Gemeinschaftsarbeit: Neubeginn für alten Gastronomiebetrieb in Friesenried

Ein Dorf steht zusammen

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Wirtsleute mit Leib und Seele: Romana und Jürgen Hinterberger sind dankbar für die große Unterstützung und freuen sich auf viele Gäste.

Friesenried – Es gibt sie nicht nur auf Postkarten oder in Heimatfilmen, sondern manchmal auch im richtigen Leben. Die Rede ist von der dörflichen Idylle, einer von Hilfsbereitschaft und Unterstützung geprägten Gemeinschaft, die einfach da ist und anpackt, wenn jemand in Notlage gerät. So geschehen in Friesenried, als Romana und Jürgen Hinterberger feststellten, dass ihnen beim Kauf einer alten Wirtshausimmobilie nicht alle Mängel bekannt waren.

„Wir wussten, dass es eine Menge Arbeit gibt, aber die Schäden waren vom Umfang allerdings viel höher, als vermutet“, so die jetzigen Inhaber. Aber die Dorfgemeinschaft bekam Wind von der Schieflage und beschloss: „Wir stehen zusammen!“ Die Bürger leisteten Tausende von Arbeitsstunden und schufen mit dem Wirtshaus „Zum Wolpertinger“ gemeinsam wieder einen gastronomischen Dorfmittelpunkt mit Metzgerei.

Das einstige Gasthaus Traube stand schon längere Zeit leer und fehlte als Mittelpunkt im dörflichen Dreigestirn von Kirche, Rathaus und Wirtshaus. Nun ist mit den neuen Besitzern und vieler Hände Arbeit wieder Leben eingekehrt. Doch der Reihe nach. Die Eheleute Hinterberger sind gelernte Res­taurantfachleute – die Chefin ist zusätzlich als Köchin ausgebildet – und beide seit zwanzig Jahren in der Gastronomie tätig. Der Wunsch nach „etwas Eigenem“ existierte schon immer und so gingen sie nach Ablauf eines bestehenden Pachtvertrages allgäuweit auf die Suche nach einem geeigneten Objekt.

Große Probleme

Im Frühjahr 2015 wurden sie in Friesenried fündig. „Ich bin in die Stube gegangen und habe gewusst, das ist es“, erzählt die Inhaberin strahlend. Doch aus der eigentlich geplanten Eröffnung Oktober 2016 wurde nichts. Kurz nach Beginn der Renovierungen taten sich ungeahnte Abgründe auf. Die Heizung erwies sich als völlig unbrauchbar, ein bestehender Wasserrohrbruch mit hohen vierstelligen Nachzahlungen für den Wasserverbrauch und defekte Abwasserkanäle sorgten für große Probleme. Nicht nur die Eröffnung und damit kalkulierte Einnahmen rückten in weite Ferne, sondern eine schier unüberwindliche Kostenlawine rollte auf die neuen Eigentümer zu und führte im Sommer 2015 zur Umstellung der Planung.

Dorfgemeinschaft packt an

Durch ihre Mitgliedschaft in verschiedenen Vereinen wurde auch der Dorfentwicklungsverein auf die Zwangslage der neuen Eigentümer aufmerksam und in der Folge boten viele Menschen aus dem Dorf ihre kostenlose Hilfe in allen möglichen Bereichen an: ob beispielsweise beim Mauern, Streichen oder beim Nähen der Polster für den Saal. So kamen etwa 10.000 Arbeitsstunden zusammen. „Ich hatte mir bei einem Sportunfall die Rippen gebrochen – am anderen Morgen stand ein Bautrupp da“, schildert der Chef mit glänzenden Augen. „Diese Hilfsbereitschaft des Dorfes war unglaublich und ohne sie hätten wir es nicht geschafft“, sagen die Wirtsleute unisono.

Mit kräftiger Unterstützung der Dorfgemeinschaft konnte das Wirtshaus im Zentrum von Friesenried wieder eröffnen.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Die Gaststube für 45 Gäste wurde renoviert und die Küche komplett saniert. Dies gilt auch für die angegliederte Metzgerei, in der fast ausschließlich regionale Produkte angeboten werden. Darüber hinaus entstand mit einem Anbau ein großer Festsaal für 250 Gäste und einer Bar sowie für den Außenbereich des Biergartens mit 260 Sitzplätzen eine eigene Toilettenanlage. Auch ein Nebenzimmer für kleinere Feiern ist vorhanden. Insgesamt sind derzeit 16 Mitarbeiter in Metzgerei, Küche und Service beschäftigt, langfristig wird auch ein Ausbildungsplatz angeboten. Ein besonderer Service des am Radweg liegenden Wirtshauses wird für die Radler geboten: Vor dem Eingang zum Biergarten befindet sich eine Ladestation für Elektrofahrräder.

von Wolfgang Becker

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