Fürstbischof und Sommerfrischler

Wie beliebt Clemens Wenzeslaus in Marktoberdorf war, zeigte sich unter anderem bei dem prächtigen Leichenzug am 4. August 1812 anlässlich seines Todes im Juli. Auf dem zeitgenössischen Stich oben zu sehen ist das Marktoberdorfer Schloss mit Kirche.

Das Leben und Wirken von Clemens Wenzeslaus beleuchteten in der vergangenen Woche die Interessierten, die der Einladung der CSU Frauenunion zu einer exklusiven Führung durch die Kreisstadt gefolgt waren. Vom Rathaus und den ehemaligen Salzstadel in der Kemptener Straße ging es zum alten Rathaus, weiter zur Schlosskirche St. Martin und dem hoch gelegenen, ehemaligen fürstbischöflichen Schloss von Marktoberdorf, das heute Sitz des Vermessungsamtes und der bayerischen Musikakademie ist und in dem zu Zeiten von Clemens Wenzeslaus große Feste gefeiert wurden. Dem Anlass gemäß rückte Gästeführer Nor- bert Kösel diesmal auch die Frauen und hier besonders Wenzeslaus’ Schwester Kunigunde besonders in den Mittelpunkt, die Wenzeslaus Zeit seines Lebens begleitet und unterstützt hatte.

Clemens Wenzeslaus August Hubertus Franz Xaver von Sachsen, geboren am 28. September 1739 auf Schloss Hubertusburg in Wermsdorf, Sachsen, war Spross der albertinischen Wettiner. Geboren als vierzehntes Kind war er der siebte und damit jüngste Sohn von Friedrich August II, Kurfürst von Sachsen, König von Polen, und der österreichischen Erzherzogin Maria Josefa und damit gleichzeitig Enkel des berühmten „August des Starken“. Zugleich war er Prinz von Polen, Herzog zu Sachsen, der letzte Erzbischof und Kurfürst von Trier, der letzte Fürstbischof von Augsburg sowie Fürstpropst von Ellwangen. Clemens Wenzeslaus schlug zunächst eine militärische Laufbahn ein. Bereits im Alter von knapp 20 hatte er den Rang eines Feldmarschalls. Noch vor seinem 20. Geburtstag wurde er sehr krank. Danach entschloss er sich, sein künftiges Leben in den Dienst der Kirche zu stellen. 1763 wurde er schließlich Bischof von Freising und Regensburg, übernahm aber 1768 stattdessen die bischöflichen Stühle von Trier und Augsburg. Später wurde er zusätzlich Fürstpropst von Ellwangen. Seine enge Beziehung zum damaligen „Markt Oberdorf“ begann mit einem Besuch im Jahre 1744, Wenzeslaus verliebte sich in die Gegend und erhielt tatsächlich ein lebenslanges Residenzrecht in Marktoberdorf. Dies bedeutete auch, dass Marktoberdorf als Enklave nicht zu Bayern gehörte. Als Clemens Wenzeslaus im Jahr 1812 starb, fiel Marktoberdorf zurück an Bayern. Daher resultiert auch die Anekdote über die Aussage des Pfarrers Scharpf: „Nun sind wir also bayrisch – Gott gnade uns allen“. Schwester und Vertraute Seine musischen Eigenschaften hatte Clemens Wenzeslaus in erster Linie fünf Frauen zu verdanken: seiner Urgroßmutter Kaiserin Eleonore Magdalena, seiner Großmutter Kaiserin Wilhelmine Amalie, seiner Mutter Kaisertochter, Kurfürstin und Königin Maria Josefa, seiner Schwägerin, der bayerischen Kurprinzessin Maria Antonia, und seiner Schwester Kunigunde, welche die letzte Fürst-äbtissin der Reichsstifte Essen und Thorn und zugleich eine „geniale Unternehmerin“ der damaligen Zeit war. Da Kunigunde einen „Makel“, nämlich rote Haare hatte, fand sie keinen Ehemann und so begleitete sie ihren Bruder Clemens Wenzeslaus auf vielen seiner Reisen und war auch selbst eine einflussreiche Persönlichkeit. Unter ihrem Einfluss wurde das Abtreibungsverbot erlassen. Darüber hinaus setzte sie sich für Gesundheitsfürsorge sowie für die Schulpflicht für Mädchen ein. Sie war eine ungewöhnlich geschäftstüchtige Frau, die beispielsweise erstmalig eine gebührenpflichtige Straßenverbindung baute. Diese Straße verkaufte sie später gewinnbringend an das Königreich Preußen. Sie galt auch als Pionierin der Erzindustrie im Ruhrgebiet und beteiligte sich als private Investorin an den ersten Eisenhütten. Bereits 1787 hatte sich Kunigunde an der Hütte 'Gute-Hoffnung' beteiligt. Auch diese Beteiligungen verkaufte sie gewinnbringend, damals an die Brüder Haniel. Wenzeslaus’ Vermächtnis Clemens Wenzeslaus starb 72-jährig an den Folgen der „schwarzen Gelbsucht“, er litt zum Schluss auch unter Skorbut und war nahezu erblindet. Seine Schwester Kunigunde war bis zu seinem Tode an seiner Seite. Er hatte testamentarisch verfügt, auf dem „gemeinen“ Friedhof in Marktoberdorf begraben zu werden. Nach seinem Tode wurde sein Herz entnommen und in einer Kapsel nach St. Ulrich und Afra überführt, der Leib einbalsamiert und bestattet. Kunigunde ließ im Jahr 1823 eine Grabkapelle im klassizistischen Stil an die Pfarrkirche St. Martin anbauen und ihren Bruder umbetten. Auf der weißen Marmortafel war zunächst das Sterbedatum falsch angegeben. Clemens Wenzeslaus vermachte sein Vermögen seinen Bediensteten, die ihm aus Dank darüber links vom Altar in der St. Martin Kirche eine Gedenktafel errichteten. Kunigunde kehrte nach seinem Tod nach Dresden zurück. Die Führung endete nach zwei Stunden in der Kurfürstenallee, die auf Anordnung von Clemens Wenzeslaus nach französischem Vorbild auf 1.900 Metern mit Linden bepflanzt wurde, exakt im Abstand von 9,5 Metern, insgesamt seinerzeit 320 Bäume auf jeder Seite. Noch heute trägt jede Linde eine Plakette.

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