"Die Denkweise muss sich ändern"

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Die Behindertenbeauftragte des Landkreises Ostallgäu, Waltraud Joa.

Landkreis – Mit einem Aktionsplan für die Inklusion behinderter Menschen im Landkreis beschäftigte sich vergangene Woche der Ostallgäuer Kreisausschuss. Der Kreisbote sprach im Nachgang mit Waltraud Joa über die Thematik. Sie ist die Behindertenbeauftragte für den Landkreis Ostallgäu und die Stadt Marktoberdorf.

Als sogenannter „Vertrauensmann für Behinderte“ für den Teilkonzern eines weltweiten Lebensmittelunternehmens und im Rahmen verschiedener Ämter und Interessenvertretungen setzt sie sich seit vielen Jahren für die Belange behinderter Menschen auch auf Landesebene ein. Joa ist Kreisrätin für das Ostallgäu und saß bis 2008 für die SPD auch im Marktoberdorfer Stadtrat. 

Frau Joa, wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Situation von Menschen mit Behinderung in den Bereichen Arbeit und Gesellschaft durch Maßnahmen „von oben“, wie dem Aktionsplan, tatsächlich verbessert wird? 

Joa: Ein „Verordnen von oben“ wird nicht funktionieren. Wir müssen alle Beteiligten, also Arbeitgeber, -nehmer, Kammern, Verbände, Arbeitsagentur und so weiter, aber insbesondere die Bürger unseres Landkreises mit ins Boot nehmen. Das wird nur über sensibilisieren, informieren und motivieren – und zwar über viele Jahre – zum Erfolg führen. 

Welche Arten von Behinderung sind im Aktionsplan berücksichtigt? Wie wird der Begriff „Behinderung“ definiert? 

Joa: Kaum ein Wort kann die Gemüter so erhitzen wie „Behinderung“ oder „behindert“. Fragen Sie einen Sonderschulpädagogen, einen Arzt, einen Juristen, einen Politiker, eine betroffene Mutter, die Liste kann fast unendlich geführt werden, Sie werden immer eine andere Definition erhalten. Wir im Ostallgäu haben uns an die allgemeine Erklärung gehalten, das heißt Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Sehbehinderung, Blindheit, Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit, Lernbehinderung, psychische Beeinträchtigung und chronische Erkrankungen.

Der Aktionsplan berücksichtigt vielfältige Lebensbereiche, von der Arbeitswelt über Bildung und Erziehung bis hin zu selbstbestimmtem Wohnen. Wie bringt man all das unter einen Hut? Welche Partner müssen dafür gewonnen werden oder sind schon beteiligt? 

Joa: Ein Aktionsplan wird von einem funktionierenden und aktiven Netzwerk getragen. Ich nenne hier nur einige Partner, wie zum Beispiel OBA, Schule/Wirtschaft, Behindertenkontaktgruppen und nicht zu vergessen unsere Partner in den Gemeinden, die gemeindlichen Behindertenbeauftragten vor Ort. 

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Was kann jeder einzelne Bürger, jedes Unternehmen dafür tun? 

Joa: Wir sind eine christlich sozial geprägte Gesellschaft. Grundgesetz, die zehn Gebote, Behindertengleichstellungsgesetz und UN-BRK sollen unserer Gesellschaft Orientierung geben. Jeder Bürger, jeder Unternehmer soll sich nur seiner sozialen Verantwortung bewusst werden, das Denken muss sich verändern. Die beste Basis für unseren Aktionsplan. 

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung wird in der Gesellschaft oft als eine Art Hilfe für „Benachteiligte“ angesehen. Hat die Gesellschaft selbst denn auch Vorteile davon? 

Joa: Hier muss ich an die Aussage eines Unternehmers denken, der einen Mitarbeiter mit Handicap beschäftigt, und mir erklärte, dass sich durch diesen Arbeitnehmer der Umgangston und das Sozialverhalten innerhalb seiner Belegschaft zum positiven verändert haben. Denken Sie nur an den Aufzug, der auch für die Mama mit Kinderwagen eine Erleichterung ist. Eine Rampe am Eingang eines Wohnblocks wird von vielen genutzt. Der sogenannte „null abgesenkte“ Bereich bei Geh- und Radwegen. 

Sie sind selbst körperbehindert. Was hat Ihnen persönlich den Mut und die Kraft gegeben, sich gegen eventuelle Vorurteile durchzusetzen? 

Joa: Genau „die Vorurteile“, die man täglich widerlegen kann. Menschen mit Handicap sind genauso wie Menschen ohne Handicap nicht in „schwarz – weiß“ einzuteilen. Jeder Mensch ist eine eigenständige Persönlichkeit die individuell gesehen werden muss. Wir sollten weniger an die Schwächen denken, sondern fragen, welche Stärken jedes Individuum für die Gesellschaft einbringen kann. 

Eine Frage zum Schluss: Wie schätzen Sie aus Ihren täglichen Erfahrungen als Behindertenbeauftragte die Bereitschaft von Unternehmen, Wohnbaugesellschaften etc. ein, sich auf das Thema Inklusion einzulassen? 

Joa: Wie bereits erwähnt, Grundlage ist Sensibilisierung, Aufklärung, Motivation und ein langer Atem, dann kommen wir ans Ziel. Grundsätzlich habe ich die hiesigen Unternehmen aber bislang zum größten Teil als kooperativ und offen erlebt.

Das Interview führte Michaela Frisch

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