In der Höhle des Löwen

Mehr Bürger als vom Veranstalter geplant waren dabei, als sich Kliniken-Verwaltungsratsvorsitzender Stefan Bosse den Fragen der Marktoberdorfer stellte.

„Schön, dass Sie sich in die Höhle des Löwen wagen.“ – Mit diesen Worten wurde vergangene Woche Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse zur Information und Diskussion im Marktoberdorfer Modeon begrüßt. Bosse folgte einer Einladung des „Bürgerforums Gesundheitswesen Marktober- dorf/Obergünzburg“ und nahm in seiner Funktion als Verwaltungsratsvorsitzender des Kommunalunternehmens Kliniken Ostallgäu/ Kaufbeuren (KU) Stellung zur beschlossenen Klinikschließung in Marktoberdorf. Bosse verschaffte sich trotz heftiger Attacken und vieler Zwischenrufe im Verlauf des Abends durch sachliche Information zunehmend Anerkennung und bekam am Ende sogar Beifall.

Doch das Brüllen des Löwen seitens der Besucher bekam zunächst der Veranstalter zu spüren. Dem Bürgerforum wurde die zu klein geratene Räumlichkeit vorgeworfen. Roland Woschny als Moderator verwies auf die Kosten in drei- bis vierstelliger Höhe für Miete und Sicherheitspersonal bei größeren Räumen. Bei der Veranstaltung von Landrat und Bürgermeister sei das anders gewesen. Bosse betonte, er wäre auch in einen großen Saal gekommen. „Ich bin froh, dass ich hier sein darf. Ich habe nichts zu verbergen“, so der OB, und weiter: „Ich kann Sie heute nicht überzeugen, dass da was richtig oder falsch gelaufen ist, denke ich, aber ich will versuchen, Ihnen einfach mal die Entwicklung aus meiner Sicht darzustellen.“ Historische Entwicklung Der Verwaltungsratsvorsitzende erläuterte die Entwicklung des KU, die 1984 mit der Vereinbarung zwischen Landkreis und Stadt über ein Schwerpunktkrankenhaus begonnen habe und die 2004 ihr Ende mit Schließung des bis dahin vorhandenen Kreiskrankenhauses in Kaufbeuren fand. Die 2007 erfolgte Fusion zum jetzigen KU war das Ergebnis einer fehlgeschlagenen Privatisierung. Die nicht erfolgreich verlaufenden Sanierungsbemühungen für die in zehn Jahren aufgelaufenen Defizite in Höhe von rund 50 Millionen Euro durch die Vorstände Wuttke und Schlichtner führten in letzter Konsequenz zu einer Beratung durch „jemand mit Kompetenz“. Die Firma Kienbaum war dann vom Landkreis ausgesucht worden. Kaufbeurer Vorschlag Für den Kaufbeurer Vorschlag zum Erhalt aller Häuser hätten im Wesentlichen zwei Dinge geführt. Einmal die Kienbaum-Bewertung, dass 2014 etwa ein bis 2,8 Millionen Euro Defizit pro Jahr anfallen könnten. Außerdem hatten sich Kreistag und Gemeindetag mit großer Mehrheit auf insgesamt maximal zwei Millionen Euro jährlich bis 2014 festgelegt, ansonsten müsse die Schließung eines Hauses erfolgen. Der Vorschlag Kaufbeurens lag genau auf dieser Linie und wurde aus Sicht Bosses bedauerlicherweise nicht angenommen. Nach der geheimen Abstimmung befragt, gab Bosse die Auskunft, dass die Idee dazu ursprünglich vom stellvertretenden Landrat Hubert Endhardt (Grüne) stammte, letztendlich der Antrag in den Sitzungen im Mai und Juli aber von Kaufbeurer Verwaltungsräten gestellt wurde. KF profitiert nicht Bosse trat der Auffassung entgegen, Kaufbeuren profitiere von der Schließung Marktoberdorfs. Auch nach dem seit fast zwanzig Jahren nun bald abgeschlossenen Umbau gebe es keine Erweiterung. Im Gegenteil, die Planbettenzahl sei immer weiter reduziert worden. Von ehemals 410 auf zukünftig 326 Betten. Ebenso nannte Bosse es schlicht einen „ausgemachten Schmarrn“, wenn jemand glaube, dass Kaufbeuren nun für die Klinik eine „Gesundung“ anstrebe, um sie anschließend zu verkaufen und den Gewinn in Kaufbeuren einzustecken. Die Frage von Günther Schmidt nach einer möglichen neuen Abstimmung im Verwaltungsrat beantwortete Bosse wie folgt: „Wenn ein Verwaltungsrat einen Antrag auf erneute Abstimmung stellt, braucht der eine einfache Mehrheit, um auf die Tagesordnung zu kommen. Für einen neuen Beschluss benötigt es wiederum eine Zweidrittelmehrheit.“ Als sich Stimmen gegen Landrat Johann Fleschhut erhoben reagierte Bosse scharf: „Sie gehen auf den Landrat los in einer Art und Weise, das ist nicht in Ordnung!“ Eine KU-Auflösung lehnte er entschieden ab. Keinerlei Anweisungen Entschieden verwahrte sich Bosse gegen die Äußerung von Johann Jung, „auf Weisung von oben“ würden bereits seit Jahren die Rettungsdienste aus dem südlichen Landkreis an Marktoberdorf vorbei nach Kaufbeuren fahren, um Marktoberdorf „auszubluten“. Zum einen sei die Notarzt-Organisation Aufgabe des Zweckverbandes für Rettungsdienst und zum anderen entscheide die Rettungsleitstelle oder der Notarzt aufgrund der Situation, welches Krankenhaus die besseren Möglichkeiten biete. Dies wurde von Günther Herold als Leiter Rettungsdienst vom BRK bestätigt. „Es braucht niemand Angst zu haben, Notarzt und Rettungswagen werden immer da sein“, so Herold. Auch Verwaltungsrat Dr. Rudolf Sprich (Grüne), der nicht in allen Punkten der Meinung Bosses war, stützte diese Auffassung und ergänzte: „Es ist nicht zielführend, wenn die Offiziellen in Stadt und Landkreis aufeinander losgehen. Der Streit darf nicht im Vordergrund stehen.“ Am Ende Beifall Bosse sieht gute Möglichkeiten für Marktoberdorf als starkes Belegkrankenhaus. Sowohl mit zukunftsträchtiger Altersmedizin als auch ambulanter Versorgung. Ein dickes Lob bekam der Vorsitzende am Ende noch von Siegfried Abletshauser, der Bosse zuvor scharf angegriffen hatte: „Wenn ich die beiden Veranstaltungen vom letzten Mal (Landrat Fleschhut, Bürgermeister Werner Himmer) und heute vergleiche, so ist mir aufgefallen, dass Sie nicht den Schwarzen Peter für die Situation an andere weiter geschoben haben“ und erntete dafür Beifall. Woschny bedankte sich bei Bosse und zog das Resümee, einige neue Fakten erfahren zu haben, die auch nach Obergünzburg transportiert würden. Dem KREISBOTEN sagte Bosse nach der Veranstaltung: „Ich bin froh, dass ich mit den Bürgern in Marktoberdorf reden konnte. Ich fand, dass die Veranstaltung sehr fair abgelaufen ist und zolle Herrn Woschny meinen Respekt. Die Anstrengung hat sich gelohnt, weil am Schluss die Argumente im Vordergrund standen.“ Armin Wittmann als Sprecher der Interessengemein- schaft konnte aus gesundheitlichen Gründen an der Veranstaltung nicht teilnehmen. In einem Gespräch mit dem KREISBOTEN erläuterte er seine wichtigsten Anliegen. Vordringlich liegt ihm der Weg für einen Konsens am Herzen, der die Zukunft des Marktoberdorfer Krankenhauses mit einer entsprechenden Notarztversorgung sichert. Es müsse gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. Dabei müssten aber die Finanzen mit einer Aufsplittung von Immobilien und Wirtschaftsbetrieb einen zentralen Punkt einnehmen. In eigener Sache Sollte in der vorletzten Ausgabe des KREISBOTEN der Eindruck entstanden sein, dass zur Krankenhausthematik keine Leserbriefe mehr veröffentlicht würden, so ist dies ein Irrtum. Dieses bezog einzig und allein auf Leserbriefe zu bislang erschienenen Artikeln. Natürlich sind Leserbriefe von Bürgern zur aktuellen Berichterstattung, wie eben obenstehender Artikel, ausdrücklich erwünscht!

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