Wolfgang Groß verabschiedet sich in den Ruhestand

Groß, größer, humedica: 40 Jahre für Menschen in Not

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Wolfgang Groß, Mitbegründer von humedica und Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer geht nach 40 Jahren im Amt am 1. Juli in den Ruhestand.

Kaufbeuren – Alles begann mit einem „Gala-Abend der Magie“ am ersten Adventssonntag 1979. Wolfgang Groß erinnert sich nur allzu gut an Zauberkünstler Hardy und die Taschenspielertricks aus Wien, an eine grandiose Big Band und die Verlosung von Udo Jürgens Lieblingsfliege. Oft schon hat er diese Geschichte erzählt, denn der Erlös dieses Benefiz-Abends war Grundstock für eine inzwischen große und erfolgreiche deutsche Hilfsorganisation. Die Rede ist von humedica und Wolfgang Groß ist ihr Mitbegründer, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer seit mittlerweile 40 Jahren. Am 1. Juli wird er in den Ruhestand gehen.

Bei unserem Gespräch sitzt Wolfgang Groß entspannt und in der roten humedica-Weste am Schreibtisch seines Büros in Kaufbeuren. „Work less, enjoy more“ steht da als Notiz an der Wand – und der Computer meldet glücklicherweise keine unvermittelt einbrechende Katastrophe irgendwo auf der Welt, die humedicas Helfer sofort alarmieren würde. Wolfgang Groß hat Zeit zu erzählen und das tut er mit Hingabe, von 40 Jahren, von einem ganzen Leben im Einsatz für Menschen in Not. Am Ende steht das Erstaunen, beim Erzählenden wie beim Zuhörer, dass diese Geschichte keineswegs eine traurige Aneinanderreihung von Katastrophen ist. Sondern vom Segen handelt, helfen zu können und Not zu lindern. Von Wundern in größtem menschlichen Leid und dem wundersamen Phänomen humedica: einer zunächst lose und spontan formulierten Idee der zwei Allgäuer Brüder Wolfgang und Dieter Groß, in die Welt zu gehen und zu helfen. Heute ist humedica ein Verein mit rund 50 festen Mitarbeitern, drei Tochterorganisationen in Sri Lanka, Brasilien und Indien, hunderten von Ehrenamtlichen, die medizinisch, logistisch oder journalistisch die Arbeit von humedica unterstützen sowie wiederum mehreren hundert Menschen aus der Region, die sich vor Ort ehrenamtlich stark machen. humedica engagierte sich seit seiner Gründung 1979 in über 90 Ländern auf allen Kontinenten der Welt und trägt seit 2008 das Spendensiegel des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen.

Projekte weltweit

So spannt sich mittlerweile ein humedica-Netzwerk um den Globus, das es den Helfern aus Kaufbeuren ermöglicht, jederzeit auch in unzugängliche Regionen dieser Erde aufzubrechen.

So wie jüngst am Ostersonntag, als Sri Lanka unvermittelt von Bombenanschlägen in Hotels und Kirchen getroffen wurde. Humedica reagierte prompt, war neben dem sri-lankischen Roten Kreuz die einzige Hilfsorganisation, die auf den Krankenstationen zugelassen wurde. Dort leisten die einheimischen humedica Einsatzkräfte vor allem seelischen und psychologischen Beistand und betreuen insbesondere Familien, die ihr Einkommen durch den Tod von Vater oder Mutter verloren haben.

Tsunami, Hunger, Bürgerkrieg

Oder wie damals, am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004. „Als ich hörte, dass ein Seebeben der Stärke 9,1 den indischen Ozean nahe Sumatra erschüttert hatte, war klar, dass wir uns sofort auf den Weg machen mussten.“ Bereits am Vormittag des Folgetags landete Groß mit einem Team aus Ärzten, Ersthelfern und Journalisten in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, um in die betroffenen Küstengebiete im Norden aufzubrechen. „Das war damals Bürgerkriegsland, keine andere Hilfsorganisation konnte und wollte dorthin.“ Da humedica jedoch seit den 90er Jahren Kontakte im Norden der Insel pflegte und Hilfsprojekte leitete, so erzählt Groß weiter, konnte das humedica-Team als zunächst einzige private Hilfsorganisation dort seine Arbeit aufnehmen. In Sri Lanka verloren damals rund 40.000 Menschen in Folge des Tsunamis ihr Leben. Auch in den Monaten, die auf den Tsunami folgten, betreuten weitere Ärzteteams von humedica insgesamt mehr als 18.000 obdachlose Menschen rund um die Hafenstadt Point Pedro im Nordosten der Jaffna-Halbinsel. Für etwa 8.000 betroffene Familien bedeuteten die anschließenden Verteilungen von Überlebenspaketen mit Nahrungsmitteln, Decken, Wasserdesinfektionstabletten, Kochgeschirr und Moskitonetzen ein Stückchen Sicherheit in der Zeit der Krise. Kurze Zeit später ließ humedica 1.350 neue Boote produzieren und überreichte sie den betroffenen Fischerfamilien, zusammen mit jeweils einem Außenbordmotor und den notwendigen Fangnetzen.

Die kontinuierliche Hilfeleistung von humedica erhielt mit diesem Einsatz erstmals auch große internationale Aufmerksamkeit, da Fernsehteams live von dem Tun der „roten Westen“ aus dem Allgäu berichteten. „Insgesamt waren zeitweise bis zu 1.500 Hilfsorganisationen im Tsunami-Gebiet. Dass gerade über uns deutschlandweit berichtet wurde, hat eine Spendenwelle ausgelöst, die unsere Arbeit beflügelte und weitreichende Möglichkeiten der Versorgungshilfe und zahlreiche langfristige Projekte gestattete“, beschreibt es Groß im Rückblick.

Meilenstein Darfur

Wolfgang Groß in der Bürgerkriegsregion Darfur, im Westen des Sudans, wo humedica sich als eine der ersten deutschen Hilfsorganisationen überhaupt Zugang verschaffen konnte.

Sri Lanka 2004 war ein Meilenstein in der Geschichte von humedica. So wie der Einsatz in der Bürgerkriegsregion Darfur, im Westen des Sudans, wo humedica sich als eine der ersten deutschen Hilfsorganisationen überhaupt Zugang verschaffen konnte und von 2004 bis 2010 aktiv war, die medizinische Versorgung in fünf Flüchtlingslagern sicherte und etwa 40 Klassenzimmer errichten ließ. Das Engagement von humedica hatte mit einem überschaubaren Ärzteteameinsatz begonnen, bald aber wurde daraus eines der umfangreichsten und langfristigsten Hilfsprojekte in der Geschichte der Hilfsorganisation. Weitreichend, nennt Wolfgang Groß das Engagement von humedica in Darfur. „Da haben wir viel für zukünftige Einsätze gelernt.“

„Wir sind eine Organisation, die auf christlichen Werten basiert.“

Dieses Netz an Beziehungen aufzubauen, das humedica heute auszeichnet, ist wohl eines der größten Talente von Wolfgang Groß. Er selbst spricht von (göttlicher) Fügung und Führung, wenn sich wieder einmal eine Tür öffnete, ein Austausch möglich wurde. Wie damals, als die Registrierung seines Ärzteteams für die medizinische Arbeit in Darfur in fünf Minuten abgewickelt wurde, während andere Monate warteten. „Ich lernte während der Internationalen Berliner Begegnung im Juni 2004 über einen unserer Ärzte den stellvertretenden sudanesischen Parlamentspräsidenten, einen katholischen Christen, kennen“, erinnert sich Wolfgang Groß. „Bei ihm brachte ich unser Anliegen vor, in Darfur zu helfen.“ Alles weitere regelte sich dann wie von selbst.

Im Rückblick hat sich für Groß gerade die völkerübergreifende Gemeinschaft im Glauben als das Fundament ausgemacht, das die internationale Arbeit von humedica erst ermöglichte. Groß selbst ist gläubig und beginnt seinen Tag mit einer Andacht, zu der er Kolleginnen und Kollegen einlädt. Viele Male hat er an den jährlichen Konferenzen des Parlamentarischen Gebetsfrühstücks in Berlin und seinem Äquivalent in Washington, dem National Prayer Breakfast, teilgenommen. Als „Mister humedica“, selbstverständlich. Diese Beziehungen, die auch auf gemeinsamen Gebeten gründen, haben humedica immer dabei geholfen, selbst helfend eingreifen zu können. Anfang Mai noch reiste Groß nach Berlin, um sich mit den Botschaftern von Nordkorea und dem Iran zu koordinieren. „Wir haben im April beispielsweise 450 Tonnen Reis und Sojabohnen in das abgeschottete Nordkorea geliefert, gegen den Hunger in der Bevölkerung. Mit dem Botschafter habe ich die Entsendung eines Monitoring-Teams besprochen, das die zuverlässige Verteilung der Hilfsgüter vor Ort überprüfen wird.“ Bereits seit 1998 entsendet humedica in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnerorganisationen Hilfsgüter in das ostasiatische Land.

Verantwortung übernehmen

Wie er das nur schaffe, seit 40 Jahren mit dem Leid der Menschen konfrontiert zu werden? Die Frage steht förmlich im Raum. Denn der weltweite Hunger sei ja immer noch da. Ja, antwortet Wolfgang Groß und beschreibt, wie er im somalischen Bürgerkriegsgebiet zum ersten Mal ein hungerleidendes Kind, „aus Haut und Knochen“, in den Armen hielt. Fast scheint es, als glänze eine Träne im Augenwinkel. Er habe gelernt, so meint Wolfgang Groß dann gefasst, seinen Blick auf die Gruppe von Menschen zu lenken, für die er zuständig sei. „Und um diese kümmere ich mich mit Gottes Hilfe“, sagt er.

Zur Person Wolfgang Groß

Wolfgang Groß wurde 1954 in Kaufbeuren geboren. Er arbeitete zunächst als Krankenpfleger und gründete gemeinsam mit seinem Bruder Dieter 1979 den Verein humedica. 1993 bestand er sein wohl größtes Abenteuer und lernte in Sri Lanka auf der Hochzeitsfeier eines Bekannten seine Frau Selvi kennen. Sie haben drei mittlerweile erwachsene Kinder. Tochter Rebecca gehört nach ihrem Studium der Internationalen Not- und Katastrophenhilfe in Berlin seit kurzem zum humedica-Team in Kaufbeuren. Priscilla und Benjamin gehen noch zur Schule. Für den Ruheständler Groß rückt nun die Region in den Fokus. Er wird sich im „family center“ in der Hüttenstraße engagieren, einem Second-Hand-Kaufhaus, Café und Familientreffpunkt, der von der humedica-Stiftung „Nächstenliebe in Aktion“ getragen wird. „Da werde ich mich einbringen“, sagt der 65-Jährige schmunzelnd. Seine Nachfolge in der Geschäftsführung von humedica werden Johannes Peter und Heinke Rauscher antreten.

humedica feiert 40. Geburtstag

"Am 25. Mai lädt humedica alle Interessierten zum Tag der Offenen Tür in die Zentrale der Hilfsorganisation.

"12 bis 18 Uhr: „humedica backstage“ – ein Familienfest für Groß und Klein rund um die humedica-Zentrale in der Goldstraße 8 in Kaufbeuren-Neugablonz

"Neben Informationen über die Arbeit von humedica besteht die Möglichkeit, Partner aus der ganzen Welt kennenzulernen. Für das leibliche Wohl und ein buntes Kinderprogramm ist ebenfalls gesorgt.

"20 bis 22.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr): Benefizkonzert mit der Iveco Big Band, Marktgasse/Neuer Markt in Kaufbeuren

Der Eintritt ist frei. Um Spenden wird gebeten. Anstelle von Eintritt oder Geschenken bittet humedica um Unterstützung für das Jubiläumsprojekt. Mit einer monatlichen Spende von 19,79 Euro, angelehnt an das Gründungsjahr, können Jubiläumsförderer Kindern in Sri Lanka, Äthiopien, Indien, Brasilien und dem Kosovo Bildung und damit eine bessere Perspektive für die Zukunft schenken.

von Angelika Hirschberg

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