Herzensprojekt "Neurostitch" in Marktoberdorf – Kleidung für Menschen mit Hauterkrankungen

Mode mal andersherum

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Elias schaut seiner Mutter Dilara Stocker schon einmal auf die Finger, wenn es gilt, sanfte Mode für Kinder mit einer Neurodermitis-Erkrankung zu kreieren. Das Markenzeichen von Neurostitch? Die Nähte liegen außen.

Marktoberdorf – Was ist schon richtig, was falsch? Wenn kleine Kinder ihre Schuhe verkehrt herum anziehen, der kleine Bub rosa Söckchen trägt oder sein T-Shirt auf links dreht, dann schaut die perfekte Mutti schon einmal pikiert. Die sechsjährige Teresa hat schon manch solch einen Blick kassiert: für sie ist die Welt nämlich nur dann erträglich, wenn die Nähte ihrer Kleidung nach außen zeigen.

Denn Teresa hat Neurodermitis, ihre Haut reagiert extrem empfindlich auf reibende, unsauber verarbeitete oder einfach innen liegende Nähte. Feuchte, offene Stellen sind die Folge. Teresa trägt alle ihre Kleider, sogar die Unterhose „falsch herum“ – und hat nicht selten das Gespött auf ihrer Seite.

Die 25-jährige Marktoberdorferin Dilara Stocker hat seit ihrer Begegnung mit Teresa ein neues Verständnis für richtig oder falsch. Und setzte eine zunächst verrückte Idee spontan in die Tat um. Warum nicht für Kinder wie Teresa Mode machen? Eine Mode, die so ist wie die Kinder selbst: bunt, lustig, schick und vor allem supersanft. Neuro­stitch nennt Dilara Stocker ihre kleine Firma, für die sie sich in jeder freien Minute an die Nähmaschine setzt. Um tragbare, modische und angenehme Kleidung für Menschen mit Neurodermitis zu kreieren. Neuro­stitch – das bedeutete zunächst, dass alle störenden Nähte nach außen verbannt wurden. „Das war mein erster Gedanke, als ich begann, für Teresa zu nähen“, erzählt die 25-Jährige aus Markt­oberdorf. „Ich wollte die Innenfläche der Kleidung frei von all dem halten, was die Haut stören oder reizen könnte.“ Doch damit ließ es Dilara Stocker nicht auf sich beruhen. Immerhin sind die Nähte ihrer Kollektion nun nach allen Seiten hin sichtbar –und unverwechselbarer Teil ihrer Marke geworden. „Ich bin die Frau, die die Nähte nach außen setzt“, erzählt sie lachend über sich. Und freut sich vor allem darüber, dass sich mit der sanften Mode von Neurostitch nun kein „Kind“ mehr verstecken muss.

Das Schwierige an ihrer Idee, so erzählt die gelernte Bankkauffrau, sei das Umdenken gewesen. Es galt ganz grundsätzlich, Schnittmuster für T-Shirts, Strampler oder Hosen konsequent umzudrehen, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Bündchen, Kapuzen, Taschen oder Hosenbeine – für jedes Detail musste eine neue Lösung her. Dilara Stocker blieb hartnäckig und probierte viele verschiedene Stoffe, Schnitte und Muster aus. Erfand letztendlich ihr ganz eigenes Ding.

Die junge Marktoberdorferin hatte das Nähen, Stricken und Häkeln einst von ihrer Großmutter gelernt. Seit August spinnt sie nun die Fäden von Neuro­stitch und näht im Auftrag ihrer wachsenden Kundenschar. Jedes Teil wird individuell abgestimmt, ihre Kunden können neben der Größe zwischen vielen Stoffen, Farben und einer bestimmten Auswahl an Schnittmustern wählen. Das Label wird am Ende aufgebügelt. Dilara Stocker verwendet Bio-Baumwollstoffe oder Bio-Jersey mit einem sehr geringen Elasthan-Anteil. Auf Wunsch schneidert sie auch in Seide, Polyester-Stoffe dagegen vermeidet sie ganz. Aus dem Vollem schöpft die mutige junge Frau, wenn es um Farben und Muster ihrer handgemachten Unikate geht. „Welches Kind ist schon gern die graue Maus?“, lacht sie und präsentiert ihr knallbuntes Stoffe-Regal. Dabei möchte sich Dilara Stocker gar nicht nur auf Kindermode festlegen, aktuell näht sie Neurostitch-Unterwäsche – für Groß und Klein: „Mit der Naht nach außen, natürlich!“

Nicht nur ihre Nähte, Dilara Stocker trägt auch ihr Herz offen nach außen. Neurostitch sei viel mehr als nur eine gute Gründerinitiative, sagt die junge Frau, selbst Mutter des knapp zwei Jahre alten Elias. „Neurostitch ist mein Herzensprojekt. Ich möchte großen und kleinen Kindern, die sich eh schon mit ihrer Hauterkrankung plagen, bezahlbare Kleidung zum Wohlfühlen machen.“ Und sie zeigt, dass das nicht nur leere Worte sind. 50 Cent von jedem ihrer verkauften Kleidungsstücke kommen nämlich darüber hinaus einer wohltätigen Organisation in Form einer Spende zugute, aktuell dem Förderverein des Dr. von Haunerschen Kinderspitals in München. Fachlich unterstützt wird Dilara Stocker außerdem von Kinderarzt Professor Dr. Josef Rosenegger, dem Chefarzt der Alpenklinik Santa Maria in Oberjoch. Manchmal ist die zupackende junge Frau selbst erstaunt, welchen Stein sie da in so kurzer Zeit ins Rollen gebracht hat. Ab Ende November („spätestens“) ist dann auch ihre offizielle Homepage www.neuro­stitch.de online. Teresa ist jedenfalls von ihrem T-Shirt-Prototyp ganz begeistert. Zu Weihnachten darf es dann etwas mit langen Ärmeln sein. Bunt, lustig und doch ganz sanft – wie Kinder nun einmal sind.

von Angelika Hirschberg

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