Sie nannte ihn Großonkel

Haftstrafe für Vergewaltigung: 53-jähriger Ostallgäuer missbraucht das Vertrauen einer 17-Jährigen

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Kaufbeuren – Ob sich der Mann nur in etwas verrannte, oder er die Naivität und das Vertrauen einer Heranwachsenden ausnutzte, das galt es für das Schöffengericht zu verhandeln. Ein 53-jähriger Ostallgäuer saß am vergangenen Mittwoch wegen einer Vergewaltigung auf der Anklagebank des Amtsgerichts Kaufbeuren.

Ein Altersunterschied von 35 Jahren, der vorliegende Chatverlauf, eine Flasche Wodka sowie schwerwiegender Vertrauensmissbrauch, waren für das Schöffengericht ausschlaggebend für die Höhe des Strafmaßes. Zwei Jahre und sechs Monate Haft, so lautete das Urteil für diesen schweren Fall sexueller Nötigung.

Nach außen hin ruhig und gefasst wirkend, vernahm der 53-jährige Deutsche die Anklageschrift. Zu einem Kurzurlaub in Österreich hatte der Angeklagte eine 17-jährige Bekannte eingeladen. Auf dem Campingplatz angekommen, tranken sie mehrere Gläser Wodka. So viel, dass die Jugendliche sich übergeben musste und einschlief. Der Angeklagte soll der 17-Jährigen daraufhin die Hose runter gezogen und seinen Finger in sie eingeführt haben. Durch diese Handlung sei die Heranwachsende aufgewacht und geflüchtet. Da es sich um eine „eindeutig sexuelle Handlung“ mit dem Eindringen in den Körper der Geschädigten handelte, lautete die Anklage auf Vergewaltigung.

Der 53-Jährige begann mit einer Entschuldigung. Sehr nervös sei er, und er bedauere zutiefst was passierte. Mehrmals wiederholte er diese Worte während der Verhandlung. Auf einer Feier seiner Nichte habe er die 17-Jährige getroffen und sich mit ihr unterhalten. Mit dem Einverständnis ihrer Mutter habe er dann den Kurzurlaub in Österreich geplant, um „einfach ein schönes Wochenende zu haben, zu wandern oder zu schwimmen.“ Auch Alkohol habe er mitgenommen, aber auch andere Getränke und etwas zum Knabbern. Auf dem Campingplatz angekommen hätten beide etwas getrunken, nach einem Spaziergang noch mehr. „Ich muss die Verantwortung für alles übernehmen, das ist klar“, unterbrach er seinen Bericht. Zweimal habe sie sich übergeben müssen, weshalb er dann „das große Bett“ im Wohnwagen herrichtete. Sie habe vorne gelegen, er „mit weiterem Abstand dahinter, um zu helfen falls sie sich wieder übergeben muss“. So seien sie beide eingeschlafen. Dann wisse er nur noch, dass sie plötzlich raus wollte. „Ich will es nicht in Abrede stellen, aber ich hab selber nicht registriert was da war“, erklärte er zunächst die Situation. Jedoch stritt er nicht ab, seinen Finger in sie eingeführt zu haben. Die 17-Jährige, die den Mann als Großonkel bezeichnete, obwohl keine verwandtschaftliche Beziehung besteht, flüchtete in eine nahegelegene Siedlung und fand Hilfe bei einem Ehepaar, das Polizei und einen Rettungswagen rief. Er habe sich nur „so leicht bis mittel betrunken“ gefühlt, sagte der Angeklagte auf Nachfrage des Richters. Warum er überhaupt mit einer Minderjährigen trank, wollte die Anwältin der Geschädigten wissen. Erklären konnte er es nicht. „Das war eine sehr, sehr dumme Idee.“

Für die Staatsanwaltschaft waren die Zusammenhänge des Kennenlernens und der Reise nicht nachvollziehbar. Dass er sich zu ihr legte und sein Finger dort hin kam, wo er schlussendlich war, sei nicht ohne Absicht geschehen. Der 53-Jährige dementierte: „Ich habe das nicht geplant“. Sein Anwalt übernahm das Wort, nannte die Tat eine „spontane Idee“. Von dieser Spontaneität waren die Staatsanwaltschaft und die Anwältin des Opfers nicht überzeugt. So beinhaltet der Chatverlauf bei WhatsApp einige „Kuss-Smileys“. Auch jene mit einem Herzen. Die Frage des Richters, ob er sich mehr erhoffte, verneinte der Mann. Mehrmals noch stritt er dies ab: „Ich hatte keine sexuellen Absichten.“

Der Chatkontakt belegt, was die 17-Jährige über das Kennenlernen berichtete. Der von ihr Großonkel genannte Mann habe sie auf Instagram angeschrieben, so wurden Nummern getauscht und dann über WhatsApp kommuniziert. Was sie nicht auffällig gefunden habe. „Es waren halt so Späße.“ Auf besagte „Kuss-Smileys“ angesprochen wirkte der Teenager erstaunt: „Die schicke ich Mama und Papa auch“. Die Erlaubnis, mit dem Großonkel ein Wochenende in Österreich zu verbringen, bekam sie von ihrer Mutter. Bereits kurz nach Beginn der Reise habe sie sich unwohl gefühlt, ihm das auch gesagt. Im Schnellrestaurant habe sie versucht ihm auszuweichen. Er habe sie auf der Fahrt mehrmals berührt und gestreichelt. Nach dem Essen seine Hand um ihre Hüfte gelegt und dabei fast ihren Po berührt. Dem Bericht des 53-Jährigen zufolge, habe er ihr nur kurz die Hand auf den Oberschenkel gelegt um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Seine Hand habe auf ihrem Rücken gelegen, damit sie nicht falle. „Ich weiß, dass sich das komisch anhört“, versuchte der Angeklagte zu erklären.

Im Lauf des Abends habe der Großonkel sie aufgefordert mehr zu trinken. „Ich wollte nicht als Feigling dastehen“ sagte der Teenager. Dann könne sie sich an nichts mehr erinnern. Sie erwachte, „weil er das gemacht hat“, und „wollte nur noch weg“. Den Kontakt habe sie anschließend abgebrochen und einen Therapeuten, dann eine ambulante Therapie besucht. Dennoch verlor die Heranwachsende ihre Arbeit. Sie berichtete ohne Dramatik und mit ruhiger Stimme, dass sie noch immer Angst vor Männern habe, die dem Angeklagten ähnlich sehen. Vor der Tat habe sie bereits Geschlechtsverkehr gehabt, seitdem „habe ich niemanden mehr an mich heran gelassen“. Der Richter bemerkte bei der Urteilsverkündung: „Ihre Angst blieb. Doch sie versuchte nicht, die Folgen schlimmer darzustellen als sie sind.“

Der Überwiegend unverfängliche Chatverlauf beinhaltete einige Nachrichten, die das Gericht und die Anklage als Indiz dafür betrachteten, dass der Mann gewisse Erwartungen hatte. „Dass da was gehen könnte“, dachte er, davon war der Staatsanwalt überzeugt. Zwar ohne einen solchen Plan gefasst zu haben, sei er dennoch „in eine Art zweiten Frühling“ geraten und habe die Heranwachsende „nicht nur als kleine Nichte gesehen“. Die Anwältin des Teenagers war der Meinung, das Gericht habe dem Angeklagten „mehrfach die Hand gereicht, um zu sagen: ‚Ja, ich habe mich da in etwas verrannt‘“. Ihrer Meinung nach habe er nie begriffen, zu welchem Zeitpunkt die Tat bereits angefangen hatte. Die Naivität und das Vertrauen des Opfers, so die Anwältin, seien dauerhaft verloren gegangen.

Der Richter hob den im Chat geplanten Kauf von Wodka – mit der von ihm ausgehenden Aufforderung viel und bereits während der Fahrt zu trinken – sowie den Körperkontakt auf der Fahrt hervor. Die 17-Jährige habe einen kindlichen Entwicklungsstand und sei naiv, habe ihn als Familienmitglied betrachtet. Dass Alkohol für Jugendliche reizvoll ist, habe er ausgenutzt. Das Gericht glaubte nicht an die Zufälligkeit seines Handelns. Vielmehr sei es ein Vertrauensmissbrauch mit krimineller Energie nicht unerheblichen Ausmaßes, sagte der Richter. Zwar räumte der Angeklagte den Sachverhalt vollumfänglich ein und zahlte einen Täter-Opfer-Ausgleich in Höhe von 11.500 Euro, dennoch sah das Schöffengericht eine Freiheitsstrafe in der Höhe von zwei Jahren und sechs Monaten als „tat- und schuldangemessen“ an.

von Selma Höfer

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