Weiterhin allein gelassen

Hotellerie und Tourismus im Ostallgäu skizzieren düsteres Bild

Gastro_Außenbereich Elbseerestaurant
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Weiterhin keine Perspektive: So wie hier im Elbseerestaurant bleibt überall auch die Außengastronomie geschlossen.

Ostallgäu – Die Corona-Pandemie macht die Menschen in der Region mürbe. Hinzu kommen die Entscheidungen der Politik, die viele nur noch mit Kopfschütteln missbilligen. Vom Tisch ist die geplante so genannte Osterruhe, die vorsah, das öffentliche Leben von Gründonnerstag bis Ostermontag fast vollständig herunterzufahren. Keine guten Nachrichten gab es auch für die Hotellerie und Gastronomie, die wenigstens auf leichte Lockerungen hofften. Alles bleibt geschlossen.

„Ich bin frustriert“, bringt es der Ostallgäuer Dehoga-Vorsitzende und Füssener Hotelier Wolfgang Sommer gleich auf den Punkt. „Wir können nach Mallorca fliegen und die Gastronomie und die Hotels in unserer Region müssen weiterhin geschlossen bleiben. Ich verstehe nicht, warum wir ein Ventil ins Ausland öffnen.“ Urlaub daheim in den Osterferien ist aktuell eine große bis schier unmögliche Herausforderung. Denn auch Pensionen und Ferienwohnungen müssen weiterhin geschlossen bleiben. Für den Unternehmer ist diese Regelung ein erneuter Schlag ins Gesicht.

Sommer verweist besonders auf die hohe Bürokratie in unserem Land. „Wir stehen uns bei den Entscheidungen doch selbst im Weg“, kritisiert er die aktuelle Lage im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Hotelier hofft natürlich auf eine baldige Wende und Lockerungen. „Wenn wir doch wenigstens die Biergärten öffnen könnten“, muss sich auch Sommer den aufgebrummten Corona-Bestimmungen weiterhin beugen. Man fühle sich wie in einem luftleeren Raum. Eine Planungssicherheit sei überhaupt nicht gegeben. „Es wird ein toller Sommer. Nur weiß ich jetzt nicht, wann er beginnt.“ Die Menschen wollen wieder einen Ausgleich, in ein Restaurant gehen. Dass ihnen das nicht möglich gemacht wird, sei ein enormer Verlust an Lebensqualität. Zu allem Übel seien bis jetzt noch nicht einmal die Dezember-Hilfen bei vielen Gastronomen und Hoteliers eingetroffen. „Viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die sich bereits etwas für ihre Altersversorgung zurückgelegt haben, müssen jetzt an ihr Erspartes heran. Das ist ein dramatischer Zustand“, betont der Ostallgäuer Dehoga-Vorsitzende.

Nicht nur Gastgewerbe betroffen

Ein ähnlich düsteres Bild malt auch Füssens Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier. Seiner Meinung nach würde die Situation mit jeder Verlängerung des Lockdowns nicht nur für das Gastgewerbe erschwert, sondern auch für alle mit ihm verflochtenen Gewerke und Geschäfte des Einzelhandels und der Dienstleistung. „Letztlich wird ganz entscheidend sein, wie lange und in welchem Umfang Notfallhilfen bereitstehen, um touristische und damit verbundene Unternehmen wirtschaftlich abzusichern.“ Er macht in dem Zusammenhang aber auch deutlich, „dass man den Tourismus nicht nur eindimensional aus der Brille des Gastgewerbes betrachten darf.“ Wichtig seien auch Kulturschaffende, Einzelhändler und Freizeitangebote. Fredlmeier ist überzeugt, dass unter jedem wegfallenden Angebot die Attraktivität der Tourismusregion, aber auch der gesamte Lebensraum leiden wird. Deutlich wird der Tourismusdirektor bei den Kausalitäten: „Auslöser sind nicht die von der Politik beschlossenen Maßnahmen, sondern eine Pandemie, die die Politik zu solchen Beschlüssen zwingt“.

Dennoch sei die Stimmung inzwischen deutlich schlechter als beim ersten Lockdown. „Die Tourismusbranche, die für das herausragende Tourismusland Bayern eine Leitökonomie darstellt, fühlt sich vielfach mit ihren Anliegen nicht ausreichend wahrgenommen. Dies bezieht sich weniger auf das Einfordern eines Zeitpunktes für die Öffnung bei gleichzeitig steigenden Inzidenzen, sondern vielmehr auf einen klaren Fahrplan, wie und in welchen Stufen sich eine Öffnung vollziehen kann, wenn es die Infektions- beziehungsweise Impflage zulässt, und damit zusammenhängende transparente Kriterien für die Öffnungsschritte.“ Fredlmeier macht unmissverständlich klar: „Wir gehen mit der Bedrohungslage sehr verantwortungsvoll um und fordern nichts Unmögliches!“ Die Branche wünsche sich ein offenes Ohr für Szenarien einer sicheren Öffnung in enger Vernetzung mit einer Teststrategie. Von einem Tag auf den anderen könne kein Hotel öffnen, so Fredl­meier. Auf Unverständnis stößt bei ihm auch die Tatsache, dass Flugreisen nach Mallorca möglich sind, die heimischen Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen weiterhin nicht öffnen dürfen. „Skurril ist zudem der Umstand, dass aktuell ein Madrilene keinen Urlaub auf Mallorca verbringen darf, ein deutscher Tourist aber schon. Wie sich mit der touristischen Öffnung die Inzidenzen auf Mallorca verändern, bleibt abzuwarten und wird einen groben Rückschluss auf die Risiken zulassen, die mit einer Öffnung in Deutschland verbunden sind.“

Auch Wirtschaft besorgt

Unterdessen zeigt sich auch die Wirtschaft über die Arbeitsweise der Bundes- und Landesregierungen zunehmend besorgt. In einer Pressemitteilung der IHK Schwaben heißt es, die politischen Entscheidungsträger seien mit der Krise überfordert. Bereits zu Jahresbeginn schickte der seit über viereinhalb Monaten andauernde Lockdown die bayerisch-schwäbische Konjunktur auf Talfahrt. Mit Ausnahme der Industrie, die in China und den USA gute Geschäfte macht, und der Bauwirtschaft, die unverändert vom niedrigen Zinsniveau profitiert, wurden alle Branchen vom Abwärtstrend erfasst. Große Sorgen bereiten der IHK Schwaben bereits jetzt die sichtbaren Folgen im Bildungssektor. 2021 werde ein weiterer Jahrgang mit geringeren Bildungschancen. Dr. Marc Lucassen, Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben, kritisiert das bisherige Krisenmanagement der Politik: „Es führt zu einem erheblichen Vertrauensverlust in die Handlungs- und Leistungsfähigkeit des Staates. Trotz Infektionsgefahr muss das gesellschaftliche und das wirtschaftliche Leben normalisiert werden.“ Bis die Impfkampagne Wirkung zeige, sei eine intelligente Teststrategie der Königsweg. Das „Tübinger Modell“ sollte daher schnell für weitere Innenstädte Vorbild werden, heißt es von Seiten der IHK Schwaben.

von Stefan Günter

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