Den Opfern die Würde zurückgeben

Gedenkbuch für die Kaufbeurer NS-Opfer im Bezirkskrankenhaus vorgestellt

Museumsleiterin Petra Weber (v. li.) mit dem Gedenkbuch, Psychiater Prof. Dr. Michael von Cranach, mit einer Patientenakte und Dr. phil. Petra Schweizer-Martinscheck
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Fürs Foto kurz ohne Maske, nur mit Abstand, vor einem Teil der Archiv-Regale: Museumsleiterin Petra Weber (v. li.) mit dem Gedenkbuch, Psychiater Prof. Dr. Michael von Cranach, bis 2006 Ärztlicher Direktor des BKH, mit einer Patientenakte und Dr. phil. Petra Schweizer-Martinscheck, wissenschaftliche Betreuerin des Historischen Archivs am BKH.

Kaufbeuren – „Später wurde in der Familie darüber nicht gesprochen“, so lautet der Titel des Gedenkbuches für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen. Kürzlich wurde das Buch im historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses (BKH) Kaufbeuren der Presse vorgestellt. Erarbeitet haben es Prof. Dr. Michael von Cranach, Direktor des BKH 1980-2006, Dr. Petra Schweizer-Martinschek, Historisches Archiv des BKH, und Petra Weber, Leiterin des Stadtmuseum Kaufbeuren.

Die Initiative zum Gedenkbuch lieferte das im August 2020 abgeschlossene Ausstellungsprojekt „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche“. Darin sollte die NS-Vergangenheit der Stadt weiter erforscht werden. Die Kaufbeurer Heil- und Pflegeanstalt mit ihrer Zweigstelle in Irsee war einer der Schauplätze im Allgäu, wo von 1939 bis 1945 im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen systematisch ermordet wurden. „Seit etwa 1980 ist die Bundesrepublik wieder mit dem vorher weitgehend tabuisierten Thema Nationalsozialismus beschäftigt, zunächst vor allem mit den Tätern. Inzwischen ist mehr das Gedenken der Opfer in den Mittelpunkt gerückt“, merkte von Cranach an.

Anfänglicher Widerstand

Gegen das öffentliche Gedenken gab es zuerst großen Widerstand. Noch 1979 wurde ein „Stern“-Bericht über Kaufbeu­ren als „Verleumdungskampagne“ empfunden. Auch im Bezirkstag bestanden Befürchtungen, dass das BKH in ein schlechtes Licht gerückt würde, als unter von Cranachs Führung die Aufarbeitung der BKH-Beteiligung an den NS-Verbrechen begann. Dr. Georg Simnacher, damals Bezirkstagspräsident von Schwaben, hat von Cranach allerdings von Anfang an unterstützt. Zwar hatte man auch im BKH zu Beginn Vorbehalte. Das verging jedoch schnell, „die Zeit war reif“, so von Cranach, „es war ein Bedürfnis da“. 1989 wurde sogar von den Mitarbeitern des BKH ein großer Findling als Gedenkstein finanziert.

Das vorliegende Gedenkbuch möchte speziell den aus Kaufbeu­ren stammenden, in den Krankenakten oft abwertend beschriebenen Menschen die Würde zurück geben und die Lebens- und Leidensgeschichten der Opfer im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankern. „Auf diese Weise soll die Erinnerung an das unfassbare Unrecht, das diesen Menschen angetan worden ist, aufrecht erhalten werden“, so Dr. Petra Schweizer-Martinschek. Die Historikerin hat die Standbücher im Archiv durchforstet nach Personen aus Kaufbeuren, die im BKH verstorben sind, und danach geprüft, ob es sich dabei um Euthanasie-Opfer handelt. 21 wurden gefunden, sieben Männer und 14 Frauen. In einem Gedenkbuch ist seit 2016 die Nennung von Name, Geburtsdatum, Sterbedatum und Wohnort erlaubt. Eine komplette Biografie darf jedoch nur mit dem Einverständnis der Angehörigen veröffentlicht werden. Angehörige aufzuspüren ist aber nach so langer Zeit nicht immer leicht. Manchmal sind sie einfach aus der Krankenakte ersichtlich. Wenn der Patient jedoch nicht verheiratet war oder keine Nachkommen in direkter Linie existieren, endet die Recherche oftmals in einer Sackgasse.

Unterschiedliche Reaktionen

Zur alteingesessenen Familie Espermüller bestand bereits durch die Verlegung der Stolpersteine in der Altstadt (wir berichteten) ein sehr berührender Kontakt. Die Familie zeigte sich äußerst kooperativ, einige ältere Familienmitglieder konnten sich zum Teil noch an die Tante erinnern und begrüßten es, dass sie in dem Gedenkbuch gewürdigt wird. In einem anderen Fall dagegen wurden drei ermittelte Angehörige angeschrieben. Ein Anschreiben erhielt überhaupt keine Antwort, eines eine positive und eines wurde ablehnend beantwortet, man wolle nichts damit zu tun haben. Im Fall einer bereits fertiggestellten Biografie wurde das zuvor gegebene Einverständnis in letzter Minute zurückgezogen, berichtete Schweizer Martinschek. Das musste respektiert werden und so wurden hier lediglich die rechtlich zulässigen Daten aufgeführt. Neben den Darstellungen der individuellen Lebensgeschichten in alphabetischer Reihenfolge mit Fotos, sofern verfügbar, enthält das Buch eine Einführung mit den historischen Zusammenhängen und der Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren während der NS-Zeit.

Das Projektteam präsentiert das Gedenkbuch coronabedingt nicht in einer öffentlichen Buchvorstellung mit Publikum, sondern digital. Die Präsentation kann über einen YouTube-Link auf der Homepage des Stadtmuseums (www.stadtmuseum-kaufbeuren.de) angesehen werden. Das Buch wird gemeinschaftlich vom Bezirk Schwaben, den Bezirkskliniken Schwaben und der Stadt Kaufbeuren herausgegeben. Erhältlich ist es im lokalen Buchhandel sowie im Museumsshop des Stadtmuseums oder per E-Mail an stadtmuseum@kaufbeuren.de.

Ingrid Zasche

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