„Höchst kritisch“ fürs Landschaftsbild

Gutachten zum Gewerbegebiet „Saliterstraße“ bestätigt Bedenken einiger Stadträte

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Die Baumassen (graue Gebäude) zeigen laut dem Gutachten den starken Eingriff in die Stadtstruktur und den Freiraum.

Marktoberdorf – Die anvisierten Erweiterungsbauten der Firma Hubert Schmid im Gewerbegebiet Saliterstraße wird als „höchst kritisch“ für das Landschaftsbild und die angrenzenden Wohnanlagen angesehen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Unabhängigen Architekturbüros Schirmer Architekten + Planer, das dem Marktoberdorfer Stadtrat am Montag vorgestellt wurde.

Wie berichtet, will das Markt­oberdorfer Bauunternehmen auf dem Areal einer ehemaligen Kiesgrube seine Firma erweitern. Die Pläne sehen unter anderem vier große Hallen vor. Vor allem mit Blick auf die Höhe der Objekte (Firsthöhe von 17,50 Meter, was sechs Vollgeschosse entspricht) und dem Lärmschutz gab es im Vorfeld immer wieder Kritik an dem Vorhaben. Aus diesem Grund entschied der Stadtrat Ende Januar auf Antrag einiger Stadträte mehrheitlich, ein unabhängiges Büro mit einem Gutachten zu beauftragen, das Gewerbegebiet an der Saliterstraße im Hinblick auf seine Nachhaltigkeit und künftige städtebauliche Entwicklung im Kontext der bestehenden Bebauung zu bewerten.

Die Analyse aus städtebaulicher Sicht zeigt demnach, dass das geplante Vorhaben in der Art der Gestaltung auf diesem exponierten Standort auf Grund der negativen Auswirkungen sowohl in Bezug auf das Landschaftsbild als auch die Qualität des Wohn­umfelds für die angrenzenden Wohnanlagen „höchst kritisch“ zu bewerten sei, so Professor Martin Schirmer. Vor allem die Dimension und Größe der Hallen würden nicht ins Umfeld passen. Laut Gutachten sei zu befürchten, dass durch dieses Vorhaben die positive Entwicklung in der Umgebung mit ihren hochwertigen Tourismusangeboten „schwerwiegend belastet“ werde. „Dies gilt umso mehr, als der attraktive Weitblick in die Landschaft zum Markenkern der im Umfeld befindlichen Hotelanlage ‚Weitblick‘ gezählt werden muss“, so Schirmer. Gleiches gelte auch für die angrenzenden hochwertigen Wohnanlagen. Der Maßstabskonflikt dokumentiere laut Gutachten auch den Nutzungskonflikt zwischen Wohnen und Gewerbe. „Die Situation, die sich in den letzten Jahrzehnten hier herausgebildet hat, muss als Gemengelage bezeichnet werden, die eine grundsätzliche städtebauliche Ordnung vermissen lässt“, resümierte Schirmer.

Ferner komme durch die Randlage des Gebietes dem Standort als Stadteingang eine städtebauliche Bedeutung zu. Dieser werde zur Zeit durch geringe Zugangsqualitäten geprägt. Auch der Übergang von Stadt und Landschaft sowie das Landschaftsbild würden durch diese Vorhaben eine „starke Störung“ erfahren, so der Fachmann.

Grundsätzlich könne sich der Experte auch zukünftig eine gewerbliche Entwicklung an diesem Standort vorstellen. Dabei müsste jedoch die Höhe der Gebäude im Blick behalten werden.Ungelöst bliebe dann aber immer noch die Verbindung mit der angrenzenden Stadtstruktur sowie die ungelöste Gestaltung des Stadteingangs.

Alternativ schlug der Gutachter die Entwicklung eines „nutzungsdifferenzierten Gewerbequartiers“ vor. Unter Berücksichtigung der besonderen topografischen Situation könnten hier attraktive Adressen für Dienstleistung, Handwerk und Gewerbe entwickelt und schrittweise umgesetzt werden. Damit könnte auch ein sanfter Übergang zur angrenzenden Landschaft erreicht werden, wobei die jeweiligen Gebäudehöhen die Gesamthöhe von drei Vollgeschossen, also neun Meter, nicht übersteigen sollten. Auf der Grundlage dieses Höhenrahmens wären auch der Übergang zum nördlichen Wohngebiet gut zu bewerkstelligen und damit gute Voraussetzungen für einen attraktiven Eingang im Süd-Osten der Stadt gegeben, so der Experte. Zu Gunsten der Qualitätssicherung empfahl Schirmer, die Grundlagen für die zukünftigen Gebietsentwicklung durch das konkurrierende Verfahren eines städtebaulichen Wettbewerbs zu ermitteln. Hier sei neben einer engen Kooperation zwischen Grundstückseigentümer und der Stadt auch die Einbindung der Bürger in die Projektentwicklung denkbar.

Auch Wohnbebauung?

Professor Schirmer untersuchte auch die Frage, ob sich der Standort für eine Wohnbebauung eignen würde. Grundsätzlich sei dies möglich und stelle aus städtebaulicher Sicht eine reizvolle Perspektive dar. Jedoch dürften die Hürden für eine realistische Umsetzung ausgesprochen hoch sein.

Mehrheit der Stadträte sieht sich bestätigt

Das Gutachten bestätigte letztlich die Bedenken, die die Mehrheit der Stadträte bereits im Vorfeld geäußert hatten, erklärte Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell auf Anfrage. Das Vorhaben sei überdimensioniert, zu groß und stehe damit im Widerspruch zu dem Naherholungsangebot (Buchel), der angrenzenden Wohnbebauung und dem Hotel „Weitblick“. Hell zeigte sich aber erfreut darüber, dass das Gutachten auch Alternativen für diese brach liegende Fläche aufzeige. Jetzt müsse man warten, wie der Eigentümer der Fläche, die Firma Hubert Schmid, auf die Studie reagiert. „Wir sind mit allen Beteiligten in Gesprächen“, so Hell. Eine Diskussion mache aber nur Sinn, wenn auch der Eigentümer an Alternativen interessiert sei.

Unternehmen hat im Moment keine andere Option

Und das scheint nicht der Fall zu sein. Für das Unternehmen Hubert Schmid stehen im Gutachten die Meinung der Bürgerinitiative und von Teilen des Stadtrates. „Das Gutachten hat aus unserer Sicht keine neuen Erkenntnisse geliefert“, erklärte Brigitte Schröder, Projektentwicklung bei der Hubert Schmid Bauunternehmen GmbH auf Anfrage unserer Zeitung. Ein nutzungsdifferentes Gewerbequartier zu entwickeln sei Kernaufgabe einer Stadt. „Wir wollen auf unserem Gelände nicht für fremde Firmen entwickeln und bauen, sondern für unsere Unternehmensgruppe“, sagte Schröder. Sie räumte aber ein, dass eine Brache die schlechteste Option fürs Unternehmen wäre. „Für uns als Unternehmen ist es die beste Entwicklungsmöglichkeit, wenn wir unsere eigenen Flächen bebauen können.“

Schröder stellte klar, dass die Fläche dringend zur Erweiterung und Optimierung der Abläufe am Standort Xaver Schmid benötigt werden. „Die Stadt Marktoberdorf hat seit vielen Jahren keine Gewerbeflächen ausgewiesen. Es gibt hier keine Möglichkeit zur Erweiterung. Für uns wäre es deutlich einfacher Gewerbeflächen zu kaufen und dort zu bauen. Eine andere Option haben wir im Moment nicht“, betonte Schröder.

Darüber hinaus stellte sie mit Blick auf das Gutachten, das das Vorhaben als „höchst kritisch“ in Bezug auf das Landschaftsbild und die angrenzenden Wohnanlagen und Hotel beschreibt, die Frage: „Was war zuerst da, die Firma Xaver Schmid, die Wohnbebauung oder gar das Hotel? Der Gewerbestandort Xaver Schmid wurde im Laufe der Jahre von der Wohnbebauung eingekreist“.

von Kai Lorenz

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