Ein besseres Leben ermöglichen

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Sandra Schimek ist gelernte Kinderkrankenschwester und geht für zehn Wochen auf die „Africa Mercy”.

Kaufbeuren – Für Sandra Schimek geht es bald los, die Packliste steht und der 11. August scheint nicht mehr so fern. Das ist der Tag ihrer Abreise, der Tag an dem sich die 28-Jährige mit der Organisation „Mercy Ships“ auf die Reise begibt und für zehn Wochen auf der „Africa Mercy“, dem größten Hospitalschiff der Welt, lebt und ehrenamtlich in ihrem Beruf als Kinderkrankenschwester arbeitet.

Vor der Küste Madagaskars, am Einsatzhafen Tamatave, liegt dieses Schiff ab August zum zweiten Mal, nachdem es in einer Werft in Südafrika gewartet wurde, um den Ärmsten der Armen mit modernster medizinischer Ausstattung und einer Crew von etwa 400 Personen ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Kreisbote sprach vor ihrer Reise, die für die gebürtige Kaufbeurerin eine Premiere in der ehrenamtlichen Hilfe darstellt, mit Sandra Schimek. 

Frau Schimek, Sie gehen am 12. August für zehn Wochen auf die „Africa Mercy“. Was sind Ihre Beweggründe? 

Schimek: Mich haben schon seit der Ausbildung Hilfseinsätze fasziniert und ich hatte mir das vor ein paar Jahren schon überlegt, habe mich dann aber zunächst für das Studium Pflegemanagement entschieden und bin jetzt an einem Punkt, an dem dieser Wunsch wieder hoch gekommen ist. Nach Abschluss des Studiums hat das jetzt gut gepasst eine Weile ins Ausland zu gehen und in meinem Beruf weiter zu arbeiten. Da fand ich die Organisation ganz toll und da der deutsche Sitz auch noch in Kaufbeuren ist, was ich zuvor nicht wusste, ist das einfach der richtige Moment. Wir sind gut ausbildet und leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Wir haben die Möglichkeit, etwas zurück zugeben. Warum sollten wir es dann nicht auch tun? 

Wie haben Sie von der Organisation erfahren? 

Schimek: Ich habe erst einmal im Internet recherchiert nach Auslandseinsätzen für Krankenschwestern und da kam „Mercy Ships” recht weit oben. Ein solches Hospitalschiff ist, denke ich perfekt, da ich gerne am Meer bin. 

Wie sehen Ihre praktischen Vorbereitungen aus? 

Schimek: Es kommen eine Menge Impfungen auf einen zu – Hepatitis, Typhus, Tollwut, Gelbfieber, Meningitis. Außerdem frische ich meine Französisch-Kenntnisse auf, beschäftige mich mit Malaria-Prophylaxe und baue einen Unterstützer- und Förderkreis auf, habe den Flug gebucht und eine Reiseversicherung abgeschlossen. 

Welche Erwartungen haben Sie an das Leben an Bord? 

Schimek: Ich bin gespannt, wie die Arbeit in einem so großen internationalen Team ist. Auch auf das Leben in einer Mehrbettkabine bin ich gespannt, wo sechs bis zehn Personen in einem Zimmer leben, gerade im Dreischichtsystem. 

Zehn Wochen sind eine recht lange Zeit, opfern Sie für den Einsatz Ihren Jahresurlaub? 

Schimek: Da ich bis jetzt noch studiert habe, habe ich momentan einen Teilzeitjob im Klinikum Großhadern, arbeite seit längerem aber viel mehr, um Überstunden aufzubauen, die ich in den zehn Wochen nehmen werde. Das Geld dazu werde ich dann auch dringend brauchen. Weil Sie ja den Flug aus eigener Tasche und auch eine Pauschale für die Unterkunft an Bord und die Verpflegung zahlen müssen. 

Schimek: Ja, das sind 700 Dollar pro Monat, die ich zahlen muss, damit ich mitarbeiten kann. 

Wie erklären Sie denn dann jemandem, der nach Madagaskar fliegt, um Urlaub zu machen, dass Sie dort ehrenamtlich als Kinderkrankenschwester arbeiten? 

Schimek: Das ist vielleicht schwierig nachzuvollziehen, weil man kein Gehalt bekommt, und für viele unverständlich. Es mag seltsam klingen, aber das ist tatsächlich in mir drin – ich muss das machen und das ist es mir auch wert. Wenn das mit meinem Arbeitgeber nicht geklappt hätte, hätte ich deswegen tatsächlich auch gekündigt. 

Wie wird Ihr Arbeitsalltag vor Ort aussehen? 

Schimek: Ich bin dort auf der Kinderstation, vielleicht sogar auf der Kinderintensivstation, wobei die wohl, denke ich, nicht so groß sein wird, wie wir sie kennen, sondern eher aus ein paar Notfall- oder Beatmungsplätzen bestehen wird. Ich werde dort ganz normale Pflege betreiben, Kinder zur OP vorbereiten, danach versorgen, manche werden Drainagen haben, Magensonden. Ich werde mit ihnen spielen, Antibiotika geben. Am häufigsten werden orthopädische Operationen durchgeführt, Tumore, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und Augen operiert. 

Können Patienten, die eine Nachbehandlung brauchen, wiederkommen? 

Schimek: Es gibt dort ein Center, das sich HOPE (Hospital Out-Patient Extension) nennt, wo die Patienten nochmals angeschaut werden. Zu Einsatzbeginn werden die orthopädischen Eingriffe vorgenommen, weil man anschließend oftmals Physiotherapie braucht, was an Bord übernommen wird. Die Patienten werden weiter betreut und ihr Aufenthalt ist nicht mit der Operation zu Ende. 

Inwieweit unterscheidet sich die Arbeit auf dem Hospitalschiff von Ihrer momentanen Arbeit im Klinikum Großhadern? 

Schimek: Tatsächlich wird es eine andere Fachrichtung sein. Ich bin momentan auf einer Intensivstation, wo Kinder mit Herzfehlern oder bei neurologischen Krankheiten wie Hirntumoren betreut werden. Daher bin ich sehr gespannt auf Krankheitsbilder in Afrika, von denen ich zuletzt in der Ausbildung gehört habe. 

Was sagt Ihre Familie zu Ihrem Vorhaben? 

Schimek: Meine Eltern stehen hinter mir, obwohl sie auch ein bisschen Angst um mich haben. Sie freuen sich für mich, sind aber auch froh, wenn ich bald wieder da bin. Sie waren anfangs überrascht, halten es aber im Prinzip für eine gute Sache. 

Sie werden bestimmt über das Internet Kontakt halten können? 

Schimek: Genau. Ich werde wahrscheinlich einen Blog schreiben, oder zumindest einen E-Mail-Verteiler für Freunde und Familie einrichten und wöchentlich berichten, wie es mir geht. Das Schiff kommt auf Einladung der Regierung ins Land und Patienten erfahren davor über Plakate, per Rundfunk und durch Mediziner vor Ort. 

Wie läuft die Aufnahme ab? 

Schimek: Die Patienten kommen vorab zu einem so genannten Screening, wo sie sich mit ihrer Erkrankung vorstellen dürfen. Dort wird geschaut, ob man das operieren kann. Wenn ja, werden die Formalien aufgenommen, sie bekommen einen OP-Termin und dürfen zu dem Termin auf das Schiff kommen. 

Kann denn jedem geholfen werden? 

Schimek: Man kann beispielsweise nur gutartige Tumore, wie viele Gesichtstumore, die häufig vorkommen, operieren. Bösartige Karzinome hingegen nicht, weil man begleitend keine Chemotherapie oder Bestrahlung durchführen kann, da das Schiff nicht über die Möglichkeiten verfügt. Die Gefahr, dass der Tumor streut und noch mehr Metastasen gebildet werden, ist einfach zu groß. Diese Patienten bekommen aber, so weit möglich, begleitende palliative Pflege. 

Werden die Patienten Vertrauen fassen können? 

Schimek: Ich denke, die Patienten, die den Mut haben zu kommen, möchten ihr Leben verändern. Man darf nicht vergessen, dass afrikanische Kulturen teilweise entstellende Krankheiten noch als Bestrafung ansehen und Betroffene ausgestoßen werden können. Diese bekommen durch die Ehrenamtlichen auf der „Africa Mercy“ ein neues Leben geschenkt und ich kann mir vorstellen, dass nach der OP oft Feste für den Geheilten gefeiert werden. 

Wie wird das Leben außerhalb des Dienstes aussehen? 

Schimek: Ich werde immer mal wieder freie Tage haben, die ich mit anderen Crewmitgliedern für Tagesausflüge nutzen kann. Auch nach meinen Schichten werde ich bestimmt mal in die Stadt gehen. Und an die zehn Wochen werde ich noch zwei Wochen anhängen, um herumzureisen und das Land besser kennenzulernen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Martina Staudinger

Über Mercy Ships und Madagaskar

Seit 1978 bringt Mercy Ships dringend benötigte medizinische Hilfe und langfristige Entwicklungszusammenarbeit in die ärmsten Länder der Erde. Mercy Ships leistet medizinische Hilfe, liefert Hilfsgüter, betreibt Entwicklungsarbeit und fördert damit eine langfristige, nachhaltige Veränderung in den Einsatzländern. Mercy Ships verfügt über das weltweit größte private Hospitalschiff, die Africa Mercy, mit einer ständigen Besatzung von über 400 ehrenamtlichen Mitarbeitern aus nahezu 40 Nationen. Mehr als 87.000 Operationen und 353.000 zahnmedizinische Behandlungen wurden bisher bereits durchgeführt. Insgesamt wurden 561 Häfen in 70 Ländern besucht. Weitere Projekte von Mercy Ships umfassen Projekte für Wasser- und Sanitäranlagen, Bauprojekte und Projekte für psychisch Kranke. Nächstes Einsatzland von August 2015 bis Mai 2016 ist zum zweiten Mal der Einsatzhafen Tamatave, Madagaskar. Der Inselstaat vor der Ostküste Mosambiks im Indischen Ozean mit 22 Millionen Einwohnern ist ein typisches Entwicklungsland. Im Jahr 2012 betrug die Lebenserwartung von Frauen 66,1 und die von Männern 62 Jahre. In Madagaskar kommen auf 100000 Personen etwa 29 Ärzte. (Quelle: mercyships.de/Wikipedia)

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