„Die dunkle Seite des Hauses“

Gedenkfeier für Opfer des Nationalsozialismus und der Euthanasie am BKH Kaufbeuren

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Kaufbeuren gedenkt der Befreiung des KZ Auschwitz vor 75 Jahren und der Opfer von Euthanasieverbrechen vor 80 Jahren. Die Organisatoren möchten daran „erinnern, um Wiederholung zu vermeiden“.

Kaufbeuren – Weltweit wird am 27. Januar der Befreiung des Konzentrationslagers (KZ) in Auschwitz und allen Opfern des Nationalsozialismus erinnert.

Kaufbeuren gedenkt der Befreiung des KZ Auschwitz vor 75 Jahren und der Opfer von Euthanasieverbrechen vor 80 Jahren. Die Organisatoren möchten daran „erinnern, um Wiederholung zu vermeiden“.

In Kaufbeuren gedachten die Leitung, Mitarbeiter und Fachschüler sowie Patienten des Bezirkskrankenhaus (BKH) mit zahlreichen Gästen der Befreiung des KZs sowie der Euthanasie-Opfer, die unter anderem in der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt“ Kaufbeu­ren-Irsee deportiert und ermordet wurden.

Heuer jährt sich der Beginn der Euthanasieverbrechen mit der „T 4 Aktion“ zum 80. Mal, die Befreiung von Auschwitz liegt 75 Jahre zurück. Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben, möchte mit den jährlichen Gedenkfeiern „ein Zeichen setzen“. Es sei eine wichtige Aufgabe „der Älteren, die Erinnerungskultur weiterzugeben an die Jüngeren“.

Bereits 1996 rief Bundespräsident Roman Herzog diesen Tag zum nationalen Gedenktag aus. Mit der Absicht, aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft werden zu lassen. Denn auch wenn die Zeitzeugen der grausamen Taten im Zweiten Weltkrieg weniger werden, sei es „ein immerwährender Auftrag“, die Erinnerung zu bewahren und weiterzugeben, so Düll.

Als  „lebensunwert abgestempelt“

Die Schüler der "G 18" überreichten jedem Gast eine Blume, die nach dem Segen am Gedenkstein für die Opfer der Euthanasie abgelegt werden.

In den Jahren 1940 und 1941 wurde die Tötung von circa 70.000 Menschen verfügt, erinnerte Wilhelm Weinbrenner, ehemaliger Mitarbeiter des BKH Kaufbeuren, an die Morde. „Ihnen wurde nicht nur das Leben genommen. Sie wurden ihrer Würde beraubt.“ Denn Ziel der sogenannten Säuberungsaktion war die Vernichtung von Menschen, die als „lebensunwert abgestempelt“ wurden, Menschen mit Behinderung oder psychischen Leiden.

Als Weinbrenner 1966 seinen Dienst in Kaufbeuren aufnahm, habe er „die dunkle Seite des Hauses“ jahrelang nicht realisiert. Ein „Bewusstsein herzustellen war wichtig“, sagte er. Denn Kaufbeu­ren-Irsee nahm aktiv an der Euthanasie teil. In der ersten Phase der „T 4 Aktion“ sind 647 Patienten der „Heil- und Pflegeanstalt“ in Tötungsanstalten transportiert und ermordet worden. In einer zweiten Phase wurde in Kaufbeuren selbst eine Tötungsstation eingerichtet. Insgesamt fanden so fast 1.600 Personen den Tod. Rund 210 davon waren Kinder. Weinbrenners Wunsch ist deshalb, zukünftig mit einer „menschenfreundlichen Haltung der Menschenverachtung etwas entgegenzusetzen“.

„Es darf keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben.“

Die Feier unterstützten die Schüler des Kurses „G 18“ der Berufsfachschule für Pflege unter der Leitung der stellvertretenden Schulleiterin Petra Heuberger-Kraft. Drei Schüler trugen Rechercheergebnisse vor. Selbst angehende Pfleger, waren sie schockiert darüber, dass die Ärzte und Pfleger damals zum Teil behaupteten, von den Morden an ihren Patienten nichts gewusst zu haben. Die Schüler möchten sich „erinnern, um Wiederholung zu vermeiden“. So schlossen sie einem Zitat von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seiner Rede am Holocaust-Denkmal in Yad Vashem in Israel: „Es darf keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben.“

Kaplan Simon Sarapak und der evangelische Klinikseelsorger Pfarrer Johannes Steiner sprechen am Gedenkstein Gebete und den Segen.

Dankesworte sprach Dr. Albert Putzhammer, Leitender Ärztlicher Direktor des BKH Kaufbeuren und Vorsitzender der örtlichen Krankenhausleitung. Er begrüßte unter anderem Oberbürgermeister Stefan Bosse, der „außer einem einzigen Mal“ bei jeder der Gedenkfeiern dabei war, sowie den Zweiten Bürgermeister Gerhard Bucher. Dank galt auch Adelheid Weigl-Gosse von der Katholischen Seelsorge für die Gesamtorganisation der Feier.

Die Fachschüler verteilten Blumen an die Teilnehmer der Feier, als sie die Kirche verließen, um mit den Geistlichen zu dem Gedenkstein zu gehen. Kaplan Simon Sarapak und der evangelische Klinikseelsorger Pfarrer Johannes Steiner sprachen dort Gebete und den Segen. Steiner sagte, die Geschehnisse rühren ihn immer wieder zu Tränen. Nach dem Segensspruch legten die Gäste ihre Blumen am Gedenkstein nieder „Nehmen Sie sich Zeit. Für alle Gefühle und für das Gedenken“, so Steiner.

Selma Höfer

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