"Ein Tollhaus": Kein Sinn beabsichtigt

Kaufbeurer überfordert?

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Verkehrte Welt: Zuschauer auf der Bühne, vereinzelte Schauspieler im Zuschauerraum.

Kaufbeuren – Es kommt nicht oft vor, dass Theaterbesucher bereits in der Pause den Heimweg antreten – aber vergangenen Donnerstag musterte Oberbürgermeister Stefan Bosse zu Beginn seiner Rede die deutlich gelichteten Zuschauerreihen und musste feststellen: „Ursprünglich sind mehr gekommen, als jetzt noch da sind”.

Für die Wiedereröffnung des Stadttheaters nach rund einjähriger Bauzeit hatten die Kaufbeu-rer Theaterlandschaften unter der Regie von Jochen Strodthoff und Michael Bischoff während der Zeit des Umbaus das Stück „Ein Tollhaus”, in dem das Bauergebnis vorgestellt wird, gemeinschaftlich entwickelt. Das Ensemble setzt sich aus Mitgliedern der verschiedenen Kaufbeu-rer Theatervereine zusammen, die in dieser Konstellation noch nie miteinander gespielt haben. 

Die Veranstalter hatten sich für die Form des Performance-Theaters entschieden, bei dem es weder Haupt- noch Nebenrollen gibt und somit auch kein Gerangel darum. Damit hatten sie sich mutig auf unvertrautes Terrain gewagt und sogar potentielle Ablehnung in Kauf genommen. 

Ulrike Wolff, die leitende Architektin des Theater-Umbaus, die die Entwicklung des Stücks aus erster Hand verfolgen konnte, verriet dem Kreisboten: „Auch ich habe mich bei etlichen Szenen gefragt, wo da der Sinn liegt. Ich wurde jedoch belehrt, dass im Konzept ,Tollhaus’ kein Sinn beabsichtigt sei”. 

Ulrike Wolff hat ebenfalls Neues gewagt mit ihrem Entwurf, der sich, so OB Bosse, „durch den Mut auszeichnet, radikal neu zu denken, und es dennoch schafft, ästhetisch eine Brücke zum historischen Theatersaal zu schlagen, ohne den Kostenrahmen von 1,2 Millionen Euro zu sprengen”. Im Gegensatz zum barrierefreien Theaterumbau (wir berichteten), der allgemein Zustimmung fand, gefiel das interaktive Experimentaltheater nicht allen Gästen. 

Ob die Kaufbeurer damit überfordert sind, wie Johanna Klüpfel, die Leiterin des Gemeinschaftsprojekts, vermutete, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall waren die Theaterbesucher gefordert. Gefordert zum Mitmachen, zum sich Einlassen auf Ungewohntes, Unerwartetes, das viel Spielraum für eigene Interpretationen bot. 

Der erste Teil bestand aus einer unkonventionellen Führung in mehreren Gruppen durch das gesamte Theater und das neu gestaltete Foyer, hinter und auf die Bühne und um das Theater herum. Das hatte eindeutig Längen und war nicht Jedermanns Sache. 

Wer danach die Vorstellung vorzeitig verließ, hat allerdings den besten Teil des Abends verpasst, denn nach der Pause war eine deutliche Akzeptanz-Steigerung zu verzeichnen. Viel Applaus und Gelächter ernteten zum Beispiel die fünf „Bauarbeiterinnen” mit ihren spontan wirkenden, aber penibel einstudierten Gedanken zum historischen Bühnenvorhang. 

In der nachfolgenden Szene, gespielt in Schlafanzügen, Nachthemden, Negligées, Morgenröcken und Bademänteln, weckten die Akteure getreu dem Titel „Ein Tollhaus” mit ihren unkoordinierten Bewegungen zunächst beklemmende Assoziationen zum BKH. Doch unmerklich wurden diese Bewegungen immer mehr zu einer Art Ballett choreografiert, die einzelnen Szenen gingen ineinander über und verdichten sich schließlich zu einem durchaus ansehnlichen Kaleidoskop des Lebens, mit immer wieder überraschenden Effekten und hübschen Bildern und einer geradezu greifbaren Spielfreude. 

Anzumerken sei hier noch, dass die Theaterlandschaften die gesamten Einnahmen aus „Ein Tollhaus” als Grundstock für weitere bauliche Maßnahmen am Theater spenden wollen, unter anderem für die noch ausstehende Renovierung des historischen Theatersaals. Das scheint selbst für Experimentaltheater ohne beabsichtigten Sinn sinnvoll genug zu sein. Auf jeden Fall aber erwartet die Besucher der folgenden Vorstellungen ein eigenwillig-interessanter Theaterabend.

von Ingrid Zasche

Weitere Vorstellungen:

• Freitag, 16. Oktober 

• Samstag, 17. Oktober 

• Sonntag, 18. Oktober 

Einlass ab 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr, Karten im Stadtmuseum und bei der Buchhandlung Menzel erhältlich


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