Hoffnung in der Krise?

Bedarf an Jugendsozialarbeit an Kaufbeurer Schulen wächst

+
Die romantische Stadtrandlage trügt über die Tatsache weg, wie schwierig die Situation in einzelnen Fällen sein kann.

Kaufbeuren – Jüngst befürwortete der Ausschuss für Jugendhilfe die Erweiterung um je eine halbe Stelle für Jugendsozialarbeit sowohl an der Berufsschule als auch an der Grundschule Oberbeuren. Damit steigt für die Kaufbeurer Schulen die Zahl auf neun ganze Stellen, die sich vier Träger teilen.

Eine professionell besetzte Stelle veranschlagt Jugendhilfeplaner und Sachgebietsleiter Werner Maurer mit etwa 60.000 Euro, von denen etwa ein Viertel über den Freistaat finanziert wird. Keine freiwillige Leistung der Stadt, denn während das Bundesland für die Lehrer zuständig ist, sieht sich die Kommune bei der Jugendsozialarbeit in der Pflicht. Die Statistik seit 2001 belegt, wie der steigende Bedarf immer wieder eine Anpassung notwendig macht.

Nehmen wir die Berufsschule, deren Bedarf an sozial-pädagogischer Hilfe Cornelia Nieberle-Schreiegg, Konrektorin der Berufsschule, engagiert vor dem Ausschuss vertrat: Bisher wurden 2.500 Schüler, auf zwei Standorte (Josef-Fischer-Str./Adolph-Kolping-Str.) verteilt, von einer Halbzeitkraft betreut. Hatte die Jugendsozialarbeiterin 2015 etwa 50 Einzelfälle zu betreuen, war diese Zahl im vergangenen Jahr bereits auf 111 angestiegen.

Ein breites Arbeitsfeld

Psychische Probleme, die mit etwa 20 Prozent die Aufgabenliste anführen, bräuchten oft eine intensive, dauerhafte Begleitung. Konflikte in der Familie, mit dem Arbeitgeber und mit Mitschülern, machten ebenfalls einen nicht unwesentlichen Anteil der sozialen Arbeit aus. Verweigerung am Arbeitsplatz oder in der Schule lassen sich nicht einmal so auf die Schnelle durch „disziplinarische Maßnahmen“ des Fachlehrers oder des Ausbildungsmeisters nachhaltig klären.

Tatsache bliebe, dass ein nicht unerheblicher Teil der Berufsschulpflichtigen nicht oder nur sehr bedingt ausbildungsfähig sei. Michael Böhm, Leiter des Stadtjugendrings, unterstrich, betroffen seien Schüler aus allen sozialen Schichten, unabhängig von der Herkunft, und nicht etwa nur Schüler mit Migrationshintergrund. Nieberle-Schreiegg erklärte dazu, dass die Integration dieser Jugendlichen auf dem Hintergrund von fehlenden Sprach- und Schulkenntnissen eine besondere Herausforderung darstellten. Dies belege auch die Abbrecher-Quote, die bei rund 20 Prozent liege.

Besondere Aufmerksamkeit brauchen Jugendliche, die trotz wirtschaftlich guter Gesamtlage noch keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz gefunden hätten. Einen deutlich erhöhten Förderbedarf käme auch von Schülern, bei denen absehbar sei, dass ihre Stelle auf dem Hintergrund von persönlichen Problemen gefährdet sei.

Die Stadt unterstützte den von Nieberle-Schreiegg dargestellten Antrag, da auch vergleichbare Berufsschulen in der Region inzwischen über eine ganze Stelle verfügten. Kathrin Zajicek, sozial engagierte Stadträtin für die FDP, vertrat sogar die Ansicht, auch eine Stelle sei deutlich zu wenig.

Oberbeuren braucht Hilfe

Die Situation in Oberbeuren sieht nach Aussage von Rektor Daniel Novak folgendermaßen aus: Durch das Angebot von günstigen Sozial-Wohnraum sei die Notwendigkeit für sozialpädagogische Betreuung gestiegen. Von der festen halben Stelle erwartete er sich nun folgende Verbesserung: Die Jugendsozialarbeiterin könne sich intensiv, langfristig und nachhaltig mit Kindern auseinandersetzen, die eine sozial-pädagogische Unterstützung bräuchten. Zudem seien auch gezielte Gruppenarbeit wie zum Beispiel Anti-Gewalttrainings als präventive Maßnahmen durchführbar.

Die Nachfrage, ob eine solche Stelle auch in der Grundschule Hirschzell denkbar sei, verneinte Maurer. Die festgesetzten Kriterien für die Bedarfsbestimmung einer Stelle seien dort nicht gegeben. Der Migrationsanteil der Schüler liege unter 20 Prozent. In Oberbeuren sei diese Grenze jetzt überschritten worden. Auch die festgesetzte ALG II Quote (Arbeitslosengeld II), sowie die Schülerzahl von knapp 100 Schülern genüge in Hirschzell nicht den Vorgaben.

Kommentar

Noch nicht über dem Berg

Die vorgelegten statistischen Zahlen geben nur einen unvollkommenen Eindruck von der desolaten Situation in manchen Klassen wider. Längst ist es kein Einzelfall mehr, dass ein Lehrer in seiner Klasse auf verlassenem Posten kämpft. Besonders problematisch sind meiner Erfahrung nach die letzten Klassen der Mittelschulen, die Teilnehmer am Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) und die sogenannten JoA-Klassen in der Berufsschule, also Jugendliche, die keinen Arbeitsplatz haben. Drogen- und Alkoholmissbrauch, offene und verdeckte Gewalt sowie Schulverweigerung und Respektlosigkeit gehören auch zum Schulalltag der kleinen Städte im Allgäu.

Lehrer, Schulen und auch die zuständigen Stellen bei der Stadt kommen trotz erheblicher gemeinsamer Bemühungen an ihre klaren Grenzen, und das nicht nur erst seit der Flüchtlingswelle. Die Lösung, soweit überhaupt möglich, ist nicht nur eine Frage der finanziellen Hilfsmittel und der personellen Besetzung, aber Anlass zum Sparen an der falschen Stelle gibt es auch nicht. Tatsache bleibt: Auch mit der neuen Anpassung sind wir alles andere als über den pädagogischen Berg, denn wir können diese Jugendliche mit ihren Problemen nicht sich selbst überlassen.

von Peter Suska-Zerbes

Auch interessant

Meistgelesen

Ansichten und Grundrisse fürs Wohngebiet auf Gelände des Marktoberdorfer Krankenhauses
Ansichten und Grundrisse fürs Wohngebiet auf Gelände des Marktoberdorfer Krankenhauses
Energie aus Klärschlamm
Energie aus Klärschlamm
Buchloe-Lindenberg: Staatliches Bauamt informiert Bürger zum Ausbau der B12
Buchloe-Lindenberg: Staatliches Bauamt informiert Bürger zum Ausbau der B12
Aktionstag: Selbst (er-)fahren im Heinzelmannstift Kaufbeuren
Aktionstag: Selbst (er-)fahren im Heinzelmannstift Kaufbeuren

Kommentare