Neue Glosse im Kreisboten Kaufbeuren

Der Kaiser ist tot – es lebe die Kaiserin

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Schreiben Sie der Kaiserin zu Themen, Veranstaltungen und vielleicht sogar Gerüchten. SMS und Whats App an 0178-6820900 oder per Mail an: diekaiserin@kreisbote.de

Liebe Leserinnen und Leser,Kaiserinnen sagt man nach, sie würden in Wirklichkeit die Geschäfte ihrer Männer lenken. In unserem Falle hat der ehrwürdige Kaiser Maxi von damals abgedankt und die Geschäfte seiner Kaiserin übergeben.

Die Kaiserin ist von nun an allgegenwärtig in unserer schönen Stadt. Sie wird über vieles Gute, aber auch die von Schatten bedeckten Seiten der Stadt berichten. Die Augen und Ohren der Kaiserin sind allgegenwärtig, denn wie auch im wahren Leben erhört sie die Stimme des Volkes und trifft ein faires und gerechtes Urteil. Von nun an wird sie ihre Glosse regelmäßig im Kreisbote veröffentlichen. Aber unsere Kaiserin ist mit der Zeit gegangen und findet sich im digitalen Zeitalter gut zurecht. Sie verfolgt soziale Netzwerke und hat sogar ein eigenes Mobiltelefon. Sie freut sich sehr über Zusendungen von Ihren Themen, Veranstaltungsterminen und vielleicht sogar Gerüchten?

SMS und Whats App an 0178-6820900 oder 

per E-Mail an: diekaiserin@kreisbote.de.

Bürgerinnen und Bürger,

seit einigen Monaten bereitet sich unsere Stadt auf ihren Aufbruch vor. Nicht etwa der oft erwähnte „konservative Auf- bruch“ der CSU unter Leitung von Dr. Thomas „Franz Josef“ Jahn, sondern den Aufbruch in eine neue Zeit für Kaufbeuren. Altstadt, Fliegerhorst, ISEK. Eigentlich positiv in Anbetracht der Tatsache, dass sich Kaufbeuren im Wandel befindet. Kaufbeuren verändert sich schneller denn je und immer unvorhersehbarer. Und Veränderung lebt von Taten und Anpassungsfähigkeit. Damit das Wahlversprechen der vergangenen Jahre auch eingehalten wird, bindet Oberbürgermeister Stefan Bosse liebend gerne alle Bürger ein. „Workshop“ nennt man das dann.

 „Ideenklau für beauftragte Experten“ mögen es Andere nennen. Aber für Bosse ist es ein Akt von Bürgernähe – mehr geht wohl nicht. Dabei spielt es für ihn wohl auch nur untergeordnet eine Rolle, dass zu diesen Workshops seither überwiegend Kollegen aus dem Stadtrat, die von der Stadt beauftragten Planungsbüros und drei Dutzend Bürger erscheinen, die vielleicht selbst keinen Wandel mehr erleben, oder mit den modernen Veränderungen von heute gar nicht mehr zurecht kommen möchten. Kann man so Kaufbeuren zukunftsfähig gestalten? Gerade unsere Best-Ager-Generation blickt nicht selten lächelnd auf junge Menschen herab, und sieht sich daher umso mehr in der Lage, die – ihrer Meinung nach – richtigen Weichen zu stellen. 

Und unsere Jugend? Die interessiert sich anscheinend überhaupt nicht dafür. Aufwachen – Es geht gerade um Eure Zukunft! Aber sind es nicht gerade wir gewesen, die unsere Kinder bis zur Unselbständigkeit bevormundet haben? Was lernt man heute in den Schulen wirklich über den Kapitalismus, in dem wir leben? Wie funktioniert ein Sozialsystem eigentlich? Was bedeutet Entwicklungshilfe wirklich? Wie unterscheide sich Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik? Fragen, die uns selbst nach zehn Jahren Schule meist unbeantwortet bleiben. Und sind es nicht wir Best-Ager die unseren Kindern vorleben, wie man das System und die Demokratie ad absurdum führt? Wir dürfen uns nicht wundern, dass die Wahlbeteiligung nur bei den älteren Generationen überhaupt eine Statistik hat. 

Genauso muss sich auch ein Oberbürgermeister nicht wundern, wenn Bürgerintegration nicht gelebt wird. Wäre Kaufbeuren eine Kapitalgesellschaft mit rund 42.000 Gesellschaftern – gemessen an der Wahlbeteiligung – hätte Stefan Bosse nicht einmal eine Sperrminorität. Aufwachen! Es sind unsere Söhne und Töchter die sich eine Mauer von Desinteresse aufgebaut haben. Politik fängt zuhause an – in den Familien. Heute sprechen wir vom demographischen Wandel und fehlenden Arbeitsplätzen. Es waren aber nicht unsere Kinder, die eine Anbindung der Autobahn verhindert haben und damit die weitere Ansiedlung von Industrie. Es waren auch nicht unsere Kinder die einen V-Markt nach Mauerstetten „verjagt” haben. 

Unsere Eltern haben nicht alles richtig gemacht, und wir auch nicht. Wenn wir unsere Kinder jetzt nicht davon überzeugen können, wie wichtig Politik und Demokratie sind, oder wie man mit Kapitalismus umzugehen hat, ihn begreifen lernt – früher oder später werden sie das Interesse verspüren, ja sogar gezwungen sein. 

In den Schulen scheint nicht ausreichend Platz dafür. Lieber bilden wir Theoretiker und Arbeiter aus und bevormunden sie weiter. Sollten wir ihnen nicht auch Freiräume hinterlassen? Freiräume für ein Kaufbeuren 3.0? Wir alle wollen jetzt nachhaltige Entscheidungen fällen, ohne dabei die wahre Zukunft zu kennen und erreichen damit nur eins: den Rückblick unserer Kinder auf eine Einwegpolitik. Lieber Herr Oberbürgermeister, investieren Sie Ihre Energie der Workshops doch lieber in Aufklärung. Sprechen Sie mit Ihren Parteikollegen, dass unserem Bildungssystem etwas Entscheidendes fehlt: Die Lehre vom Leben wie es wirklich ist. Dann, auch nur dann werden Sie in 20 Jahren gefüllte Hallen sehen von Menschen jeden Alters, die sich für ihre Stadt der Zukunft interessieren.

Mit hoheitlichen Grüßen,

Die Kaiserin

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