Hirschzeller wollen weitere Abfahrt der vierspurigen B12 verhindern

Bedrohte Idylle?

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Vor der Stadtratssitzung meldeten rund 30 Hirschzeller ihre Bedenken zu einer Anschlussstelle der vierspurigen B12 an und übergaben eine Unterschriftenliste an OB Stefan Bosse (Mitte).

Kaufbeuren-Hirschzell – Im südöstlichen Stadtteil regt sich Widerstand. Einige Hirschzeller fühlen sich auf die Hörner genommen, denn sie wollen nach dem vierspurigen Ausbau der B12 keine Abfahrt Hirschzell. Dass es so weit kommen könnte, befürchten sie, da die Errichtung einer Anschlussstelle in Kaufbeuren Süd am Dienstag Thema im Stadtrat war. Um Oberbürgermeister Stefan Bosse ihre Missbilligung dieses Vorhabens vor Augen zu führen, sammelten die Gegner insgesamt knapp 300 Unterschriften, die rund 30 Hirschzeller dem OB in der Bürgersprechstunde vor der Stadtratssitzung vorlegten und ihr Anliegen vorbrachten. Bosse widersprach den Bedenken.

Wie berichtet, bietet sich aus Sicht der Verwaltung eventuell die Möglichkeit, die demnach „sinnvolle Abfahrt zu realisieren“. Der Bauausschuss hatte vor zwei Wochen schon einstimmig grünes Licht gegeben. Nun musste der Stadtrat darüber entscheiden. Zuvor allerdings wandten sich verschiedene Bürger aus dem Stadtteil, sowie Vertreter des Dorfforums Hirschzell und Eltern samt dem Leiter der Grundschule an OB Bosse. Das Argument von Petra Echtler, Anwohnerin an der Frankenrieder Straße, der Verkehr würde bei Realisierung einer Abfahrt zunehmen, entkräftete Bosse vehement. „Wer soll deswegen zusätzlich kommen?“ Im Grunde würden vor allem die Hirschzeller selbst diese Abfahrt benutzen. Ein Verkehrsgutachten gehe von 3900 Fahrzeugen am Tag – was rund ein Drittel Mehrbelastung bedeute – aus, sagte Stadtplaner Manfred Pfefferle. Dadurch würde die Straße Am Hang, die bisher genutzt wird, um nach Hirschzell zu gelangen, entlastet. Was in der Frankenrieder Straße ablaufe, sei laut Bosse ohnehin eine „müde Veranstaltung“ im Gegensatz zum Am Hang. „Der Verkehr verteilt sich dann anders“, erklärte Bosse. 

Auch Markus Pelz‘ (Dorfforum) und Echtlers Einwand, Lebensqualität sei ein Standortfaktor und Hirschzell eine Idylle und man müsse dann mit vermehrtem Verkehrsaufkommen „fertig werden“, hatte Bosse etwas entgegenzusetzen. Was sollten denn die Anwohner der Sudetenstraße oder Neugablonzer Straße sagen? Die Frankenrieder Straße sei eine Haupterschließungsstraße, aber unter diesen eine der am wenigsten belasteten. Natürlich bringe eine solche Anschlussstelle Veränderungen und Umnutzungen mit sich, so der Rathauschef. Die Hirschzeller müssten dann zukünftig nicht mehr durch die Stadt fahren.

Er erklärte auch, dass man erst am Anfang stünde, momentan lediglich Verhandlungen mit den staatlichen Vorhabenträgern im Raum stünden. Planungen gebe es heute noch nicht, so Bosse. Wenn der Stadtrat empfehle, in Verhandlungen einzutreten, würde es unter anderem noch ein Planungsfeststellungsverfahren geben. Bis eine Anschlussstelle an der Frankenrieder Straße überhaupt kommen könnte, würden wohl noch etwa acht Jahre vergehen. Und der Bund würde das nur realisieren, wenn die Stadt ihm gute Gründe dafür liefere. Überörtlich habe die Frankenrieder Straße keine Relevanz. Bevor Geld ausgegeben würde, würde sich die Verwaltung Gedanken über den weiteren Verlauf der Verkehrsführung (Kreisverkehre, Radwegführung) machen. Dies auch im Hinblick auf die Sicherheit der Schulkinder, die der Leiter der Grundschule, Gerald Reglin, ansprach.

Kaufbeuren sei bei der Steuerkraft auf dem letzten Platz der 25 kreisfreien Städte in Bayern, weil es keine vierspurige Straße gebe, die nach Kaufbeuren führe. Mit weiteren Anschlussstellen könnte sich auch mehr Gewerbe dort ansiedeln, das für mehr Steuereinnahmen in der Stadt sorgen würde. Dass im Zuge dessen mehr Lkws nach Hirschzell kämen, hielt Bosse für abwegig. Selbst Buchloe habe drei Anschlussstellen an der A 96.

Stadtrat beschließt Verhandlungen

In der anschließenden Stadtratssitzung war sich das Gremium einig, dass man die Bedenken der Abfahrtgegner ernst nehme. Dennoch stimmten nur Gertrud Gellings (CSU) – aus der Verantwortung für alle Kaufbeurer und der geäußerten Bedenken –, Martina Wischhöfer („Die Straße soll sich dem Menschen anpassen, nicht der Mensch der Straße“) und Helga Ilgenfritz (beide SPD) dagegen. Letztere begründete ihre Entscheidung damit, dass die Ausfahrt mit erhöhtem Flächenverbrauch einhergehe, „wir aber ohnehin unser Land zupflastern“ würden. 

Dr. Thomas Jahn bekräftigte die Pro-Stimmen der CSU-Fraktion damit, dass die ehemaligen Befürchtungen bei der Abfahrt Germaringen nicht eingetreten seien. So werde sich das auch für die Frankenrieder Straße einstellen. SPD-Fraktionsvorsitzende Catrin Riedl sagte, die Bürger stünden im Vordergrund, nicht wirtschaftliche Interessen. Dennoch sei sie für eine Voruntersuchung. Auch 3. Bürgermeister Ernst Holy (KI) stimmte dafür, Verhandlungen aufzunehmen, die Bedenken der Bürger und alles weitere in einem Konzept zu bündeln – „zum Wohle der Stadt“. Volker Kollmeder (Freie Wähler) zufolge wäre es der falsche Weg, jetzt schon die Türen zu verschließen. Gute Lösungen, die beispielsweise ein Tempolimit und Lärmschutz beinhalten könnten, forderte Ulrike Seifert (Grüne). Ihr Kollege Oliver Schill bekräftige dies: „Wir werden den Prozess kritisch begleiten“. Und 2. Bürgermeister Gerhard Bucher erwähnte, er wolle sich keinen Vorwurf machen lassen, dass man die Sache nicht untersucht hätte.

von Martina Staudinger

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