„Jetzt nicht wegschauen“

Gewaltrisiko steigt in Krisensituationen – Notrufstelle Ostallgäu hilft

+
Das Team Notrufstelle: Monika Stefanz (v. li.), Christine Maschke, Leiterin Katja Mann und Valentina Würsching.

Landkreis/Kaufbeuren – Die Ostallgäuer Notruf- und Fachberatungsstelle berät und unterstützt weiterhin bei Fällen häuslicher und sexualisierter Gewalt – auch oder vor allem in Zeiten der Corona-Krise. Denn in Krisensituationen ist laut Landratsamt die Gefahr noch höher, Gewalt im häuslichen Umfeld zu erfahren.

Nach den in Bayern am 21. März 2020 in Kraft getretenen Ausgangsbeschränkungen ist das Verlassen der eigenen Wohnung nur bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. Als triftiger Grund gilt auch das Aufsuchen eines Frauenhauses

oder einer Fachberatungsstelle/eines Notrufs für von sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt betroffene Frauen und von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche in Bayern.

Meldungen aus China bestätigen, was Fachberatungsstellen für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt auch in Deutschland befürchten: In der aktuellen Krisensituation mit starken Einschränkungen im öffentlichen Leben steigt die Gefahr für Frauen und Kinder, häusliche und sexualisierte Gewalt zu erfahren. Das eigene Zuhause ist zu oft kein sicherer Ort. Während das Gewaltrisiko steigt, fallen Verletzungen oder Unterstützungsbedarfe von Betroffenen weniger auf, wenn Betroffene beispielsweise nicht mehr in die Schule, zur Arbeit oder in den Sportverein gehen. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die von Gewalt im direkten sozialen Umfeld betroffen sind, kann die aktuelle Situation bedeuten, Tätern ständig ausgeliefert zu sein.

„Wir möchten Betroffene und Bezugspersonen ermutigen, sich Unterstützung bei sexualisierter oder häuslicher Gewalt zu suchen und damit nicht allein zu bleiben. Unsere Notruf- und Beratungsstelle und die anderen Hilfseinrichtungen sind auch weiterhin telefonisch und online erreichbar und unterstützen im Einzelfall. Wichtig ist es, auch jetzt nicht wegzuschauen, sondern Zivilcourage zu zeigen und zum Beispiel Betroffenen Unterstützung anzubieten oder sich selbst über Hilfsangebote zu informieren. Auch Unterstützungspersonen können sich Hilfe holen und beraten lassen, wenn sie unsicher sind, wie sie Betroffene unterstützen können“, so die Beraterinnen der Notrufstelle.

Auf Nachfrage des Kreisbote teilte das Landratsamt (LRA) mit, dass die Polizei die Frage, wie mit häuslicher Gewalt bei Personen umzugehen ist, die unter Quarantäne stehen, an die „Führungsgruppe Katastrophenschutz“ (FüGK) herangetragen hat. Der Vorschlag des LRA lautet, dass in solchen Fällen eine Isolierung der Gewalttäter oder aber – was besser erscheint – der Opfer in einem dazu angemieteten Hotel erfolgen könnte. In Fällen häuslicher Gewalt, die keinen Bezug zu Corona-Erkrankten oder Kontaktpersonen haben, werde die Polizei wie bisher üblich im Rahmen ihrer Aufgaben vorgehen. Laut Auskunft des LRA seien Fälle häuslicher Gewalt, die einen Bezug zu Corona-Kontaktpersonen haben, „noch relativ selten“.

Notrufstelle hilft seit 2002

Die Fachberatungsstelle gibt es bereits seit Mai 2002, Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen in Augsburg. Die Fachstelle ist sowohl für den Landkreis Ostallgäu als auch für die Stadt Kaufbeuren tätig und wird finanziell von beiden Gebietskörperschaften getragen. Die Notrufstelle hat inzwischen drei versierte Beraterinnen und ist außerhalb der Dienstzeiten durch einen 24-Stunden-Rufdienst über ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Frauenhauses erreichbar.

Notrufstellen sind Beratungsstellen, die sich auf die Beratung und Begleitung von Menschen spezialisiert haben, die von sexueller oder häuslicher Gewalt betroffen sind. Dabei ist es unerheblich, ob es sich bei den Betroffenen um Kinder, Jugendliche oder erwachsene Frauen und Männer handelt.

Qualifizierte Beraterinnen leisten Hilfe und Unterstützung, sie sind dabei an die Schweigepflicht gebunden, beraten kostenlos und auf Wunsch anonym.

Die Notruf- und Beratungsstelle für Opfer sexueller und/oder häuslicher Gewalt Kaufbeuren-Ostallgäu befindet sich in der Schäferstraße 11 in Kaufbeuren. Sie ist zu erreichen unter Tel. 08341/9080313; per Fax: 08341/9080312 oder per E-Mail an notrufstelle.­kaufbeuren@skf-augsburg.de

Das Hilfenetz im Ostallgäu und Kaufbeuren

Wichtige Anlaufstellen und Hilfsinstitutionen:

Notrufstelle: 08341/90 80 313

Frauenhaus: 08342/16 616

Frauentelefon: 08342/10 10 10

Polizei-Notruf: 110

Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer: 0831/99 09 – 13 12

Kriminalpolizei Kaufbeuren: 08341/933-204

Weitere Informationen zum Hilfenetz bei häuslicher Gewalt und Gewalt gegen Frauen und Kinder für die Region gibt es bei der Gleichstellungsstelle des Landkreises Ostallgäu, Tel.n 08342/911-287; E-Mail: gleichstellungsstelle@lra-oal.bayern.de und der Gleichstellungsstelle Kaufbeuren, Tel. 08341/437-761; E-Mail: gleichstellungsstelle@­kaufbeuren.de.

kb

Auch interessant

Meistgelesen

Erfreuliche Bilanz: Buchloer Polizei veröffentlichte ihre Kriminalitätsstatistik
Erfreuliche Bilanz: Buchloer Polizei veröffentlichte ihre Kriminalitätsstatistik
Kaltental/Blonhofen: Auto gerät zwischen Lkw und Anhänger
Kaltental/Blonhofen: Auto gerät zwischen Lkw und Anhänger
Ionenbatterie explodiert auf Testgelände im Innovapark Kaufbeuren
Ionenbatterie explodiert auf Testgelände im Innovapark Kaufbeuren
Marktoberdorf: 30-jähriger Sportwagenfahrer stirbt nach Kollision 
Marktoberdorf: 30-jähriger Sportwagenfahrer stirbt nach Kollision 

Kommentare