Kinderklassik im Stadttheater

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Gretel stellt sich dumm und bittet die Hexe, ihr vorzumachen, wie man in den Backofen kriecht.

Kaufbeuren – „Am besten hat mir die Hexe gefallen“, „…und mir, wo sich die Gretel dumm stellt“, „… und mir das Pfannkuchenhaus“ [sic!] – so äußerten sich Kaufbeurer Zweitklässler begeistert nach ihrem gemeinsamen Theater-Besuch. Alle Kaufbeurer Schüler der zweiten Grundschulklassen waren mit ihren Lehrern im Stadttheater dabei, als die „Kinderoper Papageno“ aus Wien mit „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck dort gastierte.

Das Werk ist trotz der zu Grunde liegenden, wohlbekannten Märchenhandlung zwar eigentlich keine Oper für Kinder, sondern große deutsche Oper im Wagnerschen Stil, die eine Herausforderung für jedes Ensemble darstellt. „Papageno“ hat aber dieses Monumentalwerk durch die Einbringung von neuen, kindgerechten Handlungselementen und lustigen Prosa-Szenen als Oper für Kinder adaptiert.

 Die vier Mitglieder des Tournee-Ensembles singen nicht nur, sie fungieren auch als Erzähler, erklären das Phänomen Oper oder warum es zum Beispiel Hosenrollen gibt und stellen die unterschiedlichen Stimmlagen vor: den Bass von „Vater“ Peter Kellner, den Sopran von „Gretel“ Anna Tauber und von „Hexe“ bzw. „Sandmann“ Angela Mitterhofer sowie die Alt-Stimme von Claudia Fischer in der Hosenrolle des „Hänsel“. 

Sowohl die vorgenommenen Änderungen – vor allem die Kürzung auf eine für Kinder „verdauliche“ Länge von circa 60 Minuten – als auch ein aktives Einbeziehen des jungen Publikums sollen bei den Kindern Lust auf weitere Opernerlebnisse wecken. 

Genau das will auch das Projekt „Kinderklassik im Stadttheater“ erreichen, zu dem sich die Kaufbeurer Bürgerstiftung mit der Kulturwerkstatt und der Ludwig Hahn Sing- und Musikschule zusammengeschlossen hat. Seit 2014 bringen sie einmal pro Jahr ein Stück ins Stadttheater, das den Kindern frühzeitig Freude an symphonischer oder Opernmusik vermitteln soll. 

Opernmusik für Grundschulkinder – mögen die denn überhaupt so etwas hören? Ganz sicher – wenn man sie behutsam an diese Art Musik heranführt und sie ihnen auf kindgemäße Weise schmackhaft macht. „Jedes Kind in Kaufbeuren soll bis zu seinem 10. Lebensjahr wenigstens einmal – möglichst zusammen mit den Eltern – in unserem Schatzkästchen von einem Stadttheater gewesen sein und davon die Erinnerung an ‚ein tolles Erlebnis‘ mitgenommen haben“, fordert Johann Marschall, der Vorsitzende der Kaufbeurer Bürgerstiftung. 

Das Projekt ist bei den Kaufbeurer Schulen und beim Schulamt nicht nur auf offene Ohren, sondern geradezu auf Begeisterung gestoßen. Alle Schulen machen uneingeschränkt mit. Deshalb wurden am Vormittag sogar zwei kostenlose Schulvorstellungen, die jeweils etwa einer Schulstunde entsprechen, von den Schülern der Zielgruppe im Klassenverband besucht. 

Angesprochen sind immer die zweiten Klassen Grundschule, da laut Johann Marschall „später die Offenheit für Neues etwas abnimmt“. Diese Schüler können dann in den folgenden Jahren als Multiplikatoren auftreten, wenn sie Geschwistern und jüngeren Schülern von ihrem Theaterbesuch vorschwärmen. Eine weitere, restlos ausverkaufte öffentliche Vorstellung am Nachmittag gab Eltern, Geschwistern und anderen Interessierten Gelegenheit, an der Theatererfahrung der Zweitklässler teilzuhaben. 

2017 wird voraussichtlich wieder die Tourneeoper Mannheim eingeladen werden, da es laut Musikschulleiter Martin Klein „gar nicht so viele Ensembles gibt, die Klassisches didaktisch aufbereiten“. Die Mannheimer hatten Anfang 2015 in „Aida und der Zaubertrank“ mit Streiflichtern aus mehreren Opern ihr junges Publikum mitgerissen. 2017 soll es dann Mozarts „Zauberflöte“ werden.

von Ingrid Zasche

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