, Consultant bei DigitalWinners in Rosenheim, „ist insbesondere bei jungen Mitarbeitern zu beobachten“. „Und die haben recht: Es kommt zunehmend nicht mehr darauf an viel, sondern smart zu arbeiten.“ Das neue, digitale Zeitalter erfordere neues Denken, so Obogeanu-Hempel. „Denn unsere Welt ist heute VUCA, eine Abkürzung, die für Volatility (Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit) steht.“ 

Wie aber organisiert man Unternehmen unter diesen Umständen? Wie ändern sich Arbeitsweisen und Führungsstile? Seine Antwort: „Digital Mindset, Kundenfokus und agile Teams – so gelingt Innovation!“ Oder, wie er es dann in seinem Vortrag in Anlehnung an ein Steve-Jobs-Zitat weiter ausführte: „Menschen, nicht Technik sind der Schlüssel zur Digitalen Transformation. Das beginnt bereits bei den Organisationsstrukturen in Unternehmen. Die waren bisher meist hierarchisch aufgebaut – also so, wie es mit der industriellen Revolution vor 200 Jahren in England von der Navy, der Kriegsmarine, übernommen wurde“. Das funktioniere heute nicht mehr. 

„Vor allem aber ändern sich Werte. Inzwischen rücken mit den jungen Generationen Y und Z die sozialen Bedürfnisse nach Anerkennung, Wertschätzung und Selbstverwirklichung in den Vordergrund. Die werden zunehmend nicht mehr am Arbeitsplatz umgesetzt, sondern im gesamten Leben, bestehend aus Arbeit, Freizeit und Interessen, die miteinander verwachsen. Und auch die Familie wird hier wieder zunehmend zum Schwerpunkt“, hat der Referent beobachtet. 

Neukonstruktion der Firma

Was das genau bedeutet, zeigte der zweite Vortrag von Daniel Anwander, Geschäftsführer des Familien-Unternehmens „Anwander – Ingenieure, die weiter denken“. Er beschrieb die Neustrukturierung seiner Firma „vom ersten Workshop zum Great Place to Work – meine Challenge als Arbeitgeber!“ Auch hier ging es darum zu zeigen, wie die vom Unternehmen geschaffene Arbeitswelt und die Einbindung der Mitarbeiter den Unternehmenserfolg begründen. Das Ingenieurbüro Anwander beschäftigt sich, wie er dazu erläuterte, mit „Brandschutz und Arbeitssicherheit, also einer recht trockene Materie – weit weg vom Silicon-Valley-Glamour.“ Aber auch unter diesen Umständen gelang es, ein inspirierendes und auf die persönlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter zugeschnittenes Arbeitsumfeld zu schaffen. So lautet etwa die Vision des Unternehmens: „Wir haben eine starke, familiäre Struktur mit ausgewogener Work-Live- Balance. Als Spezialisten realisieren wir zusätzliche Mehrwerte durch ganzheitliche Vernetzung der Fachbereiche, die wir anwenderfreundlich kommunizieren“. 

Diese Bemühungen wurden 2019 gekrönt von der Auszeichnung als „Great place to work“ in allen drei Kategorien „Beste Arbeitgeber kleiner Mittelstand 2019“, „Beste Arbeitgeber Bayern 2019“ sowie „Beste Arbeitgeber Allgäu 2019“. Firmen wie Anwander brauchen sich da sicherlich um Bewerber nicht zu sorgen. Aber wie sieht es damit insgesamt aus zu Zeiten des Fachkräftemangels? „Den gibt es gar nicht“, meinte der dritte Vortragende des Abends Peter Kolb, CEO der Logon Consulting in Memmingen. Sein Unternehmen entwickelt Software, mit deren Hilfe Bewerber für Jobs gesucht, gefunden und getestet werden können. „Derzeit sind immer noch mehr Jugendliche im entsprechenden Alter vorhanden, als Ausbildungsplätze“, erläutert er seine These. „Aber auch hier haben sich die Verhältnisse und Werte geändert. Ein junger Mensch, der heute geboren wird, wechselt voraussichtlich im Leben 15 Mal den Job und arbeitet in fünf verschiedenen Berufen. Dabei gelten jedoch 73 Prozent der offenen Stellen heute als schwer besetzbar.“ 

Künstliche Intelligenz

Abhilfe soll hier im ersten Schritt moderne Technologie schaffen, speziell die Künstliche Intelligenz, eingesetzt bei der Suche nach Informationen und deren Auswertung beim Recruiting. Das heißt konkret: keine Lebensläufe, Zeugnisse oder gar Bewerbungsformulare mehr, aber Suche im Internet, in sozialen Medien und Anwendung kreativer Suchalgorithmen. „Wichtig ist nicht unbedingt, was ein Mensch bisher getan hat“, erläuterte Kolb dazu. „So kann etwa aus einem Schiffskapitän ein guter Vertriebler werden, wenn man ihn nur sucht und findet.“ 

Aber auch hier gilt natürlich die Priorität des menschlichen Faktors: „Die Frage ist nicht ,Mensch oder Maschine?‘. Die Zukunft im Recruiting heißt gemeinsam“, so Kolbs These. Eine interessante Erkenntnis, die Kolb zudem vermittelte, ist übrigens, dass es auch in der VUCA-Welt mit ihrer immensen Dynamik durchaus so etwas wie eine Berufung gibt. „Die meisten Menschen finden die aber erst so mit Mitte 30“, hat Kolb festgestellt.
ib 

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