Die Wandlung des Stefan M.

Ex-Vorsitzender des Tierschutzvereins Kaufbeuren gesteht und erhält Bewährung

Justitia
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Symbolfoto

Kempten/Kaufbeuren – Im Berufungsprozess des ehemaligen Vorsitzenden des Tierschutzvereins Kaufbeuren und Umgebung e.V. hat das Landgericht Kempten am vergangenen Mittwoch den Schuldspruch aus erster Instanz erheblich revidiert. Wie berichtet, war der Beschuldigte wegen Betrugs vom Kaufbeurer Amtsgericht zu zweieinhalb Jahren und sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Das Schöffengericht rechnete Stefan M. strafmildernde Umstände an, sodass das bisherige Urteil in eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung umgewandelt wurde. Damit setzte sich das Gericht über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinweg, die einen Freiheitsentzug von zwei Jahren und drei Monaten ohne Bewährung gefordert hatte.

Erstaunte Gesichter im Sitzungssaal 161 des Landgerichts Kempten: Bereits kurz nach Verlesung der Anklageschrift kündigte die Verteidigung ein Schuldeingeständnis ihres Mandaten an. Stefan M., im grau melierten Anzug, mit blauem Hemd und Meckifrisur vor Gericht erschienen, hielt die Hände ineinander gefaltet, als er sich zu den Anklagepunkten, wie Veruntreuung von Geldern in 25 Fällen und der Bespitzelung von Mitarbeitern, bekannte. Der gebürtige Waiblinger, der bisher alle Vorwürfe weit von sich wies, entschuldigte sich im Gerichtssaal: „Es tut mir leid, es wird nicht mehr vorkommen. Ich möchte das alles abhaken und ins Leben zurückkehren.“

Als Hauptgrund für sein Fehlverhalten als damaliger Erster Vorsitzender des Tierschutzvereins Kaufbeuren zwischen 2013 bis 2018 nannte Stefan M. eine permanente Überforderung. Er sei ganz allein auf sich gestellt gewesen, weil der Zweite Vorstandsvorsitzende sein Amt nicht ausgeübt habe beziehungsweise sich für dieses Amt kein Nachfolger finden ließ und Vereinsmitglieder seine Mitarbeiter dahingehend beeinflusst hätten, sich krankschreiben zu lassen.

„Alles hing an mir, ich habe mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet, um das Tierheim Beckstetten aufrechtzuerhalten und die Verträge mit den Kommunen einzuhalten.“ Irgendwann sei er mit den Kräften am Ende gewesen, räumte der 60-Jährige vor dem Richter ein. Mit dem Tierschutzverein Kaufbeuren, dem durch die Veruntreuung der Gelder ein Schaden von über 135.000 Euro entstanden war, habe er sich inzwischen geeinigt. Das belegte sein Verteidiger mit neu eingereichten Dokumenten zu einem zivilgerichtlichen Vergleich aus dem August dieses Jahres beim Landgericht Memmingen. In Kürze möchte Stefan M. wieder einen Job aufnehmen; die Chancen dazu stünden sehr gut, versicherte der Diplom-Verwaltungsfachwirt.

Die Staatsanwaltschaft anerkannte zwar die Wiedergutmachung des entstandenen finanziellen Schadens durch den Angeklagten, jedoch wollte sie darin keinen Täter-Opfer-Ausgleich erkennen. Begründung: Stefan M. habe seit Beginn dieses Verfahrens vor vier Jahren die Möglichkeit gehabt, den Rechtsfrieden wieder herzustellen. Des Weiteren bezeichnete sie dessen Aussagen als „Geständnisfiktion“. Es wäre nach wie vor unklar, warum der Verurteilte die Vereinsgelder veruntreut habe. Eine hohe kriminelle Energie müsse wohl unterstellt werden, wenn vorgenommene Betrügereien durch Vereinsbeschlüsse nachträglich legitimiert werden sollten. Zu seinen Gunsten konnte die Staatsanwaltschaft festhalten, dass dem Gericht eine aufwändige Beweisaufnahme durch das Schuldeingeständnis erspart geblieben sei.

Das sah der zuständige Richter ebenso. Der bisher nicht vorbestrafte Beschuldigte habe sich dem Gericht gegenüber kooperativ gezeigt. Dessen Geständnis anerkenne er als „vollumpfänglich“ und „subjektiv“. Die Wiedergutmachung des Schadens und die günstige Sozialprognose sprächen für eine Wandlung des Angeklagten: „Wir glauben, dass er eine Chance verdient hat“. Das Gericht verurteilte Stefan M. zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung mit zusätzlich 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

rab

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