Hochzeit am Rio Bravo

Es war einmal ein Rinder- (und/oder Schweine-) Baron, der die Schlachthöfe im fernen Chicago mit Vieh belieferte. Der hatte einen Sohn, genannt „der kleine Prinz", der in seinen Jugendjahren abenteuerlustig von Chicago an den texanischen „Rio Bravo" zog, wo er mit allerlei kampferprobten Burschen zusammen traf. Dabei wurde bei ihm der Wunsch geweckt, sich freiwillig bei einer texanischen Einheit zu melden, um für „die Grauen" in den amerikanischen Bürgerkrieg zu ziehen.

Gleich im ersten Kriegsjahr (1861) traf er nahe der östlichen Kriegsschauplätze ein gar liebreizend Mägdelein, dereinst nahe der Kaiserburg der Freien Reichsstadt Nürnberg, als Patriziertochter geboren. Der Vater diente als Major und Kommandeur eines größeren Artillerie-Verbandes für die Konföderation. Um sich die Gunst der Holden rasch zu sichern, beschloss er, um ihre Hand anzuhalten, der Schritt vor den Friedensrichter war schnell getan. Da beide protestantisch erzogen waren, sollte also ein Geistlicher ausfindig gemacht werden, der bereit war, das kirchliche Zeremoniell nach evangelisch-lutherischem Ritus am Rio Bravo zu vollziehen. Behufs dessen kam also der zuständige Polizeibeamte (Marshal) dieses verschlafenen Provinznests, dortselbst als Reverend mitunter tätig, ins Gespräch. Es wurden Verbindungen genutzt, denn in dieser Gegend ist der persönliche Kontakt zu den Menschen auf den weit entfernten Farmen noch ein echtes Bedürfnis. Eine Wiese wurde dazu gepachtet, um die Zelte der teils von weit her kommenden Hochzeitsgäste aufzunehmen. Ein weiteres Stück stand zur Unterbringung der Pferde bereit und die Wagen und Kutschen konnten beim Bürgermeister abgestellt werden. Soweit war also alles geregelt, der „kleine Prinz" fand's gut vorbereitet. Nicht jeder kommt rein Dass natürlich die Nachbarn am Rio Bravo - zwar allesamt katholisch - davon ausgingen, dass sie dieses Schauspiel – zudem noch evangelisch – miterleben durften, denn so oft kam in dem verschlafenen Provinznest, das vor 20 Jahren begründet wurde, solch ein Ereignis nicht vor. Und so zogen sie ihr Festtagsgewand, das sie seit ihrer Auswanderung aus Bayern stets im Kasten verwahrten, an, um als Zaungäste dabei zu sein. Es wollte keiner der 14 Anwesenden verköstigt werden, nur schauen. Da kam – gänzlich überraschend für den zuständigen Marshal – die harte Linie des „kleinen Prinzen" aus Chicago zum Tragen. Es war mehrmals darauf hingewiesen worden, dass die Nachbarn zusehen wollten. Er hatte dafür ein Sichtfeld vorgesehen, das aber, wie sich zeigte, kaum Sicht gewährte. Als am Tag vor der Trauung er seine Wachen einschwor, kam der bedeutungsvolle Satz über seine Lippen: „Es kommt keiner rein, der aussieht wie Schwein, oder so!" Bei diesem Satz kam vermutlich seine „Ausbildung" in Chicago zum Vorschein. Alles nur ein Märchen Der 1. Bürgermeister der County-capital war völlig frustriert, weil seine Frau eine Torte für das Brautpaar gebacken hatte, die er bei der Gratulationscour den Hochzeitern überreichen wollte. Er ist natürlich wütend abgezogen. Und der Besitzer der bereitwillig zur Verfügung gestellten Wiese meinte: „Das ist mir auch noch nicht passiert, dass mir einer den Zutritt auf mein eigenes Grundstück verbietet“. Der Provinz-Referend und sein Gemeinderat war anschließend bemüht, die Wogen wieder zu glätten. Halbwegs ist es gelungen. Eine angemessene Entschädigung für die Nutzung der zusätzlichen Wiese wurde in Form von „Dieselross-Öl" und kubanischen Kaffee für die Damen von der Community übernommen. Übrigens: Die Trauung durch den protestantischen Pfarrer kam bei den anwesenden Menschen sehr gut an. Wie gesagt, das „Märchen" ereignete sich 1861 und ist keineswegs in die heutige Zeit übertragbar. Mögen die Beiden fortan in Glück und Zufriedenheit miteinander leben (gelebt haben).

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