„Immer noch Tabu-Thema“

„Dem Horizont so nah“-Hauptdarsteller Luna Wedler und Jannik Schümann im Interview

+
Ab Donnerstag im Kino, heute schon im Interview.

2016 veröffentlichte Jessica Koch ihren Erstlingsroman „Dem Horizont so nah“, mit dem sie eine bewegende Liebesgeschichte über Mut, Vertrauen und Kraft erzählte und damit über 200.000 Leser in ihren Bann zog. Tim Trachte bringt die Geschichte ab dem 10. Oktober mit Luna Wedler und Jannik Schümann auf die Kinoleinwand. Darin spielen Wedler und Schümann ein Paar, dessen Liebe viel ertragen muss. Im Gespräch mit Kreisbote-Redakteurin Sandy Kolbuch sprachen sie über ihre Rollen und das ernste Thema des Films.

Ihr zwei kanntet Euch vor den Dreharbeiten nicht. Wie sah Euer Kennenlernen aus?

Wedler: Wir haben uns erst beim Casting kennengelernt. Und das war sehr speziell – Magic Moment.

Schümann: Die „Raupen-Szene“ war unsere Castingszene. Unser Blick wurde gecastet, während wir gemeinsam in diesem Raupen-Karussell sitzen.

War es denn leicht, genau diesen Moment beim späteren Dreh noch einmal zu wiederholen?

Schümann: Es war tatsächlich ganz leicht. Und es hat wahnsinnigen Spaß gemacht, dies mit Luna zu spielen.

Wedler: Es ist auch einer der schönsten Momente im Film. In diesem Augenblick verlieben sie sich ineinander und sie sieht etwas in ihm und er merkt das. Es wird alles nur über die Blicke ausgedrückt, was sehr schön ist.

Der Film reißt viele Themen an: Missbrauch, HIV-Infektion, Drogen...

Wedler: Es kommt immer wieder etwas Neues hinzu. Man denkt, jetzt ist es genug, aber dann kommt noch etwas hinzu...

Wart Ihr Euch dessen bewusst, dass so viele Themen im Film vereint werden?

Schümann: Ich habe eine Castinganfrage über die Agentur bekommen. In der Mail war gleich das Drehbuch angehängt. Tatsächlich wusste ich aber nicht, dass der Film so viele Themen beinhalten wird. Beim Lesen kam diese Erklärungsszene, was ihm in der Vergangenheit widerfahren ist. Da war ich zunächst ''geschockt'', aber dann war ich ''froh'', dass dies auf einer wahren Begebenheit basiert, weil es sich so ausgedacht anhörte.

Geht man anders mit der Geschichte um, wenn man weiß, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt?

Wedler: Bei mir spielte ein gewisser Druck mit, weil wir Jessica Koch auch kennengelernt haben. Sie hat ihre Geschichte in unsere Hände gegeben, sodass man dieser auch gerecht werden will. Es ist aber wirklich echt hart, wenn man sich beim Dreh immer wieder überlegt, dass all dies wirklich passiert ist.

Dem Horizont so nah“ ist ein Film, über den man auch im Nachhinein weiter nachdenkt und sich auch mit der Thematik beschäftigt. Habt Ihr euch im Vorfeld der Dreharbeiten mit dem Thema HIV-Infektion und Aids auseinandergesetzt?

Schümann: Wie es heute ist, bekommt man mit. Wie es damals war, wusste ich nicht und darüber habe ich mich informiert: Was bedeutete die Krankheit in den 1990er Jahren und wie sah die medizinische Behandlung aus?

Wedler: Heute ist es etwas ganz anderes, als damals. Ich finde es schade, dass die Leute immer noch nicht drüber reden. Es ist immer noch ein Tabu-Thema. Natürlich habe ich recherchiert, um die Bedeutung zu erfahren.

Schümann: Über Krankheiten im Allgemeinen wird ungern geredet.

Ich glaube, man macht sich über Aids keine Gedanken, wenn man nicht selbst betroffen ist oder jemanden kennt, der betroffen ist. Dennoch sollte das Thema nicht totgeschwiegen werden, auch wenn die heutige Medizin den Virus eindämmen kann.

Schümann: Auf jeden Fall. Ich mache es auch der heutigen Generation zum Vorwurf, dass in den meisten Köpfen nur das Thema einer möglichen Schwangerschaft bei der Verhütung eine Rolle spielt. An Krankheiten denken die meisten überhaupt nicht. HIV hat schon lange nichts mehr mit der homosexuellen Welt zu tun. Aus diesem Grund sollte man AIDS und HIV mehr thematisieren. Verhüten ab jetzt sofort und bitte immer, da es nicht nur ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden gilt, sondern auch Krankheiten.

Was war für Euch die größte Herausforderung?

Schümann: Ich habe lange gehofft, dass solch eine Rolle kommt – ich bin ansonsten ja meist der Fiesling. Für mich war es eine Traumrolle, bei dem, was da zusammen kommt – HIV-infiziertes, kick-boxendes Unterwäschemodel (lacht).

Luna, bei „Blue my Mind'' warst Du das unschuldige Mädchen, das mit dem Beginn der Pubertät eine ungewöhnliche Entwicklung durchmacht. Als Jessica wächst Du ebenfalls über Dich hinaus, als Du mit einer Situation konfrontiert wirst, die die Welt zum Einsturz bringen könnte. Wie stark bist Du selbst?

Wedler: Das ist schwer zu sagen. Natürlich sage ich jetzt, ja ich würde bei ihm bleiben. Aber erst, wenn ich wirklich in so eine Situation kommen würde, könnte ich mich für einen Weg entscheiden. Der Film zeigt, dass man zu vielem bereit ist, wenn man liebt.

Die Dreharbeiten sind fast ein Jahr her. Nimmt Euch der Film immer noch mit?

Wedler: Total. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, kam alles wieder hoch. Auch während des Drehs können so viele Dinge mit einem passieren, die plötzlich ausbrechen. Die Schauspieler unter sich lernen sich bei einem solchen Dreh sehr intensiv kennen.

Schümann: Es gibt so viele magische Erinnerungen, die so schön sind. Man wächst ja auch im Laufe der Dreharbeiten zusammen. Man macht während dieser Zeit soviel durch und redet gemeinsam über die Themen, die vor der Kamera wichtig sind. Dabei redet man auch über das private Leben und tauscht sich sehr viel intensiver aus.

Der Film spielt in den 1990er Jahren, in denen Ihr beide geboren seid. Ist die Handlungszeit für Euch besonders?

Wedler: Ich mag die 90er sehr, auch wenn ich erst am Ende geboren bin. (lacht)

Schümann: Wenn man sich heutzutage ansieht, wie die Leute angezogen sind, dann sieht man, dass die 90er gerade wiederbelebt werden. Und die Musik aus diesem Jahrzehnt ist einfach die coolste. Es war super, während der Dreharbeiten in den 1990ern gefangen zu sein. Wir haben jeden Tag mit unserer 90er-Playlist gestartet.

Wie sieht Eure berufliche Zukunft aus, welche Projekte stehen demnächst an?

Schümann: Ich darf nichts verraten (lacht).

Wedler: Ich werde am 5. Dezember in dem Drama „Auerhaus“ zu sehen sein. In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Bov Bjerg. Außerdem habe ich gerade die Dreharbeiten zur neuen Netflix-Serie „Biohackers'' beendet.

Vielen Dank für Eure Zeit und Eure ehrlichen Antworten.

Die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler (*1999) ist dem breiten Kinopublikum durch ihre Hauptrolle in ''Blue My Mind'' (2017) sowie in ''Das schönste Mädchen der Welt'' bekannt. Jannik Schühmann (*1992) erlangte nach Auftritten in TV-Krimis Anerkennung für seine Rollen u.a. in ''Spieltrieb'', ''Die Mitte der Welt'', ''High Society'' und ''Grenzenlos''.

Auch interessant

Meistgelesen

Antenne Bayern Moderatorin spielt Esel auf dem Kaufbeurer Weihnachtsmarkt
Antenne Bayern Moderatorin spielt Esel auf dem Kaufbeurer Weihnachtsmarkt
Experten beraten am "Runden Tisch" – MdL Schulze fordert Ausbau der Ressourcen und des Personals
Experten beraten am "Runden Tisch" – MdL Schulze fordert Ausbau der Ressourcen und des Personals
Einsturzgefährdet: Brücke zum Schulzentrum in Marktoberdorf birgt Versagensrisiko
Einsturzgefährdet: Brücke zum Schulzentrum in Marktoberdorf birgt Versagensrisiko
Gasexplosion: 5000 Euro Spende für Rettenbacher Familie
Gasexplosion: 5000 Euro Spende für Rettenbacher Familie

Kommentare