Gegen das Vergessen

Leo Hiemers Ausstellung „Geliebte Gabi“ wandert weiter

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Leo Hiemer (links mit Hut) erklärt auf die Frage einer Besucherin hin, warum das Allgäuer Mädchen Gabi bei den Nazis als Jüdin galt. Die Ausstellung „Geliebte Gabi“ endete in Marktoberdorf vergangene Woche. Sie ist ab dem 10. November im Deutschen Hutmuseum in Lindenberg zu sehen.

Marktoberdorf/Allgäu – Die Ausstellung „Geliebte Gabi – Ein Mädchen aus dem Allgäu, ermordet in Auschwitz“ endete zwar in Marktoberdorf vergangene Woche. Für Autor, Filme- und Ausstellungsmacher Leo Hiemer ist mit „seiner“ Gabi jedoch noch lange nicht Schluss. „Die Lebensgeschichte dieses Mädchens begleitet mich nun schon so lange“, sagt er lächelnd im Gespräch mit dem Kreisbote. „Sie wird mich wohl nie ganz loslassen.“

Es mag am dunklen Schatten liegen, der stets über Gabis Schicksals schwebte. Vielleicht auch an der Brisanz der Ereignisse, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben. Oder auch an der himmelschreienden Diskrepanz zwischen dem Idyll von Gabis Kindheit im Allgäu und ihrem Tod in der Gaskammer von Auschwitz: Gabis Geschichte berührt. Nicht nur Leo Hiemer, der sie wieder ans Licht gebracht hat, sondern auch viele Menschen, die die Wanderausstellung auf ihrer ersten Station in Marktoberdorf besuchten. Ganz normale Bürger, die Nachbarn von Gabi und ihrer Mutter in Marktoberdorfs Tigaustraße hätten sein können. Aber auch Berufsschüler, die im Rahmen ihres Unterrichts die Ausstellung besuchten. Sie sind beeindruckt und verlassen still und in sich gekehrt den Rathaussaal.

In Gabis Geschichte wird der schwierige Alltag während der Nazi-Zeit im Allgäu deutlich. Leo Hiemer erzählt, dass auch seine Mutter das Mädchen Gabi gekannt hatte, war sie doch im selben Ort bei Pflegeeltern untergekommen und habe „immer so schöne Kleidchen“ getragen. Als Leo Hiemer 1987 begann, sich für das jüdische Mädchen Gabriele Schwarz zu interessieren, habe ihm daher auch seine Mutter zunächst die Türen im Dorf Stiefenhofen geöffnet. Er sei jedoch auch auf viel Skepsis und Ablehnung gestoßen. „Die alte Geschichte wollte eigentlich niemand wieder ausgraben“, erzählt er. Weil Gabis Schicksal jedoch so gut dokumentiert gewesen sei (was in der Ausstellung anhand von rund 200 Original-Fotos, anhand von Mützchen und Schuhen des Kindes anschaulich dargestellt ist), und sich Prominenz aus Kirche und Staatlichkeit eingemischt hatten (man denke an die Rolle des Kardinals Faulhaber), konnte Hiemer nie ganz von der Recherche lassen. „Manchmal war es wie ein Sog, so genau wie möglich herauszufinden, was geschehen ist“, sagt er. Ein preisgekrönter Film („Leni… muss fort“ von 1994), eine Biografie „Gabi (1937-1943). Geboren im Allgäu. Ermordet in Auschwitz“ von 2019 und nun die Ausstellung zollen diesen Recherchen eindrücklich Rechnung.

Die Ausstellung „Geliebte Gabi“, die in Marktoberdorf mit Unterstützung des örtlichen Heimatvereins gezeigt werden konnte, geht nun auf die Reise. Vom 10. November 2019 bis zum 26. Januar 2020 wird sie im Deutschen Hutmuseum in Lindenberg zu sehen sein. Weitere Stationen sind unter anderem Immenstadt und Oberstaufen sowie im kommenden September/Oktober auch Obergünzburg. Auch das NS-Dokumentationszentrum in München hat bereits Interesse an Hiemers Ausstellung „Geliebte Gabi“ bekundet. Und Leo Hiemer selbst? Er hat bereits wieder seine Recherchen aufgenommen. Dieses Mal zeichnet er die Geschichte der Familie Schwarz unter dem Arbeitstitel „10 Jahre Hass“ nach. Gabis Spuren, die einen eben nicht mehr loslassen. Mehr Informationen unter www.geliebtegabi.de.

von Angelika Hirschberg

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