Huckepack im Dunkel der Nacht

Eurofighter kommt auf Tieflader für die Ausbildung nach Kaufbeuren

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In der Abenddämmerung rollt der Spezialtransport hier auf der gesperrten B17 in Begleitung von Fahrzeugen mit Helfern Richtung A96 auf dem Weg nach Kaufbeuren.
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Nahezu gespenstisch mutet der Spezialtansport mit dem Eurofighter an, der sich hier im letzten Licht des Tages auf dem Weg von Lagerlechfeld nach Kaufbeuren befindet.
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Kaufbeuren – Der Start für die Akteure eines ungewöhnlichen Transportes begann im strömenden Regen. Vom Fliegerhorst in Lechfeld aus bewegte sich ein Eurofighter Typhoon (EF) – so die vollständige Bezeichnung – bestens verpackt und verzurrt auf einem Tieflader nach Kaufbeuren zur Abteilung Süd des Technischen Ausbildungszentrum der Luftwaffe (TAZLw Abt Süd).

Hintergrund für diese Aktion ist der routinemäßige Austausch von Luftfahrzeugen für die Ausbildung der Luftfahrzeugtechniker, damit diese immer an aktuellen Systemstandards ausgebildet werden können. Bisher waren die Strahlflugzeuge aber am Fliegerhorst gelandet, was derzeit nicht möglich ist. „Es hat alles bestens geklappt“, freute sich Oberstleutnant Max-Joseph Kronenbitter, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Ausbildungsverband.

Nach Freigabe durch die Polizei startete der Transport wie geplant um 20 Uhr an der Ulrichkaserne auf dem Lechfeld. Ab der Ausfahrt Kleinaitingen auf der Bundesstraße 17 ging es Richtung Süden auf allen für die vorgesehene Route gesperrten Straßen. Mittlerweile hatte auch der Wettergott ein Einsehen und der weitere Fahrtverlauf verlief ohne Regen. Begleitet von Polizei, Feldjägern und weiteren Bundeswehrangehörigen führte die Fahrt über die Anschlussstelle Landsberg - West (21.45 Uhr) auf der Autobahn A 96 bis Buchloe (22.20 Uhr) und weiter auf der Bundesstraße 12 nach Kaufbeuren. Den großen Anschlusskreisel an der B 12 am Ortseingang in Kaufbeuren erreichte der von einem zivilen Transportunternehmen durchgeführte Spezialtransport um 23.30 Uhr.

Im Schritttempo

Ab hier begannen die Herausforderungen, welche mit Unterstützung des städtischen Bauhofes und Speditionsmitarbeitern bewältigt werden mussten: der Abbau von Ampeln und Verkehrsschildern oder auch der ein oder andere Baumast, der zur Seite gezogen werden musste. Über die Moosmangstraße ging es nunmehr im Schritttempo über die Neugablonzer Straße Richtung Innenstadt. Hier sorgte noch eine Ampel für eine kleine Verzögerung, sodass um 0.40 Uhr des neuen Tages die Spittelmühle erreicht wurde. Das letzte Wegstück führte vorbei am Plärrer und über die Kemptener Straße bis zur Apfeltranger Straße. Um 1.40 Uhr passierte das Luftfahrzeug schließlich das Tor in den Fliegerhorst. Hier waren am Ende der Fahrt noch einmal viel Fingerspitzengefühl des Fahrers und ein gutes Teamwork der Begleitmannschaft gefragt – nur wenige Zentimeter waren rechts und links der Tragflächen frei. Auch Oberst Martin Langer als Kommandeur der Abteilung Süd zeigte sich erfreut: „Das ist wie an Weihnachten eine Mischung aus Spannung und Erwartung über ein kostbares Geschenk.“

Ausbildung und Austausch

Im Technischen Ausbildungszentrum der Luftwaffe Abteilung Süd Kaufbeuren wird unter anderem das gesamte technische Personal für den Betrieb des Waffensystems Eurofighter ausgebildet. Neben theoretischen Unterrichten zum Systemverständnis und zu den anzuwendenden Verfahren sowie praktischen Anteilen an Simulatoren und Trainern, ist auch die Arbeit am realen Luftfahrzeug unerlässlich. Zu diesen Ausbildungszwecken befinden sich derzeit drei Eurofighter in Kaufbeuren. Damit diese Ausbildungsmittel auf dem aktuellen Stand bleiben und die Gesamtflotte hinsichtlich des Ausbildungs- und Einsatzflugbetriebs möglichst gleichmäßig belastet wird, werden diese Luftfahrzeuge regelmäßig ausgetauscht. Die erstmalige Zuführung eines EF für die Ausbildung auf diesem Wege war notwendig geworden, weil die Start- und Landebahn des Kaufbeurer Fliegerhorstes derzeit für Strahlflugzeuge gesperrt ist.

Der letzte Austausch eines Eurofighters erfolgte im Jahr 2014 (Landung im Fliegerhorst Kaufbeuren und Straßentransport zur Industrie von Kaufbeuren nach Manching). Das jetzige Luftfahrzeug mit dem Taktischen Kennzeichen 31+10 kommt vom Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelke“ in Nörvenich und ist bei etwa 500 Einsätzen gut 600 Stunden in der Luft gewesen. Es entspricht dem neuesten Stand des Einsatzmusters in den entsprechenden Konfigurationen. In wenigen Wochen wird der auszutauschende Eurofighter von Kaufbeuren zu Airbus nach Manching bei Ingolstadt transportiert, wo er nach zehn Jahren als technisches Ausbildungsflugzeug für die Wiederinbetriebnahme und Übergabe an ein Taktisches Luftwaffengeschwader etwa ein Jahr lang vorbereitet wird. Im Juli/August 2020 wird auf die gleiche Weise ein weiterer Eurofighter ausgetauscht.

Alternativen

Im Gegensatz zu einem Tornado-Austausch, der zerlegt transportiert werden kann, ist ein Eurofighter-Transport weit aufwendiger. Anders als beim Tornado (der ebenfalls in Kaufbeuren steht und gelegentlich ausgetauscht werden muss) können beim Eurofighter die Tragflächen nicht abgebaut werden. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das Fahrwerk bei dieser Flugzeugkonstruktion an den „Flügeln“ befestigt ist. Ein Lufttransport mit einem Hubschrauber wäre gewichtsmäßig zwar machbar, aber der Abwind durch den Rotor des Hubschraubers bei gleichzeitig etwa 50 Quadratmeter großer Flügelfläche des EF und der „Fahrtwind“ würde Flugzeug und Hubschrauber zu stark in unkontrollierbare Schwingungen versetzen.

Großer Aufwand

Von der Landung in Lechfeld bis zur Übergabe an die Ausbildungsgruppe V in Kaufbeuren dauert es etwa acht Wochen, in der Zeit sind bis zu 13 Männer und zwei Frauen tätig. Die Kosten betragen alles in allem rund 100.000 Euro. Viele Teile wie die beiden Triebwerke, das Seitenleitwerk, die Waffenträger an den Tragflächen und sensible Elektronik-Teile wurden vor dem Transport ausgebaut. Zusammen mit dem Werkzeug und speziellen Bühnen sind 13 Lkw-Ladungen schon vorher von und nach Kaufbeuren gefahren.

Zahlen und Fakten

Der EF hat einer Spannweite von 11,20 Metern, rund 15 Meter Länge und nach dem Abbau des Seitenleitwerks einer Höhe von vier Metern. Ohne Triebwerke beträgt das Gewicht knapp zehn Tonnen. Insgesamt sind hat die Bundeswehr 143 EF beschafft, die in den vier Taktischen Luftwaffengeschwadern (TaLwG) an den Standorten Laage (TaLwG 73), Neuburg (TaLwG 74), Nörvenich (TaLwG 31) und Wittmund (TaLwG 71) stationiert sind.

von Wolfgang Becker

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