Verteilpläne für Asylbewerber:

Zentralisierung vermeiden

+
Die Stadt Marktoberdorf spricht sich gegen eine Zentralisierung der Unterkünfte bei Asylbewerbern aus.

Marktoberdorf – Einen frühen, durchaus lauten Hilferuf setzen die Marktoberdorfer Stadträte in Richtung Landratsamt und Richtung Sozialministerium ab. Anlass dafür sind Bestrebungen des Staates, Asylbewerber nicht mehr nahezu flächendeckend auf Kommunen zu verteilen, sondern die Unterkünfte auf wenige größere Orte zu konzentrieren. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell rechtfertigte den Vorstoß so: Wenn das Thema tabuisiert werde, führe dies zu „politischem Sprengstoff“.

Ausführlich nahmen sich die Räte Zeit für den Punkt acht der jüngsten Stadtratssitzung; Der lautetet nüchtern: „Aktuelle Situation der Unterbringung von Flüchtlingen in Marktoberdorf.“ Dass laut Ansage im Kreistag Ostallgäu bis zum Jahr 2022 nur noch sieben Gemeinden Asylbewerber aufnehmen und die dezentralen Unterkünfte auf Dörfern drastisch reduziert werden, erfülle ihn mit Sorge, bekundete Hell. Er forderte ebenso wie die Damen und Herren im Stadtparlament eine Korrektur bei der Praxis der Asylbewerber-Verteilung.

In der Kreisstadt mit ihren 18.000 Einwohnern leben schon jetzt fast 250 anerkannte Asylbewerber. Hinzu kommen 13 unbegleitete Minderjährige und 82 Flüchtlinge, die noch nicht anerkannt sind. Rechnet man die Städte Füssen und Buchloe sowie die Marktgemeinden Pfronten und Obergünzburg zusammen, so sind es dort mit 270 anerkannten Asylbewerbern nur wenige mehr, obwohl es zusammengerechnet über 40.000 Einwohner in den vier Kommunen sind.

Einig waren sich alle im Gremium darin, dass Integration in kleinen Einheiten gelinge und nicht in räumlich konzentrierter Form. Die Stadt wolle dies klar zum Ausdruck bringen – gegenüber dem Kreistag, dem staatlichen Landratsamt, aber auch gegenüber dem Sozialministerium.

Betreuung in den Kindertagesstätten

Vor allem die Auswirkungen auf die Kindertagesstätten seien gravierend. Die Anmeldungen für September 2017 zeigen auf, dass 92 zusätzliche Kinder von Asylbewerbern betreut werden sollen. Elf sind es in der Krippe, 44 in Kindergärten und 37 im Hort. Dies habe eine hohe Intensität bei der Betreuung zur Folge, zumal Sprachkenntnisse fehlen und Kinder verhaltensauffällig seien. Auch käme es wegen unterschiedlicher Wertevorstellungen zu Konflikten, ergänzte Bürgermeister Hell; er berief sich auf Rückmeldungen aus den Tagesstätten.

Finanziell seien die Auswirkungen erheblich. Denn die Stadt steuere für jedes Kind, das in einer Kita betreut wird, 3100 Euro im Jahr bei. Auf der anderen Seite bräuchte man – ausgehend von 92 weiteren Kindern – eine neue Tagesstätte mit vier Gruppen. Und der bauliche Aufwand für eine neue Gruppe liege circa bei einer Million Euro, erwähnte der Rathauschef in seinem Vortrag. Schon heuer habe man weniger Plätze als Anmeldungen, verglich Hell. Im Rathaus sei Wolfgang Wieder von der Hauptverwaltung gerade dabei, ab September 2017 wenigstens für eine Notgruppe in Thalhofen Platz zu schaffen.

Der Hilferuf in Richtung Landratsamt und Ministerium fand Unterstützung quer durch die Fraktionen. Gleichwohl wies zweiter Bürgermeister Wolfgang Hannig (SPD) darauf hin, dass anerkannte Asylbewerber keine Residenzpflicht hätten, sondern den Ort wählen können. In Marktoberdorf seien Wohnungen frei gewesen, darum seien Betroffene hergezogen.

Christian Vávra (Grüne) hinterfragte kritisch, ob die Kapazitäten-Planung für Kindertagesstätten „nicht am Bedarf vorbei geht“ und ob die Misere ein Stück weit selbst verursacht sei. Es sei von vornherein klar gewesen, dass die Integration nicht einfach werde. Eduard Gapp (CSU) merkte dazu an, das Problem seien nicht die anerkannten Asylbewerber und der Familiennachzug, sondern es sei vielmehr die Konzentration auf die größeren Orte im Landkreis und insbesondere auf die Kreisstadt. Er sah eher die Gefahr, dass im Landkreis „die Solidarität aufgegeben wird“. Das Landratsamt sei in der Pflicht, da gegenzusteuern. Denn Ghettos und Parallelgesellschaften in Städten und Marktgemeinden sollten vermieden werden.

Kita-Bau: Wofür der Staat hohe Zuschüsse gewährt

Erich Nieberle (SPD) erklärte, dass der Staat beim Bau von Kindertagesstätten hohe Zuschüsse gewähre. Georg Martin (Grüne) verwies ebenso wie Vroni Diepolder (CSU) auf gelungene Integration in kleineren Ortschaften des Landkreises. Die Schuld für das Konzentrieren der Asylbewerber läge nicht beim Landratsamt, sondern bei der Staatsregierung. „Dia hand dös eis eibrockt“, kommentierte Georg Martin (Grüne) im besten Allgäuer Dialekt. Peter Grotz (Freie Wähler) meinte schließlich, es seien nicht nur die Kommunen, sondern auch die Parteien gefordert. Sie müssten „nach oben Druck ohne Ende machen“, ergänzte der FW-Stadtrat.

jj

Auch interessant

Meistgelesen

"Politik muss auf Bürger hören"
"Politik muss auf Bürger hören"
Qualität soll lenken
Qualität soll lenken
Betrunkene Jugendliche pöbeln in Buchloe
Betrunkene Jugendliche pöbeln in Buchloe
Unfall durch Geisterfahrer: Verursacher stirbt
Unfall durch Geisterfahrer: Verursacher stirbt

Kommentare