Flüchtlinge richten ihre Fahrräder her

Verkehrssicherheit für alle

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Otto Mayr lässt sich Zeit, um zu prüfen, ob das Fahrrad tatsächlich verkehrssicher ist.

Kaufbeuren – Erschreckende Tatsachen: 80.000 verunglückte Radfahrer im Jahr 2015 im Bundesgebiet. 15.000 Schwerverletzte und 400 Tote sprechen eine eigene Sprache. Die Verkehrsunfallstatistik 2016 des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West verzeichnet in ihrem Raum 76 Verkehrstote, davon elf Fahrradfahrer.

Bereits bei relativ niedrigen Geschwindigkeiten erleiden die Radfahrer erhebliche Verletzungen. So erlag erst jüngst ein junger Radfahrer in Kaufbeuren seinen schweren Verletzungen. Die bedrückenden Zahlen belegen: Nicht immer kommen die in einen Unfall verwickelten Personen mit dem Schrecken oder einer kurzen Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus davon.

Flüchtlinge sind von dieser Gefährdung besonders betroffen, weil das Fahrrad für sie oft die einzige Möglichkeit darstellt, einzukaufen, Deutsch-Kurse zu besuchen oder einer Arbeit nachzugehen. Selbst in einer kleinen Stadt wie Kaufbeu­ren sind für sie die Verkehrsregelungen nicht immer klar durchschaubar. Weitaus nicht alle sind an ein so hohes Verkehrsaufkommen von motorisierten Fahrzeugen in ihren Heimaltländern gewohnt. Ihre Fahrräder genügen nicht immer den Mindestanforderungen auf deutschen Straßen. Aufklärung und Hilfe bei der technischen Ausstattung ist im Interesse aller.

Worauf muss auf jeden Fall geachtet werden? Nach Auskunft der Pressedienststelle der Polizei Kempten ist das Tragen von Helmen zwar keine Pflicht, aber ihre Nutzung wird unbedingt nahegelegt, weil gerade Verletzungen am Kopf schwerste Folgen haben können. Unbedingte Pflicht bei der Ausstattung des Fahrrads sind hingegen: Funktionierende Lichter; vorne weiß, hinten rot. Mindestens zwei gelbe Speichenreflektoren oder weiße reflektierende Streifen. An den Pedalen orange Rückstrahler. Zwei unabhängig voneinander funktionierende Bremsen. Eine Klingel gehört ebenso dazu. Als Ordnungswidrigkeit können Beanstandungen mit einem Bußgeld belegt werden, aber Polizei und Verkehrsüberwachung stoßen bei den Überprüfungsmöglichkeiten schnell an ihre Grenzen.

Nach Auskunft von Günter Kammleiter, dem Leiter des Asylkreises Kaufbeuren, ist das ein gesamt-gesellschaftliches Problem. Deshalb betreibt der Kreis um ihn mit gutem Grund eine ehrenamtliche Werkstatt in Kaufbeuren, Heinzelmann-Straße 2 und eine in der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz. Diese sind allen Flüchtlingen und bedürftigen Menschen zugängig.

Die technischen Möglichkeiten der ehrenamtlichen Helfer dort sind allerdings begrenzt. So werden in Kaufbeuren eher einfache Reparaturen vorgenommen. Werkzeug und auch das erforderliche Material werden auf Selbstkostenbasis zur Verfügung gestellt. Soweit möglich sollen die Flüchtlinge die erforderlichen Reparaturen selbst durchführen. Fehlt es jedoch an der notwendigen Fachkenntnis oder ausreichend handwerklichem Geschick, geben in der Kaufbeurer Werkstatt die beiden ehrenamtlichen Helfer Otto Mayr und Dr. Karl Guggenberger Tipps beim technischen Vorgehen. Soweit erforderlich, legen sie aber auch schon einmal selbst bereitwillig mit Hand an. Werden gebrauchte Ersatzteile gebraucht, wird das erforderliche Material auf Spendenbasis abgegeben.

Idealerweise führen die Flüchtlinge selbstständig die Reparaturen an ihrem Fahrrad durch.

Die Nachfrage nach guten, gebrauchten Fahrrädern ist mit den Flüchtlingen erheblich gestiegen, denn die wenigsten können sich ein motorisiertes Fahrzeug leisten. Zwei-, dreimal im Jahr wird deshalb ein „Radlbasar“ veranstaltet, auf dem gespendete und wieder hergerichtete Fahrräder zu Selbstkostenpreisen abgegeben werden. Kammleiter betont ausdrücklich: „Umsonst sind die Fahrräder ganz bewusst nicht, denn was nichts kostet, ist ja bekanntlich auch nichts wert.“ Wertschätzung sei wichtig.

Sicherheit ist noch wichtiger: Wenn man in den Herkunftsländern auch bisweilen mit der Verkehrssicherheit von Fahrzeugen eher locker und leger umgeht, legt der Arbeitskreis Asyl größten Wert darauf, dass ausschließlich völlig verkehrssichere Fahrzeuge an die Flüchtlinge weitergegeben werden.

Hilfe wird gesucht

Wer bei dieser allgemeinnützigen Arbeit helfen will, kann sich bei Reparatur, Verkauf, Registrierung und Lagerung gerne auf ehrenamtlicher Basis beteiligen. Da die Lagerkapazität in den Werkstätten sehr beschränkt ist, wird außerdem ein günstig liegender Lagerplatz oder ein Stadel für das Unterstellen der Räder gesucht. Außerdem müssen mit den Flüchtlingen Gespräche geführt werden, damit sie selbst vermehrt auf die in Deutschland geltenden Vorschriften achten lernen. Kammleiter macht darauf aufmerksam, dass vor allem Kinder Hilfe und Unterstützung von Erwachsenen brauchen, damit sie den Anforderungen des Verkehrs gerecht werden. Auch hier stehen alle Bürger in der Pflicht.

Einen wesentlichen Stellenwert für die Straßen-Verkehrs-Sicherheit besitzt auch die allgemeine Verkehrserziehung für erwachsene Flüchtlinge. Mayr führte bereits wiederholt mit den Flüchtlingen Verkehrsunterricht durch, bei dem die wichtigsten Regeln vermittelt wurden. Kaum einer der Flüchtlinge verlässt die Werkstatt ohne einen Flyer mit den wesentlichsten Verkehrszeichen. Die Erklärungen sind in Deutsch, Englisch und Arabisch. Menschliche Beziehungen sollten auf allen Ebenen genützt werden, diese Regeln systematisch einzuüben.

von Peter Suska-Zerbes


Informationen:

Cornelia Paulus, Ludwigsstr. 24, Tel. 08341/9081052, oder Otto Mayer, Tel. 08341/12493. Die „Fahrradwerkstatt“ in Kaufbauen ist Montag von 17 bis 19 Uhr und Samstag von 10.30 bis 12 Uhr geöffnet. In Neugablonz sind die Öffnungszeiten dienstags und donnerstags vormittags ab 9 Uhr. Weitere Informationen über den AK-Asyl unter www.arbeitskreis-asyl-kaufbeuren.de.

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