Ungezählte Arbeitsschritte

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Schmuckfachschule, 1. Lehrjahr Gold- und Silberschmiede: Romy Rehse lötet Schmuckeinzelteile zusammen.

Kaufbeuren-Neugablonz – Wer macht sich beim Anlegen eines Schmuckstücks schon Gedanken über dessen Entstehung? Manch eine(r) dürfte jedoch nach den dritten Erlebnistagen vom Bundesverband der Gablonzer Industrie am vergangenen Wochenende den eigenen Gablonzer Schmuck mit ganz neuen Augen betrachten und ihn ob der vielfältigen, komplizierten und aufwändigen Herstellungsschritte sehr viel intensiver wertschätzen.

Neugablonzer Schmuckhersteller, die normalerweise sonst keine Schaubetriebe sind, ließen sich am vergangenen Wochenende von den Besuchern bei der Arbeit über die Schulter gucken und boten Betriebsführungen an. Bei der Glaswarenfabrikation Friedrich Seibt zeigte Muzaffer Yigit (Glasdrücker dort seit 35 Jahren) den Ofendruck am Beispiel von Glasknöpfen. Das anschließend erforderliche Scheren (Absprengen des überschüssigen Glases) und Säumen (Glattschleifen der noch scharfen Kanten) führte geschickt Junior Sebastian vor, der sich schon seit zwei Jahren sein Taschengeld damit aufbessert. 

Bei Gubo Schmuck wird in den handgewickelten Perlen und den Schmucksteinen Blattsilber und -gold eingearbeitet. Solche Schmucksteine werden einzeln im so genannten Lampendruck – vor dem Bunsenbrenner – gefertigt. Jürgen Kerst ist seit 35 Jahren Experte darin und erklärte nebenbei die Funktion der extra Bunsendüse: „Das ist das Kapplfeuer, das hält mir die Drückerzange warm, damit nichts anklebt.“ 

Auch der Schleuderguss zur Herstellung vieler gleichartiger Teile wurde hier demonstriert. Im Foyer verdienten sich Enkelin von Inhaberin Ingrid Gubo, Annika und ihr Freund Kevin ebenfalls ein Zusatztaschengeld, indem sie als „Besucherzähler“ fungierten und schon am Samstag gegen 16 Uhr stolz über 220 Besucher vermelden konnten. 

In der Betriebsführung bei der Schäfer Glas GmbH wurden der hydraulische Ofendruck, die Schleiferei und die Drehöfen präsentiert. 

Fast mehr Interessenten zog jedoch trotz des unfreundlichen Wetters der im Außenbereich der Firma aus Schamottesteinen aufgebaute Glasschmelzofen an. Dieser enthielt zwei kleine Schmelztiegel, in denen Glasreste und Scherben bei einer Temperatur von rund 1200 Grad erhitzt wurden. Gegen 15 Uhr war das Glas ausreichend geschmolzen, so dass Glaskünstler Austin Dowd es mit einer Glasmacherpfeife entnehmen und zu kleinen Vasen verarbeiten konnte.

In der Staatlichen Berufsfachschule für Glas und Schmuck (BFS) bewiesen am Samstag Silberschmiede, Goldschmiede, Graveure sowie die Glas- und Porzellanmaler ihre Kreativität und ihr Können. An beiden Erlebnistagen stellte die BFS im Rahmen der Ausstellung „ALT & NEU“ aktuelle Schülerarbeiten aus, die zum Danner-Klassenwettbewerb 2016 entstanden sind. 

Im Haus der Gablonzer Industrie zeigte Anne Menzel in ihrer Werkstatt, die der Erlebnisausstellung angegliedert ist, die allen Absolventen der Fachschule geläufige Kunst des Glasperlenwickelns von Hand. Ebenfalls in der Erlebnisausstellung führten zwei Mitarbeiter der C. Hübner ­GmbH galvanische Oberflächenveredelung für Kunststoffteile, die normalerweise mehrere Stunden dauert, im Schnelldurchgang vor. Außerdem war die Sonderschau „Meisterstücke“ im Haus der Gablonzer Industrie, die man sonst nur unter der Woche besuchen kann, an diesem Wochenende geöffnet. 

Natürlich konnte man auch der aktuellen Fotoausstellung „70 Jahre Neugablonz“ im Gablonzer Haus einen Besuch abstatten. Wetterunabhängig veranstaltete Kaufbeuren Stadtmarketing dort außerdem einen Glas- und Schmuckmarkt im großen Saal, auf der Bühne präsentierten die Glaskünstler Daphne Kerber und Harry Zengeler ihre Werke. Führungen durch Neugablonz, Workshops und Vorträge rundeten das Programm ab. Zu dessen Bewältigung stand ein kostenloser Shuttletransport zur Verfügung.

von Ingrid Zasche

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