Geschichte im Aufwind

Stadtmuseum Kaufbeuren bietet mehr als Ausstellungsort historischen Geschehens

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Historikerin Nina Lutz kann als freie Mitarbeiterin für das Dokumentationszentrum Nürnberg kompetent Auskunft über die Zeit im Nationalsozialismus geben.

Kaufbeuren – 6350 Besucher im hiesigen Stadtmuseum im Jahr ließen sich mit berechtigter Zufriedenheit von Petra Weber, der Leiterin, bei der Sitzung des Kulturausschusses vorzeigen. Nicht verwunderlich, dass diese Zahlen deutlich hinter den Rekordzahlen in den Wiedereröffnungsjahren 2013/14 zurückbleiben, wo man auf den Neugier-Faktor setzen konnte.

Vergangenes Jahr gab es eine deutliche Zunahme der erwachsenen Besucher, was Weber mit den Sonderausstellungen „Ansichtssache“ und „Bekenntnisse aus Glas – Hinterglasmalereien“ erklärte; diese Themen richteten sich schwerpunktmäßig an Erwachsene. Klare Aussage dahinter: Wenn auch die attraktive Dauerausstellung zu einem häufigeren Besuch einladen, sind es gerade die Sonderausstellungen und Projekte, die einen Besucherzuwachs bringen.

Man bemüht sich, experimentiert. So probiert man beispielsweise seit Oktober 2017 einmal im Monat ein neues Format. Mit „Geschichte, Geist und Gaumen“ gibt eine Kurzführung mit Wein-Verkostung. Lohnenswert ist auch die Erlebnisführung „Heilkundige und Quacksalber“, die auf Nachfrage für Gruppen angeboten wird. Die Tendenz bei Führungen und Aktionen zum aktiven kreativen Mitgestalten beschränkt sich nicht nur auf Kinder, denen sich das Museum in diesem Jahr verstärkt widmen will. Stellvertretend sei auf die Mitmach-Ausstellung vom Mai bis August aufmerksam gemacht. Das ausführliche Programm findet sich unter www.stadtmuseum-kaufbeu­ren.de.

Intensive Vorbereitungsphase

2019 bis 2020 soll es eine Ausstellung zum Thema „Nationalsozialismus in Kaufbeuren“ geben. Sie sei als Zwischenschritt gedacht, bevor die derzeitige Konzeption der Dauerausstellung grundlegend überdacht und geändert werde. Bei einer Podiumsdiskussion entstand diese Idee aus einer konstruktiven Kritik zur derzeitigen Darstellung im Stadtmuseum. Sie sei nicht vollständig, hieß es damals. Weber wies daraufhin, dass es nicht nur um die angemessene Dokumentation der damaligen Verhältnisse ginge, sondern auch darum, in welchem Zusammenhang diese Zeit auf unsere eigene aktuelle Situation einen Einfluss habe.

Eine solche Ausstellung lasse sich nicht schnell einmal neben dem „Alltagsgeschäft“ erledigen. Da brauche es die finanzielle Unterstützung aus Bundesfördermitteln, um unter anderem auch eine professionelle Projektleiterin zu bezahlen. Soll die Beantragung Erfolg haben, müssten drei Bedingungen erfüllt werden: Das Stadtmuseum müsse Initiator sein. Erforderlich ist auch ein aktueller Bezug. Der derzeitige Trend zu extremen politischen Gruppierungen und die damit verbundenen Gefahren für die Demokratie würden eine solche Ausstellung notwendig machen. Der dritte Punkt fordert eine Vernetzung mit Gruppen, die sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Bereits acht in Kaufbeuren ansässige Gruppen hätten sich gefunden. Unter anderen hätten das Generationenhaus und die Kulturwerkstatt bereits konkrete Vorschläge für Projekte. Kurz, die Voraussetzungen für die Fördermittel seien günstig.

In einer abschließenden Phase gelte es dann, die Ergebnisse schrittweise auszuwerten. Geplant sei ein weiteres Buch in der Kaufbeurer Schriftenreihe, eine notwendige Ergänzung zu dem bereits bestehenden Band „Kaufbeuren unter dem Hakenkreuz“. Auf der politischen Ebene des Kulturausschusses müsse dann geklärt werden, inwieweit ein Teil in die Dauerstellung integriert werden könne.

Abteilungsleiter Günter Pietsch betont, dass das Museum prinzipiell offen ist, sowohl für sachdienliche Anregungen als auch für die Möglichkeit, an dem Projekt in irgendeiner Form aktiv teilzunehmen. Damit ist die Tür für alle Gruppen weit geöffnet, sich kreativ bei der Auseinandersetzung zu beteiligen.

Aufruf an die Bevölkerung

Bis Mai dieses Jahres wird die Bevölkerung Kaufbeurens gebeten, Fotos, Dokumente und Erinnerungsstücke aus dieser Zeit zur Verfügung zu stellen. Taugliche Objekte können jeweils freitags von 10 bis 16 Uhr in der Museumsverwaltung im Kaisergäßchen 14 abgegeben werden. Nina Lutz, eine freiberufliche Zeithistorikerin, wurde für diesen Zeitraum engagiert, um eine professionelle Begutachtung der Gegenstände abzugeben. Jeder kann frei entscheiden, ob er dem Museum diese zeitgenössischen Objekte ausleiht oder schenkt. Hilfreich wäre es auch, wenn die damit verbundenen persönlichen Erinnerungen vermittelt würden. Neben Privatpersonen sind auch Vereine und Institutionen in der Stadt angesprochen. Für diese Unterstützung gibt es freien Eintritt in das Stadtmuseum Kaufbeuren.

von Peter Suska-Zerbes

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