Das Handy im Kühlschrank

Die erste Vorlesung der "Kinder-Uni" in Kaufbeuren zum Thema Demenz

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Prof. Dr. Veronika Schraut, erklärt den „Studenten“ mit Schere und Plastikschlange anschaulich den Mechanismus der Entstehung von Schäden im Gehirn infolge der Alzheimer-Krankheit.

Kaufbeuren – Im Jahr 2005 rief Prof. Dr. Arnulf Deinzer die Kinder-Uni an der Hochschule Kempten ins Leben. Seither lädt die Hochschule in jedem Semester zu einer Veranstaltungsreihe, bestehend aus vier Kinder-Uni-Vorlesungen, ein. Die Themen werden speziell ausgewählt und altersgerecht aufbereitet.

Und weil Kaufbeuren keine Universitätsstadt ist, fragte die Bürgerstiftung Kaufbeuren bei den Professoren an, ob sie ihre Vorträge auch hier anbieten würden. Die Hochschullehrer sagten zu, diese nach ihrer Erfahrung „schwierigsten Vorlesungen“ auch in Kaufbeuren zu halten. Die erste davon übernahm nun am vergangenen Donnerstag Prof. Dr. Veronika Schraut.

Nun ist es in Kaufbeuren nicht ganz einfach, eine Uni-Atmosphäre zu schaffen. In den Gymnasien und Realschulen sind traditionelle Hörsäle, in denen etwa Physik unterrichtet wurde, mittlerweile abgeschafft. Der Leiter der Kulturwerkstatt Kaufbeuren, Thomas Garmatsch, Mitglied der Bürgerstiftung, bot hier die Nutzung seines Hauses als Lösung an. Die Kulturwerkstatt verfügt nämlich über eine komplette Technikausstattung und einen hörsaalähnlichen Zuschauerraum. Dort werden nun die vier Vorlesungen des Semesters 2019/2020  für Kinder im frühen Schulalter stattfinden.

„Warum Oma ihr Telefon in den Kühlschrank legt“

Den Anfang machte Prof.Schraut, Koordinatorin des Studiengangs „Geriatrische Therapie, Rehabilitation und Pflege“ an der Fakultät Soziales und Gesundheit der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten. Mithilfe eines Projektors, einer Schere, einer Plastikschlange und mit viel Temperament und Hingabe erklärte sie „Warum Oma ihr Telefon in den Kühlschrank legt“. Dabei ging es um Demenz, Alzheimer-Erkrankungen und den Umgang damit in Familie und Gesellschaft – ein Thema, das in einer alternden Bevölkerung alle Generationen berührt.

Mit Plastikschlange und Schere veranschaulichte die Professorin den Mechanismus dieser Erkrankungen: Ein Enzym wirkt im Gehirn wie eine Schere und zerstückelt Gehirnneuronen zu Plaques, also einer Art „Gewebemüll“. Die Folgen sind starke Beeinträchtigen der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Die Patienten haben dann zunehmend Schwierigkeiten mit ihrem Kurzzeitgedächtnis, es treten aber auch Sprachstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Störungen der Zeitstruktur sowie Verringerung der Urteilskraft auf. All das bedeutet, dass die Handlungskompetenz im Alltag stark leidet: Die Oma legt ihr Handy in den Kühlschrank. Und wenn sie dann gefragt wird, warum sie das tat, antwortet sie: „Damit es frisch bleibt“.

Auswirkungen von Demenz

Mit einem Film illustrierte dann die Professorin, wie sich das in der Familie von Lukas, dessen Oma dement ist, konkret auswirkt. Seine Oma erkennt sich nicht mehr im Spiegel, kann sich nicht mehr selbständig waschen, essen, Küchengeräte bedienen, und sie hält ihre Kinder und Enkel nicht mehr auseinander. Das ist für die Familie sehr belastend, denn so kann sie auch nicht mehr allein in der Wohnung bleiben. Etwas Erleichterung schafft Omas kleiner Hund, den sie sehr liebt, aber auch nicht mehr selbst füttern und pflegen kann. Er sorgt aber beispielsweise für regelmäßige Spaziergänge an der frischen Luft.

Aus Lukas Erfahrungen lernen die Kinder dann, was getan werden kann – und was nicht. Lukas und die anderen Familienmitglieder reden mit der Oma, besonders über frühere Zeiten, schauen mit ihr alte Fotos an, füttern den Hund, begleiten die Spaziergänge. Es gilt dabei, wie die Professorin unterstrich, eine Regel: „Der Demente hat immer recht“. Mit ihm zu streiten hat keinen Zweck.

Diesen Film besprach die Professorin noch einmal ausführlich mit ihren „Studenten“, die auch aufgefordert waren, Fragen zu stellen. Was sie auch reichlich taten.

Termine 2020:

Die Bürgerstiftung Kaufbeuren lädt interessierte Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren 2020 zu folgenden Terminen und Themen in die Kulturwerkstatt Kaufbeuren zu Veranstaltungen der Kinder-Uni ein.

• Donnerstag, 16. Januar 2020, 16 Uhr: „Entweder Prinzessin oder Pirat?“ (= Gendermarketing rosa für Mädchen, blau für Jungs), Anna Steinberger, Büro für Gleichstellung und Familie

• Donnerstag, 19. März 2020, 16 Uhr: Geheimsprachen“, Prof. Dr. Arnulf Deinzer, Fakultät Informatik

• Donnerstag, 28. Mai 2020, 16 Uhr: „Mein Freund der Roboter“, Prof. Dr.-Ing. Dirk Jacob, Vizepräsident für Lehre und Qualitätsmanagement

Alle teilnehmen Kinder erhalten eine Urkunde der Bürgerstiftung. Wer alle Vorträge angehört hat, bekommt dann ein großes Diplom und vielleicht auch noch eine zusätzliche Belohnung.

Ingo Busch

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