Gutachter kontrolliert derzeit städtische Friedhöfe – Viele Steine wackeln gefährlich

Sicherheitsrisiko Grabstein

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Grabmalprüfer Klaus Stolzenberger auf dem Waldfriedhof. Mit seinem Prüfgerät erzeugt er einen konstanten Druck von 50 Kilogramm. Gibt der Stein nach, muss gehandelt werden.

Kaufbeuren – Ein rund zwei Tonnen schwerer Grabstein, der durch den Druck mit zwei Fingern ins Wanken gerät? Kein Einzelfall, wie die aktuelle Prüfung auf den Kaufbeurer Friedhöfen durch einen Experten zeigt. 

Der Druck mit zwei Fingern genügt, und der rund zwei Tonnen schwere Grabstein auf dem Waldfriedhof kommt bedrohlich ins Wanken. „Nicht auszudenken was passiert, wenn dieser auf einen Menschen fällt“, mahnt Klaus Stolzenberger und pappt einen gelben Aufkleber mit der Botschaft auf den Stein: „Unfallgefahr! Grabstein lose“. Stolzenberger wurde von der Stadt beauftragt, die Grabsteine auf den städtischen Friedhöfen auf ihre Standsicherheit zu prüfen. Sein Ergebnis ist durchaus ernüchternd, wenn es um die Friedhöfe Oberbeuren und Neugablonz geht, denn die Zahl der zu beanstandenden Grabsteine sei hier relativ hoch (rund 15 Prozent). Ein Risikofaktor, denn erst im Sommer war ein Rentner auf einem Memminger Friedhof von einem umstürzenden tonnenschweren Grabstein schwer verletzt worden.

Das ist kein Einzelfall, weiß Stolzenberger zu berichten. Demnach verunglücken im Bundesgebiet jährlich etwa 100 Menschen durch umfallende Grabsteine. Hauptbetroffen sei- en vor allem Städtische- oder Gemeinde-Arbeiter, die bei der Pflege der Friedhofsanlagen verletzt würden. 

Der Prüfexperte testet jährlich etwa 50000 Grabsteine mit einem speziellen Gerät auf ihre Standfestigkeit (siehe Foto). „Der Stein muss einen Druck von 50 Kilogramm aushalten“, erklärte Stolzenberger. Gibt er nach, oder fällt gar um, muss der Nutzungsberechtigte der Grabstätte für die nötige Standsicherheit sorgen. In der Regel wird hierfür ein Steinmetz beauftragt. In dringenden Fällen wurden Steine in Kaufbeuren schon durch Mitarbeiter des Bauhofes mit einem Pfahl und einem Seil gesichert. 

In Neugablonz und Oberbeuren musste Stolzenberger, der seit 14 Jahren die technische Prüfung und Dokumentation durchführt, verhältnismäßig oft Steine als gefährlich markieren und eine sofortige Sicherung dieser anordnen. „Das liegt zum einen daran, dass hier viele Grabsteine schon sehr alt sind und zum anderen oft nicht ausreichend befestigt wurden“, berichtet der Experte, der noch bis Ende der Woche auf dem Altstadtfriedhof unterwegs ist. Und Stolzenberger weiß, wovon er spricht, denn er ist selbst gelernter Steinmetz. Vor allem die Verdübelung, also die Verbindung des Grabsteins mit dem Fundament, sei oft falsch berechnet und völlig unterdimensioniert für Größe und Gewicht des jeweiligen Grab- steins. Dabei schreibt eine Richtlinie seit 1975 vor, wie richtig „verdübelt“ werden muss. „Doch viele Steine sind ungeachtet dessen mangelhaft versetzt“, so Stolzenberger. Seit Mitte der 1970er Jahre besteht auch eine jährliche Prüfpflicht (Standsicherheit) der Steine durch die Kommunen. Bisher geschah das in Kaufbeuren durch eine Sichtprüfung und einen so genannten „Wackeltest“ – „dieser bietet aber keine Rechtssicherheit“, so Stolzenberger. Im Umkehrschluss hieß das bisher, dass alle sechs städtischen Friedhöfe mit rund 7000 Grabsteinen händisch „gewackelt“ werden mussten. Die Fehlerquote sei dabei hoch, so der Experte. Denn wer könne schon garantieren, dass immer mit exakt 50 Kilogramm Druck gearbeitet wurde – vor allem bei der hohen Anzahl an Gräbern? 

Auf Nachfrage, warum man nicht schon viel früher eine rechtssichere technische Prüfung vorgenommen habe, erklärte Mathias Müller, Leiter des Standesamtes: „Die Grabsteine wurden jährlich nach Ablauf der Frostperiode geprüft, jedoch ohne Protokoll. Um jetzt auch Rechtssicherheit zu haben, haben wir die Technische Prüfung angeordnet“. Laut Müller habe man zudem erst auf einer Schulung 2012 erfahren, dass es solch ein technisches Prüfverfahren überhaupt gibt. Laut OB Stefan Bosse sei der Friedhof kein rechtsfreier Raum. Mit der dokumentierten Prüfung der Grabsteine sei die Stadt rechtlich auf der sicheren Seite, sollte es doch mal zu einer juristischen Auseinandersetzung kommen. 

Stolzenberger jedenfalls wird zukünftig jährlich die Standfestigkeit der Steine in Kaufbeuren prüfen und dokumentieren. Er ist sich sicher, dass dann auch die Anzahl an zu beanstandenen Steinen deutlich sinkt. Seine Erfahrung hat gezeigt, dass bei einer zehnprozentigen Beanstand- ungsquote diese nach drei Jahren – bei regelmäßiger Prüfung – auf 0,5 Prozent sinkt und damit die Sicherheit der Friedhöfe hinsichtlich wackeliger Grabsteine wieder hergestellt wird. Einen abschließenden Bericht will Stolzenberger Anfang nächster Woche der Stadt übermitteln. Es zeichnet sich ab, dass die Beanstandungsquote bei rund zehn Prozent liegt. Wichtig ist Stolzenberger aber vor allem, dass Betroffene die Aufforderung für eine Grabsteinsicherung nicht ignorieren. Denn es komme immer wieder vor, dass Aufkleber einfach abgezogen oder gar die vom Bauhof getroffenen Sicherungsmaßnahmen entfernt würden. Er weist darauf hin, dass der Grabstein von Mitarbeitern der Friedhofsverwaltung umgelegt werde, wenn die Grab-Eigentümer nicht auf das Schreiben der Stadt reagieren. Mit Blick auf die aktuellen „Fälle“ erklärte Bosse, dass man sehr behutsam mit den Beanstandungen und der Inrechnungstellung der Kosten für die Sicherungsarbeiten umgehen wolle. Vor allem auch deshalb, weil gerade Allerheiligen vor der Tür stehe und die Verantwortlichen für viele Gräber schon sehr betagt seien. von Kai Lorenz

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