Der lokale Handel ist nicht tot

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In der Podiumsdiskussion tauschten sich Sabine Berthele (Allgäu GmbH), Andre Köhn (IHK Schwaben), Florian Tschentscher (genXtreme), Wirtschaftsreferent Siegfried Knaak und Martin Reichle (genXtreme) über die Unternehmensstandorte Kaufbeuren und Ostallgäu aus.

Kaufbeuren – Beim ersten Kaufbeurer Gründerstammtisch im Innovapark gaben Martin Reichle und Florian Tschentscher vom Kaufbeurer Unternehmen GenXtreme auf unkonventionelle Weise Tipps für Jungunternehmer und räumten – aus ihrer Sicht – nicht zuletzt mit so manchem festgefahrenen Vorurteil zum Standort Kaufbeuren auf.

Zum Beispiel damit, dass die Ladengeschäfte in der Innenstadt im Vergleich zum online-Handel nur verlieren können. Im Anschluss an den Vortrag und eine Podiumsdiskussion gab es für die Anwesenden noch reichlich Gelegenheit zum Austausch. Mit dabei waren nicht nur Jungunternehmer, sondern auch Vertreter alteingesessener örtlicher Unternehmen und die Wirtschaftsexperten aus Stadt und Landkreis.

 Der erste Gründerstammtisch war Teil der Allgäuer Gründerwoche und wurde gemeinschaftlich vom Landkreis Ostallgäu, der Stadt Kaufbeuren, der Allgäu-GmbH und dem Innovapark veranstaltet. Zweimal jährlich soll er zukünftig stattfinden und, so Sabine Berthele von der Allgäu GmbH, damit eine regelmäßige lokale Plattform, außerdem Informations- und Kontaktmöglichkeiten für Gründer und bestehende Start-Ups bieten.

Den Auftakt bildete in der vergangenen Woche der Vortrag von Martin Reichle, Mitbegründer des in Kaufbeuren ansässigen Unternehmens GenXtreme, unter dem Titel „Multi-Channel Vertrieb- und Wertschöpfungsketten“. Das Kaufbeurer Unternehmen betreibt einen Ladenstandort für Marken-Arbeitsbekleidung, ist aber gleichzeitig mit einem Online-shop praktisch weltweit vertreten.

Diese zweigleisige Strategie empfahl Reichle auch den anwesenden Gründern. Oder anders: „Der Internethandel sollte nicht als Konkurrenz, sondern als Chance gesehen werden, das eigene Unternehmen über die Ortsgrenzen hinaus bekannt zu machen“. Der praktisch unbegrenzten Kundenreichweite und dem oft preisgünstigeren Einkauf über das Internet stünden das Einkaufserlebnis, die persönliche Beratung und der unkomplizierte „Mitnahme-Faktor“ im stationären Handel gegenüber.

„Gut 85 Prozent der Käufe passieren entgegen der landläufigen Meinung immer noch im stationären Einzelhandel. Dieser ist also nicht tot – im Gegenteil“, so Reichle. Gleichzeitig sei der online-Handel ein Markt mit riesigem Wachstumspotenzial. „Wenn man beides kombiniert und noch der Wille zum Erfolg dazukommt, ist das eine gute Voraussetzung, mit dem eigenen Angebot gewinnbringend tätig zu sein“, so Reichle. Er selbst ist im Jahr 2011 mit seinem Unternehmen gestartet. „Wir haben anfangs jeden Euro umgedreht und bei möglichen Kunden Klinken geputzt“, erklärte er. 2015 machte das Unternehmen bereits 4,5 Millionen Euro Umsatz.

Warum sich Reichle und Tschentscher für Kaufbeuren als Standort entschieden haben? Darauf gab Tschentscher eine ebenso einfache wie verblüffende Antwort: „Martin Reichle stammt von hier. Deshalb war Kaufbeuren die erste Wahl. Zwar ist die Anbindung an die Infrastruktur bekanntermaßen nicht ideal, dafür gibt es aber motivierte Menschen“. Der Aufbau eines Unternehmens müsse von Anfang an auch an die Gegebenheiten angepasst werden.

Eine Einstellung, die in der an den Vortrag anschließenden Podiumsdiskussion nicht zuletzt beim Kaufbeurer Wirtschaftsreferenten Siegfried Knaak auf offene Ohren und Zustimmung stieß. Zum Standort Kaufbeurer Altstadt, die hinsichtlich Belebung und Einzelhandel bekanntermaßen vor großen Herausforderungen steht, sagte er: „Wir haben hier einfach durch den Denkmalschutz bauliche Vorgaben, was Ladenflächen und Außengestaltung angeht. Dafür sorgen wir aber beispielsweise für eine Versorgung der Ladenstandorte mit Glasfaser sowie für ein schnelles Genehmigungsverfahren für Gewerbeansiedlungen“.

Zudem betonte Knaak das gute Unternehmer-Netzwerk in der Region als Standortvorteil für Kaufbeuren: „Nicht jeden Anfangsfehler muss ein Unternehmensgründer selbst machen“, erklärte Knaak. Auch Andre Köhn von der IHK Schwaben und Peter Däubler, Wirtschaftsreferent am Landratsamt Ostallgäu und damit oft erster Ansprechpartner für Unternehmensgründer in der Region, nutzten die Gelegenheit, um Jungunternehmer erneut auf ihr Beratungsangebot aufmerksam zu machen.

Die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und mit Wirtschaftsexperten ins Gespräch zu kommen war für Jungunternehmerin Sabine Konopka aus Rieden der Hauptgrund für die Teilnahme am Gründerstammtisch. Sie vertreibt Babyschuhe über Werksverkauf und per online-Handel. Mit den Tipps von Martin Reichle fühlt sie sich in ihrem Konzept bestätigt. Auch Birgit Kern-Harasymiw, selbst Unternehmerin und Markenbotschafterin für das Allgäu, zieht ein positives Fazit zum ersten Gründerstammtisch: „Wer hier einen kleinen Laden aufmacht, braucht einfach Unterstützung“.

von Michaela Frisch

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