„China verstehen“ beim Neujahrsempfang der Wirtschaft in Marktoberdorf

Gelingendes „Weltexperiment“

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Der Schweizer China-Experte Thomas Holensteiner war im Fendt-Forum beim Informationskreis der Wirtschaft zu Gast. Sein Vortrag „China verstehen“ kam bei den Zuhörern sehr gut an.

Marktoberdorf – China sei auf dem Weg zur stärksten Volkswirtschaft der Welt, erklärte in eindringlichen Worten der Schweizer Thomas Holenstein, international anerkannter China-Experte, dieser Tage in Marktoberdorf. Dabei sei es keine Frage des „Ob“, sondern allein des „Wann“.

Spätestens bis 2030 habe China die übrigen wirtschaftsstarken Nationen ein- und längst überholt, prognostizierte Holenstein, und damit seinen Platz auch auf der politischen Weltbühne proklamiert: nämlich ganz vorne.

Wenn sich die Wirtschaft in Marktoberdorf alljährlich zum Neujahrsempfang im Fendt Forum trifft, liegen stets hohe Erwartungen auf dem Redner, der möglichst die großen Themen der Weltwirtschaft in die kleine Kreisstadt bringen soll. Um es vorweg zu nehmen: Thomas Holenstein hat mit seinem Vortrag „China verstehen“ all diese Erwartungen erfüllt. Peter-Josef Paffen, Hausherr, Gastgeber und Sprecher des Informationskreises der Wirtschaft in Marktoberdorf, lobte den Schweizer Experten sogar ausdrücklich, er habe die Messlatte noch einmal deutlich nach oben gerückt. Viele der rund 200 Gäste, die sich beim anschließenden Buffet unterhielten, sahen das genauso.

Holenstein forderte seine Zuhörer aus Politik und Wirtschaft nachdrücklich dazu auf, ihr Bild von China zu überprüfen, gar die eigene, gefährliche Selbstgefälligkeit abzulegen und China mit neuen Augen zu betrachten. Das westliche Selbstverständnis, dass Wohlstand und wirtschaftlicher Erfolg einzig aus einer Demokratie entwachsen könnten, sei falsch, so der Berater, der sein Leben zwischen Schaffhausen und Peking führt. China zeige sehr eindrucksvoll, wie erfolgreich das Modell „Kommunismus plus Marktwirtschaft“ als eine Art staatlich verordnetes „Weltexperiment“ funktioniere. Denn – Holenstein zitierte Deng Xiaoping, Maos Nachfolger und Chefarchitekt des chinesischen Kapitalismus – es sei egal, ob eine Katze schwarz oder weiß sei. „Hauptsache, sie fängt Mäuse.“

Das tue diese Katze sehr effektiv, und Holenstein begründete dies sehr anschaulich anhand der chinesischen Geschichte. Der Geschichte eines Landes, das sich selbst als Reich der Mitte, als Zentrum der Welt bezeichnet, dessen Dimensionen Europäer erschauern lassen, für das Größe ganz normal und die Stabilität der Kollektivgesellschaft das höchste anerkannte Gut ist. So hatten bereits die chinesischen Kaiser mit dem „Mandat des Himmels“ die höchst überirdische Aufgabe, die territoriale Integrität des Landes zu schützen und gleichzeitig für das Wohl der Menschen zu sorgen. Das, wie vieles andere auch, sei in der Mentalität der über 1,4 Milliarden Einwohner des heutigen Chinas fest verankert.

Seit 15 Jahren ist Thomas Holenstein in China aktiv, berät nationale Stellen und chinesische Firmen in der Regionalentwicklung vor Ort und in Europa. Die Chinesen seien ein stolzes Volk, ein ehrgeiziges auch, das wie selbstverständlich die Ambition verfolge, in jeder Industrie die Nummer 1 zu sein. So erkläre sich auch, mit welch unglaublichem Tempo das Alte verschwinde und Neues entstehe. Warum das individuelle Ziel, reich zu werden, in China ohne den moralischen Zeigefinger auskommt. Und wieso die digitale Gesellschaft in China längst Realität ist und in Deutschland nur Wunschvorstellung.

von Angelika Hirschberg

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