Wo sind die Schwarzstörche?

Vogelschutz kontra Windkraft

+
Windkraft im Allgäu: Hier drei Anlagen nahe Salenwang.

Allgäu/Kaufbeuren – Die Genehmigung für zwei Windkraftanlagen (WKA) auf dem Höhenzug südlich vom Sattlersbuckl und westlich von Apfeltrang sorgt bei Vogelschützern für Unverständnis und Unmut. Aus Sicht der seit Jahren im Vogelschutz tätigen Kaufbeurer Dr. Christoph Greifenhagen und Leo Hiemer (bekannter Allgäuer Naturfilmer) wurde die Genehmigung innerhalb von wenigen Tagen zum Jahresende 2016 „durchgepeitscht“.

„Völlig unverständlich“ auch deshalb, weil der seit drei Jahren laufende und bereits zweimal abgelehnte Antrag für den Bau der Anlagen nunmehr nach einer immissionsschutzrechtlichten Vorprüfung genehmigt wurde. Die Gegner vermuten, dass seitens des Investors Druck ausgeübt wurde, da ab Januar 2017 eine andere Einspeisevergütung für Strom gilt.

Ausgangspunkt war ein Antrag der Firma Modwind Energiesysteme AG in Marktoberdorf vom 19. Dezember 2013 für die Errichtung von drei WKA mit einer Anlagenhöhe von 200 Meter. Laut Landratsamt Ostallgäu (LRA) wurde dafür eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung (saP) und Kartierung durchgeführt. Zusammen mit einem vom Investor 2014 veranlassten Gutachten führte dies zu einer Ablehnung des LRA, da ein Schwarzstorchpaar seit mehreren Jahren im schützenswerten Umkreis beheimatet war. Ein weiteres vom Investor veranlasstes Gutachten 2015 ergab laut Greifenhagen wegen „mangelhafter Erhebung“ – nachdem ein zweiter Horst entdeckt, aber nicht erfasst worden war – abermals einen ablehnenden Bescheid. Auf Vorschlag des Verwaltungsgerichtes wurde gemeinsam von LRA und Investor ein drittes Gutachten in Auftrag gegeben. Dies führte am 2. Dezember 2016 beim LRA zu dem Ergebnis, dass „keine erheblichen nachteiligen Umweltauswirkungen zu besorgen sind“ und am 29. Dezember 2016 letztlich zur Genehmigung der zwei Anlagen auf Apfeltranger Gebiet.

Wie Greifenhagen und Hiemer berichten, sind im Umfeld der Horste 2016 Aktivitäten beobachtet worden, welche die Schwarzstörche gestört und zu einem Abzug geführt haben könnten. Wie die Vogelschützer berichten, war ein Horst der Schwarzstörche mit nicht ausgebrütetem Gelege verlassen und das andere Paar seltener beobachtet worden. „Man wollte offensichtlich mit allen Mitteln eine Genehmigung durchsetzen“, so Greifenhagen, der bei der Staatsanwalt Kempten Strafanzeige erstattet hat.

Zwei genehmigte Windkraftanlagen (rot) westlich von Apfeltrang und die noch offene Genehmigung für die Anlage nördlich der Bergmangalpe (gelb).

Auch Johann Stich als zuständiger 1. Bürgermeister ist sauer: „Wir haben leider nur ein Anhörungsrecht. Unser gemeindliches Einvernehmen gegen die Anlagen wurde durch eine Genehmigung ersetzt“, sagte er auf Anfrage dem Kreisbote. Der Bescheid für die dritte Anlage sei noch nicht rechtskräftig und die Gemeinde prüfe noch rechtliche Schritte.

„Grenzwertige Vorwürfe“

Die im LRA für die Genehmigung zuständige Regierungsdirektorin Gudrun Hummel bestätigte grundsätzlich den Verfahrensgang, sah aber keinen Anlass für eine Ablehnung. „Wir als Untere Naturschutzbehörde sind gemeinsam mit der Höheren Naturschutzbehörde in Schwaben zu der Auffassung gekommen, dass unter bestimmten Auflagen eine Genehmigung erteilt werden kann“. Die Vorwürfe der Vogelschützer seien ihr bekannt und sie halte sie teilweise für „mehr als grenzwertig“. Fakt sei, dass sich ein LRA zwar auch immer mit der möglichen Schadensersatzforderung eines Investors auseinandersetzen müsse. Im Kern gehe es aber darum, dass der Investor einen Anspruch auf „rechtmäßiges Handeln“ habe. Es gehe nicht um Drohungen bezüglicher Forderungen, sondern um fachliche Entschlüsse auf der Grundlage von Kartierungen eines „seriösen und fachlich korrekten Gutachters“. Wären ihr handelnde Personen bezüglicher Störaktionen bekannt gewesen, wäre Anzeige erstattet worden, so Hummel.

Andere Anlagen

Laut Hiemer hat sich das jetzt genehmigte Modell gegenüber dem ursprünglichen geändert. Während die Gesamthöhe von 200 Metern nahezu unverändert blieb, ist die Nabenhöhe der Anlage zugunsten des um 18 Meter größeren Durchmessers gesunken. Dadurch ergibt sich neben einer höheren Nenn- und Ertragsleistung auch eine um rund 30 Prozent größer gewordene überstrichene Fläche (Schattenwurf). Aus seiner Sicht müsse daher jetzt die seit 4. Februar 2014 gültige „10H-Regelung“ (= zehnfache Gesamthöhe als Abstand zu Bebauung) gelten. Im Raum stünden zudem neun weitere WKA auf dem gesamten Höhenzug von der Bergmangalpe über den Sattlersbuckl bis Irsee, wenn in drei aufeinanderfolgenden Saisons keine „artenschutzrechtliche Bewegung“ stattgefunden hat. Oder anders gesagt, die Schwarzstörche würden ausbleiben.

Der Skiclub Kaufbeuren schlägt ebenfalls Alarm. In einer Stellungnahme macht er deutlich, dass ein Spuren der Loipen südlich des Aschtals, Rundkurs Wenglinger Steige sowie der Verbindungsloipen Aschtal/Wenglingen und Bergmangalpe an den Elbsee aus Sicherheitsgründen (Gefahr von Eiswurf an den Rotoren) zukünftig entfalle und damit eine „sehr geschätzte“ wohnortnahe Freizeitmöglichkeit entfallen würde.

von Wolfgang Becker

Auch interessant

Meistgelesen

Ein Herz für andere
Ein Herz für andere
Ein wertvoller Fund
Ein wertvoller Fund
Dank an Ehrenamtliche
Dank an Ehrenamtliche
Sprühender Sportsgeist
Sprühender Sportsgeist

Kommentare