Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus vor der St. Thomas Kapelle auf dem Gelände des BKH Kaufbeuren

Gedenken und Mahnung zugleich

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Absolventen der Fachhochschule gedenken der Toten.

Kaufbeuren – Mit dem Ausklingen der Glocken von St. Martin begrüßte der Leitende Ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren (BKH), Dr. Albert Putzhammer, am vergangenen Freitag die zahlreichen Gäste am Gedenkstein für die 2000 Patienten, die in der Zeit des Nationalsozialsozialismus in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ermordet wurden. Unter den Gästen waren auch etwa 40 Absolventen der Fachschule für Gesundheits- und Krankenpflege des BKH.

„Sehr verehrte, liebe Mitmenschen! Ich wähle diese Anrede, weil das das Merkmal ist, das uns alle miteinander verbindet, wo wir alle gleichwertig sind und von gleicher Würde.“ Mit diesen Worten begann die jetzige Leiterin der Fachschule, Birgit Meinhardt, ihren beeindruckenden Vortrag zur Gedenkfeier.

Die frühere BKH-Klinikseelsorgerin spannte einen großen Bogen zwischen den Pflegeanstalten im Nationalsozialismus und den Bezirkskrankenhäusern der heutigen Zeit. „Trotz allem Entsetzen über diese Gräueltaten dürfen wir die Menschen von damals nicht einfach verurteilen ohne die Rahmenbedingungen dieser Zeit zu sehen“, mahnte Meinhardt. In Vorbereitung zur Gedenkfeier beschäftigten sich die Schüler des zweiten Ausbildungsjahres mit der Euthanasie in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee.

Dazu lasen sie die Augenzeugenberichte und Dokumente, die Ernst T. Mader in den 1980er Jahren zusammengetragen hatte. Sie waren sehr betroffen darüber, dass den Patienten gewaltsam ihr Leben und auch im Tode noch ihre Würde genommen wurde. In der daraus entstandenen Projektarbeit fotografierten sich die Schüler selbst als Opfer und schrieben die Krankheit auf das Foto, die in der Zeit der Euthanasie dann zum Tode dieses Menschen geführt hatte. In einem symbolischen Akt begruben sie die Bilder vor dem Gedenkstein.

Meinhardt ging auch auf die Rahmenbedingungen des heutigen Pflegesystems ein, welches dazu führen würde, dass immer mehr Pflegekräfte im Burnout landen, krank werden oder ihren Beruf bald wieder aufgäben. „Ich höre immer wieder Aussagen wie: Unter diesen Umständen kann ich nicht mehr menschenwürdig pflegen“, so Meinhardt. Auf Nachfrage des Kreisbote berichten zwei Schülerinnen, dass schon jetzt in der Ausbildung Ausgleichsmöglichkeiten gegen die sehr anstrengende Pflegearbeit besprochen und praktiziert würden. Laut Meinhardt sollte man aus Respekt vor den Opfern nicht aufhören Fragen zu stellen: „An die Politik, an das Pflege-System, an die Menschen mit Führungsverantwortung hier im Haus, an unsere Kollegen, an unsere Mitmenschen und an uns selbst“.

von Jürgen Wischhöfer

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