Heute vor 250 Jahren wurde der Bayerische Hiasl mit seiner Bande in Osterzell gefangengenommen

Vom Hiasl, der beim Wildern verwildert ist

Porträt Bayerischer Hiasl
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Auch um ein Porträt nicht verlegen: Matthias Klostermayr alias Bayerischer Hiasl im Jahre 1771.

Osterzell – Ein langanhaltendes Kampfgetöse hat am Vormittag des 14. Januars 1771 in Osterzell im heutigen Landkreis Ostallgäu stattgefunden. Es war durch das Echo der Wälder auch in vielen umliegenden Nachbarorten wahrzunehmen. Anlass war das Aufspüren und die Gefangennahme des Wildschützen- und Räuberhauptmanns Matthias (eigentlich Matthäus) Klostermayr, genannt ,,Bayerischer Hiasl“, und seiner Gesellen im dortigen Wirtshaus.

Ein starkes Kommando von 300 Soldaten unter der Führung des Fürstbischöflich-Augsburgischen Premier-Leutnants Josef Schedel war angetreten – verstärkt durch Jäger, Amtsknechte und Hunde. Den Tipp, dass der Hiasl sich dort aufhalte, hatte er laut Osterzeller Chronik durch den ,,Schwarzen Martin“, einem Mann aus dessen eigenen Reihen wegen Eifersucht erhalten. Beim Umgang mit der Damenwelt gab sich der Hiasl stets als ein Galan.

Bei widrigen Witterungsverhältnissen, so heimlich wie möglich und bei Eiseskälte durch hohen Schnee stapfend, marschierte Schedel mit seiner Truppe die ganze Nacht hindurch und gelangte am Morgen um 7 Uhr in Osterzell an. Am Eingang des Dorfes erfuhr er auf Befragen eines kleinen Mädchens, das zufällig des Weges kam, dass sich der Hiasl mit zehn weiteren Wildschützen bei ihrem Vater im Wirtshause befände.

Fast zeitgleich mit dem Eintreffen der Soldaten zog dichter Nebel auf. Diesen günstigen Zufall nutzte Schedel mit seinen Leuten, indem sie sich nun gemach an das Wirtshaus heranpirschen konnten. Zudem hatte der Bandenchef, der in der Wirtsstube mit seinen Kumpanen Karten spielte, unbesonnenerweise seine Wachen zurückgezogen. Schedel befahl seinen Jägern, den nahen Wald zu besetzen, damit man den Wildschützen den Weg abschneiden könne, falls ihnen die Flucht gelänge. Die übrigen umgaben das Haus von allen Seiten. Jene Soldaten, die den Zugriff durchführen sollten, krochen unter den Fenstern heran, damit sie nicht entdeckt würden. Kaum hatten sie ihre Ausgangsstellung eingenommen, wurden sie von einem Wildschütz, der zufällig aus dem Fenster sah, doch bemerkt. Dieser alarmierte seine Kameraden, die sofort von den Tischen aufsprangen und in die Küche liefen, denn dort befand sich ihr Arsenal an Waffen und Munition. Nach der ersten Verwirrung gingen sie sofort zur Verteidigung über und eröffneten das Feuer auf das heranrückende Kommando. Mehrere Aufforderungen an die Wildschützen, sich zu ergeben, ignorierten diese mit ihren Büchsen. Sie hatten sich gut verschanzt und so entwickelte sich ein längeres Scharmützel.

Durch den Fußboden

Schedel musste einsehen, dass er auf diese Art der Bande nicht beikommen konnte, wenn er größere Verluste verhindern wollte. Deshalb ersann er einen neuen Plan. Ein Teil seiner Soldaten sollte sich in die obere Stube, die über der Küche lag, begeben, den dortigen Fußboden aufheben und das Mauerwerk durchhauen, damit sich eine Öffnung auf die darunter befindlichen Wildschützen auftue, was auch gelang. Diese konnten nun von beiden Seiten und einer vorteilhafteren Schussposition bekämpft werden. Außerdem fanden die Soldaten in einem Zimmer ein Bett vor. Man zerriss den Strohsack, wickelte Stroh um die Pulverpatronen, zündete das Stroh an und warf es brennend durch die geschaffene Öffnung auf die Wildschützen hinunter. Mit der Zeit entstand in der Küche so ein dicker Dampf, dass diese gar nichts mehr sehen konnten und nicht mehr wussten, wie sie sich weiter verteidigen könnten.

Deshalb beschlossen sie, sich in das Speisengewölbe, das an die Küche grenzte, zu begeben. Zudem begann sich das Feuer in der Küche auszubreiten, das mit seiner Rauchentwicklung nun auch den Soldaten in der oberen Stube zu schaffen machte. In einer Kammer fand sich endlich ein großer Kübel mit Bier, der dorthin zur Abkühlung gebracht worden war. Zischend strömte das Bier als Löschmittel durch das Feuer. Ein dichter weißer Staubregen entstand, der den dicken Dampf noch vermehrte.Angesichts der Hitze, der Feuerströme und des Dampfes war der Aufenthalt auch im Gewölbe für die Wildschützen nicht mehr auszuhalten und die Aussichtslosigkeit ihrer Lage wurde ihnen schmerzlich bewusst. Zudem hatte so gut wie jeder Wildschütz eine oder mehrere Verwundungen davongetragen. Da bat der Hiasl laut rufend um das Pardon, mit dem Versprechen, dass ihm und seinen Gefährten das Leben geschenkt würde, wenn sie kapitulierten, was Schedel ihm zugestand und persönlich verbürgte. Daraufhin wurde die Schießerei eingestellt.

Nachdem sich der sichtlich gezeichnete Anführer mit erhobenen Händen, am ganzen Leibe zitternd und mit Angstschweiß im Gesicht, gestellt hatte, holte man die übrigen Wildschützen aus ihren Schlupfwinkeln hervor, fesselte sie ebenfalls und warf sie zu ihm in den Schnee. Ganze vier Stunden hatte das Gefecht gedauert. Zwei Wildschützen waren bei dem Gefecht umgekommen. Die Soldaten hatten drei Tote und einige Verwundete zu verzeichnen.

Erdrosselt und gerädert

Noch am selben Tage wurden die Gefangenen zur nähe­ren Verfügung nach Buchloe gebracht und von dort auf erhaltene Order nach Dillingen gebracht, wo ihnen aus den Dörfern und Städten viele Menschen entgegenkamen, um diese berüchtigten Wildschützen zu sehen und oft noch reichlich zu beschenken. Dort wurde ihnen der Prozess gemacht. Über 50 Verbrechen listet das Gerichtsprotokoll auf; neben der Wilderei vor allem Raub, Landfriedensbruch, Totschlag und Mord. Klostermayr wurde zum Tode verurteilt und am 6. September 1771 öffentlich durch Erdrosseln und ,,Rädern“ hingerichtet. Den Kopf steckte man an den Dillinger Galgen, die viergeteilten Körperteile wurden in Dillingen an der Donau, Füssen, (Markt-)Oberdorf und Schwabmünchen öffentlich ausgestellt.

Katzenschütze

Der Hiasl hätte für damalige Verhältnisse ein unauffälliges und angenehmes Leben führen können, wenn ihm in seiner Jugendzeit nicht ein Malheur passiert wäre: Die Jesuiten auf Gut Mergenthau beschäftigten den jungen Burschen, der am 3. September 1736 in Kissing geboren wurde, ungefähr zweieinhalb Jahre als Jagdgehilfen und Aufseher. Er verlor diese einträgliche Anstellung jedoch wegen eines harmlosen Faschingsscherzes. Er hatte einen Pater, der auf der Jagd versehentlich eine Katze erschossen hatte, als „Katzen­schützen“ verspottet.

Der Originalstutzen des Bayerischen Hiasls. Das Schmuckstück ist im Bayerischen Nationalmuseum in München ausgestellt.

Aber die vom Vater geerbte Jagdleidenschaft, die er nicht unterdrücken konnte und wollte, brachte ihn bald in Verbindung mit organisierten Wildschützenbanden. Einer anstehenden Rekrutierung entzog er sich durch die Flucht über den Lech, ins „ausländische“ Schwaben. Und dort erhielt er auch seinen Spitznamen „Bairischer Hiasl“, da Kissing zum Kurfürstentum Bayern gehörte. Die ausgedehnten Forste auf der linken Lechseite zwischen Iller und Lech boten dem Wilderer reiche Jagdgründe. Da die Jagd nur dem Adel und der höheren Gesellschaft vorbehalten war und die Wilderei mit drakonischen Strafen belegt wurde, sah die Bevölkerung das Treiben der Wildschützen mit Wohlwollen. Durch die Dezimierung des hohen Wildbestandes fiel von der Jagdbeute auch für sie etwas ab, für ganz Arme sogar umsonst. Und die durch das Wild angerichteten Flurschäden hielten sich in Grenzen. Als Gegenleistung wurden die Wildschützen bei Nachstellungen oft vorgewarnt oder ihnen Unterschlupf gewährt.

Die Bevölkerung sah im Hiasl den Sozialrebell, der ihre geheimen Wünsche umsetzte. Das zwang die Obrigkeit bald zu Gegenmaßnahmen. Dabei wurde auch Klostermayr gefasst und er musste neun Monate im Zuchthaus in München verbringen. Nach der Entlassung wollten seine Kameraden auf den glänzenden Schützen und findigen Kopf ebenso wenig verzichten wie die Bauern. Er blieb zunächst schwankend, ließ sich aber dann doch noch von ihnen umstimmen und wurde zu ihrem Anführer ernannt. Er nutzte geschickt die deutsche Kleinstaaterei und hielt sich vornehmlich in einem Gebiet auf, wo mehrere Herrschaften aneinanderstießen. Der von ihm virtuos beherrschte regelmäßige Wechsel von einem Territorium in das andere schützte ihn vor Verfolgung und steigerte seinen Bekanntheitsgrad.

Er scheute nicht, wie andere Wildschützen, die Öffentlichkeit, wurde immer dreister und von der Bevölkerung als Volksheld gefeiert, was die Obrigkeit veranlasste, ihn nun durch massive Nachstellungen unter Druck zu setzen. Dies hatte zur Folge, dass er immer rabiater gegen die Jägerschaft und Amtspersonen sowie gegen alle, die ihm nach dem Leben trachteten, vorging, in der Absicht, dass er mehr gefürchtet würde und keiner von ihnen etwas gegen ihn zu unternehmen wage. Dadurch begann sein guter Ruf zu sinken und mancher Wohlgesinnte wandte sich von ihm ab.

Sonderkommando

Am 22. Juni 1769 gelang es den Abgesandten des Schwäbischen Kreises endlich, ein gemeinsames Vorgehen, mit allen Rechten und Handhabungen vor Ort, zu verabreden. Hierzu wurde ein Sonderkommando unter der Führung des erfah­renen Premier-Leutnants Josef Schedel aufgestellt, der den Befehl erhielt, die Klostermayr-Bande so lange zu verfolgen, bis er ihrer habhaft würde und den Anführer tot oder lebendig den Gerichten zu überliefern, was schließlich nach zusätzlicher steckbrieflicher Fahndung am 14. Januar 1771 auch gelang.

Klostermayrs Hinrichtung war alles andere als eine eindrucksvolle Demonstration der Staatsmacht. Die Bevölkerung zeigte sich von der grausamen Prozedur wenig beeindruckt. Dessen Tod war der Auftakt für eine Fülle von Biografien und Schriften, die ihn weit über die Grenzen Bayerns hinaus berühmt machten. Sagenhafte Erzählungen kursierten und unzählige Lieder entstanden, die mündlich, bei Jahrmärkten oder durch Flugblätter verbreitet wurden. Seine Vita wurde in Volksstücken und sentimentalen Romanen verarbeitet – bis heute ist der Bayerische Hiasl unsterblich geblieben.

von Paul Jörg

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