Fastenwandern im Allgäu

Fasten – Eine Reise für sich

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Eine der Wanderungen führte die Gruppe bei Schneefall in ein Moorgebiet.

Allgäu – Warum tue ich mir das hier eigentlich an? Diese Frage schießt mir Montagmorgen um viertel nach vier Uhr durch den Kopf. Ich liege im Bett, habe Schweißausbrüche, mir ist kotzübel und ich ahne: wenn ich jetzt aufstehe, klappe ich zusammen. Klarer Fall von Unterzuckerung. Verwundern tut mich das nicht, schließlich habe ich seit 40 Stunden nichts gegessen. Ich stecke mitten im Fastenwandern im Allgäu, faste in einer Gruppe von 19 Teilnehmern nach Lützner/Buchinger.

Mein nächtliches Martyrium geht drei Stunden, bis ich endlich so weit gehe und meine Schwester, die neben mir schläft, wecke. Sie erkennt meine Lage, geht nach unten in den Seminarraum und bringt mir einen Teelöffel Honig – meine Rettung!

So hatte ich mir das Heilfasten nicht vorgestellt, als mich meine Schwester einige Monate zuvor überzeugt hatte, eine Woche unter Anleitung einer erfahrenen Fastenseminarleiterin auf Essen zu verzichten. Eigentlich esse ich meistens das, worauf ich gerade Lust habe, auch mal einige Snacks zwischendurch. Bis mich mein schlechtes Gewissen und der Anblick im Spiegel plagen. Dann setze ich mich auch mal auf Diät – die ich nie länger als fünf Tage durchhalte. So konnte es nicht weitergehen – meine Schwester und ich beschlossen, uns langfristig bewusster zu ernähren. Um das von Grund auf umzusetzen, kam ihr die Idee des Fastenwanderns, was unsere Tante und eine Freundin bereits mehrmals durchgezogen haben. Noch dazu hörten und lasen wir von ungeahnten Kräften und berauschenden Glücksgefühlen, die durch den Nahrungsverzicht aufkommen sollten. Eine solche Entgiftungskur – so hofften wir – würde uns sicherlich gut tun. Dass man nebenbei ein paar Pfunde verliert, war für uns ein schöner Nebeneffekt. Gesagt – getan: wir meldeten uns für eine Woche zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit für das Programm Fastenwandern in der Nähe von Kempten an.

Als Vorbereitung auf die Fasten-Methode nach Lützner/Buchinger legten wir zwei Entlastungstage ein und starteten damit pünktlich am Aschermittwoch. Am ersten Tag gab es nur Obst, tags darauf basierte unsere Ernährung auf Wild­reis. Am Freitag dann begann das eigentliche Fasten, wobei uns bis mittags noch erlaubt war, etwas Obst zu essen. Bis dahin ging der nicht allzu große Verzicht wunderbar, freute ich mich, und war gespannt, wie es weitergehen würde. Etwas bang war mir ja schon vor der Vorstellung, wirklich eine Woche nichts mehr im Magen zu haben, denn ich befürchtete ständiges Magenknurren. Außerdem werde ich unausstehlich, wenn ich Hunger habe.

Im Seminarhaus bei Kempten angekommen, bezogen wir nach einer kurzen Begrüßung durch die Fastenleiterin unser uriges Zimmer. Bis zur Vorstellungsrunde hatten wir noch etwas Zeit und so lockte uns die herrliche Sonne auf den Balkon, von wo aus wir einen grandiosen Blick auf die Allgäuer Landschaft samt Bergpanorama hatten. Besser geht‘s nicht, freute ich mich.

Bei der Vorstellungsrunde mussten meine Schwester und ich feststellen, dass wir bei weitem die mit Mitte 20 jüngsten Teilnehmer und noch dazu mit Ausnahme einer weiteren die einzigen „Ersttäter“ im Fasten waren. Doch ringsum wurde uns Mut gemacht, nicht zuletzt dadurch, dass viele der vorwiegend weiblichen Faster dies jedes Jahr machten und sich bereits drauf freuten. „Wenn die das schaffen, schaffen wir das auch“, flüsterte meine Schwester mir zu.

Körperreinigung ist das A und O

Der nächste Programmpunkt hatte es in sich: Magen- und Darm­entleerung durch Glaubersalz. Die meisten verzogen das Gesicht, doch jenes, das wir dabei hatten, war geschmacklich gar nicht schlecht. „In etwa drei bis vier Stunden könnt ihr damit rechnen, dass es losgeht“, kündigte die Fastenleiterin an. Darauf eingestimmt gingen wir auf unser Zimmer. Und während bei meiner Schwester genau das passierte – geschah bei mir einfach nichts außer Magengrummeln und Druckgefühl im Bauch. Bis es zwei Uhr nachts wurde...

Der nächste und damit erste richtige Fastentag startete für uns mit Wassergymnastik, wobei wir auch in die Handhabe der Garshanhandschuhe eingeführt wurden. Diese sollen durch Massage den Lymphfluss anregen. Darauf folgte dann, wie jeden Tag, das „Frühstück“. Das bestand aus einer Gesprächsrunde beim gemeinsamen Teetrinken mit einem Teelöffel Honig, Zitronenscheiben zum Lutschen, Obstessig und in Wasser aufgelöster grüner Heilerde. Danach stand immer eine rund zweistündige Wanderung auf dem Programm, wofür wir uns anschließend mit naturtrübem Apfelsaft mit etwas Flohsamenschalen belohnen durften. Hernach war Bettruhe angesagt, die wir für den Leberwickel (angefeuchtete Wärmflasche auf die rechte Bauseite pressen) nutzten. Das Entgiftungsorgan bekam auf diese Weise Unterstützung bei seiner Arbeit. Zwischendurch hieß es trinken, trinken, trinken – viel stilles Leitungswasser und etwas verdünnten, natürlich ungesüßten Tee.

Neben der Massage, die ich mir am Nachmittag noch gönnte, freute ich mich auf das vermeintliche Highlight des Tages: die frisch zubereitete Gemüsebrühe als Abendessen, die jeden Tag eine andere Geschmacksrichtung hatte. Schmeckte sie an diesem ersten Abend noch ganz annehmbar (Pastinake), obwohl ihr selbstverständlich jegliche Einlage geschweige denn Salz fehlte, drehte sich bei mir ab Tag drei alleine durch den Geruch, der mitunter schon ab Mittag durch das gesamte Haus strömte, der Magen um. Ich rührte sie teilweise gar nicht mehr an.

Am Abend erfuhren wir noch einiges darüber, was im Körper passiert, wenn er keine Nahrung bekommt. Der Körper stellt seinen Stoffwechsel um: Fettreserven werden verbrannt, im Blut gibt es weniger Cholesterin und Zucker. Der „krönende“ Abschluss des ersten Fastentags war ein Darmeinlauf, vor dem es mir ziemlich graute. Es stellte sich aber heraus, dass das Prozedere zum Glück nicht halb so schlimm war, wie angenommen.

Hauptgesprächsthema: Essen

In der Nacht dann die Kreislaufprobleme, wie eingangs beschrieben – na toll. Das könne beim Fasten aber durchaus auftreten, erklärte unsere Leiterin beim „Frühstück“. Ansonsten verlief der Tag wie der davor, mit einer Ausnahme: anstatt eines Vortrags hatten wir die Möglichkeit, die hauseigene Sauna zu benutzen – herrliche Entspannung, die ich in vollen Zügen genoss. Und bereits eines kristallisierte sich heraus: das Hauptgesprächsthema der meisten Teilnehmer würde sich ums Essen drehen. Wie sehr man sich doch auf Allgäuer Kässpatzen freuen konnte! Das lag aber nicht am Hungergefühl, denn das stellte sich gar nicht erst ein, weil die Verdauungsorgane leer waren.

An Tag vier – Dienstag – stellte ich erstmals einen juckenden Ausschlag mit Pusteln im Nackenbereich fest. „Das wird ja immer besser!“, sagte ich sarkastisch zu meiner Schwester. Nach dem üblichen Tagesablauf mit Wanderung im Schnee – nicht das auch noch! – entspannten wir uns abends bei der Anwendung von Ohrenkerzen. Und der nächste Einlauf folgte.

Früh morgens am nächsten Tag hatte ich wieder Unterzucker, wogegen mir meine Schwester erneut Honig ans Bett brachte. Wir beschlossen, uns für den Tag komplett aus dem Programm herauszunehmen. So verbrachten wir den Tag mit einem Spaziergang, Schwimmen und Sauna. Außerdem holten wir in der Apotheke ein Aloe Vera-Gel gegen meinen Ausschlag, was aber nichts nützte. Im Internet machte ich mich darüber schlau und siehe da: es handelte sich um sogenannten Fastenausschlag. Mein Körper entgiftete also auch über die Haut, was ich als positives Zeichen wertete.

Auch in den nächsten Tag startete ich mit einem flauen Gefühl im Magen. Ich fühlte mich einfach schlapp. Wie sehr ich die Teilnehmer beneidete, die bei der morgendlichen Gesprächsrunde immer davon berichteten, wie „wunderbar“ es ihnen ginge! Zum ersten Mal bekam ich von der Fastenleiterin die Erlaubnis, einen Schluck Buttermilch zu trinken, was tatsächlich half, dass ich mich fitter fühlte. Da wir nun schon an Tag sechs angelangt waren, befanden meine Schwester und ich, dass es Zeit wäre für eine Belohnung. Und so klinkten wir uns erneut aus, fuhren nach Kempten und shoppten dort was das Zeug hielt.

Den Abend gestaltete unsere Seminarleiterin mit einem Vortrag über die Wiederaufbauzeit, für die noch einiges zu beachten wäre, und gesündere Ernährung im Allgemeinen. Unter anderem müssten wir die ersten Tage auf Koffein, Nikotin, Fleisch, Wurst und Tiermilch verzichten.

Wie lecker ein Apfel schmecken kann, erfuhr ich beim Fastenbrechen.

Am letzten Tag merkte ich morgens, dass es mir so gut ging, wie an keinem der sechs Tage zuvor. Wenn es nur immer so gewesen wäre, vielleicht hätte ich dann noch ein paar Tage länger gefastet, wie es ein Teil der Teilnehmer auch vorhatte. Am Frühstückstisch erwartete die anderen bereits je ein Apfel, mit dem wir aufgrund seines Pektingehalts das Fasten brachen. Und das war der beste, leckerste Apfel auf der ganzen Welt! Daneben war ein Teelicht angezündet – „das Licht des Erfolgs“, wie sich unsere Fastenleierin ausdrückte. Wir könnten stolz auf uns sein, die Woche durchgezogen zu haben. Und das war ich auch! Die Waage zeigte drei Kilogramm weniger – allerdings mit ungefüllten Verdauungsorganen. Die Tage darauf haben meine Schwester und ich unsere Verdauungssysteme und Stoffwechsel mit Gemüsesuppen und anderer leichter Kost langsam wieder an Nahrung gewöhnt.

Alles in allem war der Austausch innerhalb der Gruppe wunderbar – wir wurden zu jeder Zeit super unterstützt, konnten auf jeden zugehen und über alles reden. Vor allen Dingen über‘s Essen. Durch das über 20 Jahre gesammelte Wissen unserer Fastenleiterin erfuhr ich, dass ich meinem Körper mit dem Essensverzicht etwas gutes tue.

Ob ich es wieder machen würde? Das kann ich jetzt noch nicht sagen, weil es mir meist nicht wirklich gut ging. Wie mir aber die anderen Teilnehmer versicherten, ist Fasten jedes mal anders. Was die Woche auf jeden Fall bei mir bewirkt hat, ist, das Essen mit ganz anderen Augen zu sehen und bewusster zu genießen.

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