Eine etwas andere Auseinandersetzung mit der Flüchtlings-Situation in Marktoberdorf

Sich in der Kunst begegnen

+
Der Kaufbeurer Regisseur, Produzent und Autor Leo Hiemer (links) führte in den Abend ein. Künstler und Initiator des Projekts „HOPE”, Bertram Maria Keller, erzählte, wie das Projekt entstanden ist.

Marktoberdorf – Das Flüchtlings-Kunstprojekt „HOPE”, das in den vergangenen zwei Wochen im Emmi-Fendt-Haus in Marktoberdorf durchgeführt wurde, hat großen Zuspruch von allen Beteiligten erhalten. In verschiedenen Workshops haben Flüchtlinge gemeinsam mit Allgäuer Künstlern Sitzmöbel gebaut, Bilder gemalt, Filme gedreht und Installationen entwickelt. Sogar ein Theaterstück ist entstanden, das bei der Vernissage am vergangenen Samstag uraufgeführt wurde.

Das Kunstprojekt ist gleich in mehrerlei Hinsicht einzigartig. Erstmals wurde im Ostallgäu eine integrative Zusammenarbeit dieser Art mit Flüchtlingen und Allgäuer Künstlern initiiert. Bertram Maria Keller, Initiator und künstlerischer Leiter des Projekts, will zusammen mit befreundeten Künstlern Hoffnung auf beiden Seiten geben. 

„Es geht uns vor allem darum, einerseits die Flüchtlinge mehr in unser Leben miteinzubinden und andererseits die Marktoberdorfer über Kunst, Musik, Gesang und vor allem Gespräche mit den Flüchtlingen zusammenzubringen – zu einem harmonischen Zusammenleben auf der Basis gegenseitigen Verständnisses und Respekts.“ 

Auch die Vorarbeiten, die der Ausstellung vorangingen, waren außergewöhnlich. Zwei Wochen lang stellte die Stadt Marktoberdorf dem Marktoberdorfer Aktionskünstler, Fotografen und Filmemacher Keller die Räumlichkeiten im Emmi-Fendt-Haus in Marktoberdorf zur Verfügung, wohin er Allgäuer Künstler, Flüchtlinge und Interessierte aus der Umgebung einlud. 

„Bis auf wenige Stücke ist alles hier entstanden“, so Keller. In der ersten Woche arbeiteten die Künstler in ihrem Atelier auf Zeit für sich; in der Woche darauf haben sie die Marktoberdorfer Einwohner und Flüchtlinge ermutigt, sich dem Projekt anzuschließen. „Begonnen haben wir zu fünft“, erzählt Keller. Täglich sei die Gruppe gewachsen, bis am Ende rund 45 Menschen gemeinsam an den Werken arbeiteten. 

Keller beschreibt das Projekt als „get together“, aus dem etwas Außergewöhnliches entstanden ist. „Jeden Tag hat sich das Haus mit uns verändert“. Für die verschiedenen Workshops hat sich Keller kompetente Partner an seine Seite geholt. 

Beim Flüchtlingskinder-Malworkshop unterstützte ihn beispielsweise Sonderpädagogin Anette Temper, die in Würzburg einen Familien- und Kinder-Asylkreis betreut; den Theaterworkshop gestaltete Schauspieler Martin Liema mit. Mit einer Gruppe wurden Paletten-Möbel gebaut, die im Anschluss an die Ausstellung in das Asylbewerberwohnheim in der Nordstraße gebracht und dort als Sitzgelegenheiten dienen werden. 

Beim Malen, Gestalten oder Musizieren während der offenen Projektwoche spielten die Sprachbarrieren nur eine untergeordnete Rolle – man kam auch ohne große Worte aus. Und doch kamen die Künstler und Teilnehmer gerade über das gemeinsame Projekt miteinander ins Gespräch. „Einige begannen, von ihrer Heimat und ihrer Flucht zu erzählen“, erinnert sich Künstlerin und Flüchtlings-Betreuerin Lisa Steck zurück. „Vor allem die Kinder und Jugendlichen sind teilweise stark traumatisiert. Am Anfang waren viele nervös und unruhig – beim Malen sind sie allmählich zur Ruhe gekommen“. Somit war die Woche für die Teilnehmer auch ein Stück weit Bewältigungsarbeit. 

Der junge Syrer Fawzi Eprahim ist erst seit drei Monaten hier. Er hat Lisa Steck erzählt, dass die Projekt-Woche seine bislang schönste Zeit hier in Deutschland war. Fawzi Eprahim hat das Bild des toten Flüchtlingsjungen, das um die ganze Welt ging, mit Pinsel und Farbe auf Leinwand festgehalten. Seine Botschaft lautet: „Save all children“ – denn jedes Kind, egal welcher Herkunft, soll in seinen Augen in Frieden und Sicherheit aufwachsen können. 

Den verschiedenen Malworkshops, Musiksessions, Foto- und Filmaktionen ist letztendlich ein Gesamtkunstwerk entwachsen, das sich auf vielfältige Weise und intensiv mit dem aktuellen Flüchtlings-Thema auseinandersetzt. Die schlichte wie ausdrucksstarke Botschaft „Liebe – Hoffnung – Frieden“ zieht sich wie ein roter Faden durch den Ausstellungsraum. In verschiedenen Sprachen und Piktogrammen auf Holzlatten geschrieben und gemalt kann jeder – egal welcher Herkunft – die bedeutungsträchtigen Worte verstehen. 

Darüber hinaus zeigten verschiedene Allgäuer Künstler ihre aktuellen Werke zum Thema „HOPE”. Unter anderem waren erstmals Radierungen von Lisa Steck zu sehen, Skizzen und Bilder des Lindenberger Talents Tassilo Pöllat, neue Arbeiten des Allgäuer Künstlers Pit Kinzer sowie Film-, Foto- und die neuesten streetART-Arbeiten von Bertram Maria Keller, die alle vor Ort im „Emmi-Fendt-House ARTelier“ extra für diese Ausstellung entstanden sind. 

Bevor der offizielle Teil der Vernissage in eine After-Show-Party überging, stand mit der Uraufführung des Theaterstücks „füttern verboten“ mit Martin Liema, Maxi Kinker und Amer Thoma, das ebenfalls im Rahmen des Projekts in nur einer Woche entstanden ist, ein letztes Highlight auf dem Programm. 

„Wenn der Kontakt entsteht, verschwindet die Angst – auf beiden Seiten“ 

Mohamad Alkurdi, der vor neun Monaten aus Syrien nach Marktoberdorf kam und mittlerweile eine Anerkennung besitzt, bringt das Zusammenleben der Marktoberdorfer mit ihren neuen Mitbürgern auf den Punkt: „Wenn der Kontakt entsteht, verschwindet die Angst – auf beiden Seiten“. Dazu, dass diese Angst verschwindet, konnte auch das Flüchtlings-Kunstprojekt „HOPE” einen kleinen, aber wichtigen Beitrag leisten. Und ganz nebenbei hat auch der ein oder andere der Workshop-Teilnehmer ein neues Hobby für sich entdeckt.

von Sabrina Hartmann

Auch interessant

Meistgelesen

Festzug mit Hindernissen
Festzug mit Hindernissen
Drei Tote bei Autounfall bei Kaltental
Drei Tote bei Autounfall bei Kaltental
Stadt in festlichem Gewand
Stadt in festlichem Gewand
Blasmusik mit Hauch von Beachparty
Blasmusik mit Hauch von Beachparty

Kommentare