Verkehrswende de luxe

Impulse für eine neue Mobilität – Verkehrsexperte Professor Monheim in Marktoberdorf

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Nachdenkliche Gesichter und viel Gesprächsstoff: die Mobilität der Zukunft erfordert einen Paradigmenwechsel. Waltraud Joa (v. li.), SPD-Kreisrätin, Dr. Wolfgang Hell, Bürgermeister, Prof. Dr. Heiner Monheim, Stadtplaner, Hubert Endhardt, Grünen-Kreisrat, und Jürgen Osterrieder, Schüler und Mitglied von Fridays for Future.

Marktoberdorf/Ostallgäu – „Ein Weiter so… Das geht nicht mehr!“ schloss Stadtplaner und Verkehrsexperte Professor Dr. Heiner Monheim seinen gut eineinhalbstündigen, inspirierenden und kurzweiligen Vortrag zum Thema „Mobilität neu gedacht“.

Stattdessen empfahl er der Stadt Markt­oberdorf unter anderem, hundert Fahrradstraßen, 1000 Fahrradständer, vier städtische Buslinien und 60 Haltestellen einzuführen. Und den Perspektivwechsel: weg vom autozentrierten Denken, hin zu einem offenen und umweltgerechten Mobilitätsmanagement. Der ausgewiesene Raumplaner und überzeugte „Alltagsradler“ war der Einladung der Volkshochschule Marktoberdorf gefolgt. In der voll besetzten Aula des Gymnasiums diskutierte er anschließend mit Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell, Grünen-Kreisrat Hubert Endhardt, SPD-Kreisrätin Waltraud Joa und Jürgen Osterrieder von Fridays for Future.

Seinen Vortrag begann Heiner Monheim zunächst mit einem Blick weit zurück ins letzte Jahrhundert. 1920 noch war der Schienenverkehr in Deutschland ein dichtes, engmaschiges Netz gewesen. Der Geografie-Professor sprach von Postbus und Bahnbus sowie von den deutschen Wirtschaftswunderzeiten, in denen Unternehmen gar um einen Schienenhalt auf dem Werksgelände buhlten. Und heute? Monheim skizzierte die Entwicklung zur Autofahrernation, die Stilllegung vieler Bahnstrecken und Bahnhöfe sowie die Zersiedelung der Landschaft. 

Bis in die späten 90er Jahre sei das Land im Straßenbaufieber gewesen. „Was hat es uns gebracht?“, fragte er provokant ins Publikum. „Wir sind dabei im Stau gelandet.“ Der unkonventionelle Professor (der sich übrigens mit Faltrad und Bahn von Bonn auf die Reise nach Marktoberdorf begeben hatte) wurde nicht müde, die Absurditäten vom ‚Autoland Deutschland‘ offen zu legen: „Wir transportieren täglich 160 Millionen leere Autositze durch die Republik, weitere 160 Millionen Stellplätze vor Supermärkten, Krankenhäusern und Firmen asphaltieren unser Land.“ Und: „Elektro-Autos sind nichts weiter als ein Placebo“, so Monheim. „Man tauscht den Antrieb, aber der Stau bleibt. Und ein E-Stau ist nicht sympathischer als ein fossiler.“

Straßen neu denken

Was also tun? „Wir müssen umsteuern“, beteuerte der engagierte Verkehrsplaner. „Wir müssen Straße neu denken, sie als Lebensraum und nicht als Fahrbahn betrachten.“ Er forderte einen Wertewandel vor allem in den politischen Ebenen: „Die Menschen sind bereit für eine neue Form der Mobilität,“ erzählte er von seinen Beobachtungen. Die Voraussetzung für den Verzicht aufs Auto sei jedoch eine hochwertige und flexible Nahverkehrsplanung für Fußgänger, Radfahrer und Nutzer von Bus und Bahn. „Die Voraussetzung ist ein Menü, das schmeckt,“ brachte es Monheim auf den Punkt.

Eine Vision entwickelt

Wie aber soll dieses im ländlichen Raum angerichtet sein? Während die Stadtverwaltung gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe noch an einer Lösung tüftelt, entwarf der versierte Planer bereits eine Vision von der ländlichen Verkehrswende ‚de luxe‘. Erfahrungen und Beispiele brachte er aus vielen Städten mit: aus Lemgo in Nordrhein-Westfalen beispielsweise, das einst das erste kleinstädtische Stadtbussystem einführte. Aus Südtirol, wo ein so genannter Micro-ÖPNV gang und gäbe ist. Und aus Finnland, wo der Kombi-Bus gleichzeitig Fracht und Personen befördert. Seine Empfehlungen für Markt­oberdorf formulierte Heiner Monheim eindeutig: die Stadt brauche mehr Fahrradstraßen, abgeschlossene und diebstahlgesicherte Fahrradabstellplätze, Flaniermeilen und verkehrsberuhigte Bereiche sowie eine Verkehrsnetzplanung mit System.

Monheims Vortrag fand viel Zuspruch im Publikum und in der anschließenden Diskussionsrunde. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell schien am liebsten gleich morgen an die Umsetzung von Fahrradstraßen gehen zu wollen, bei der Finanzierung eines Stadtbusses ruderte der Rathauschef jedoch zurück. „Die Linienbus-Luxusversion werden wir nicht auf die Schnelle realisieren können. Wir arbeiten jedoch stetig an Verbesserungen, Marktoberdorf als Fahrradstadt attraktiv zu gestalten.“ Hubert Endhardt von den Grünen erklärte eine allgäuweite ÖPNV-Tarifgemeinschaft zum großen Ziel. Seine SPD-Kollegin im Kreistag, Waltraud Joa, plädierte dafür, die Belange älterer und gehandicapter Personen in die Mobilität der Zukunft mit einzubeziehen. Jürgen Osterrieder von Fridays für Future sagte, dass er aus den Visionen und aktuellen Entwicklungen Mut für deren Umsetzung in Markt­oberdorf schöpfe.


Angelika Hirschberg

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